Warum die Sorge über künstliche Intelligenz unangebracht ist
Die Angst vor der Maschine ist die Angst vor uns selbst
Der Philosoph Rüdiger Safranski erzählt in «Die Vierte Kränkung» die Geschichte menschlicher Selbstenteignung. Doch das Unbehagen gegenüber künstlicher Intelligenz sei unangebracht, findet Marcel Salathé.
Marcel Salathé20.09.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Mit einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor machen am 15. 9. 2026 Aktivisten auf Risiken durch künstliche Intelligenz aufmerksam.
Rolf Zöllner / Imago
«Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.» Diese Zeile aus Goethes «Zauberlehrling» hängt wie ein Damoklesschwert über dem tiefsinnigen Text, den Rüdiger Safranski mit seinem neuen Buch «Die Vierte Kränkung» vorlegt. Der Titel reiht sich ein in die Serie von scheinbaren Kränkungen, die der Mensch gemäss Sigmund Freud ertragen musste. Die erste kam von Kopernikus, der den Menschen aus dem Zentrum des Universums verbannte. Die zweite von Darwin, der ihm die göttliche Abstammung nahm und ihn zu einem ganz normalen biologischen Produkt der Evolution erklärte. Die dritte Kränkung schliesslich kam von Freud selbst, der zeigte, dass das Ich nicht Meister im eigenen Haus ist, sondern vom Unbewussten gelenkt wird.
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Nun also die vierte Kränkung, in welcher der Mensch eingestehen muss, dass er eines Tages vielleicht nicht mehr die höchste Intelligenz auf dem Planeten sein wird. Dieses Unbehagen drückt sich wortstark im Untertitel des Buches aus: «Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz». Die vierte Kränkung, so Safranski, sei besonders schmerzhaft, weil die KI eine Art toter Geist sei, der den lebendigen Geist des Menschen nachäffe. Daraus ergibt sich die Frage, die das Buch umkreist: Wird sich unser lebendiger Geist gegen diese künstliche Intelligenz, dieses «bewusstlose Monstrum», behaupten können?
Wegmarken des Fortschritts statt Kränkungen
Weite Teile des Buches sind von einem starken Pessimismus durchzogen. Wir lesen von Ohnmachtsgefühlen, Ängsten und Aggressionen, von Gefahren wie autonomen Waffensystemen oder davon, dass es immer weniger Menschen brauche, um die Arbeit zu erledigen. Ein zentrales Motiv ist das Verschwinden «des Autors», weil die KI nun selbst Texte schreiben kann. Angesichts dieser maschinellen Simulation bleibe uns letztlich nur eine von zwei Möglichkeiten: uns den toten Maschinen anzugleichen oder durchzudrehen.
Die Argumentation scheint mir, um es gelinde auszudrücken, problematisch. Man mag die genannten Erkenntnisse von Kopernikus, Darwin und Freud als Kränkungen empfinden. Letztlich sind sie aber Siege des kollektiven Geistes über den individuellen, der sich immer als Mittelpunkt allen Geschehens sah. Weder die Entdeckung unserer wahren Position im Weltall noch die Erkenntnis der Evolution durch natürliche Selektion haben uns geschadet. Sie sind im Gegenteil Wegmarken eines Fortschritts, der uns fast schon unheimliche Vorteile gebracht hat.

Marcel Salathé
Jean-Christophe Bott / Keystone
Wieso genau unsere Erfindung einer künstlichen Intelligenz einer Kränkung gleichkommen soll, hat sich mir auch nach der Lektüre nicht erschlossen. Viele der im Buch angetönten Gefahren, die die künstliche Intelligenz angeblich bringen soll, halten einer genaueren Betrachtung nicht stand, zumindest zum heutigen Zeitpunkt. Die Antwort auf diesen Einwand lautet typischerweise, es sei noch zu früh, die negativen Konsequenzen würden sich in Bälde manifestieren, man möge doch bitte etwas Geduld haben, die Apokalypse brauche schliesslich auch ihre Zeit.
Um seine Argumente zu unterstützen, greift der Autor mit seinem gewaltigen literarischen und philosophischen Wissen immer wieder in den Fundus vergangener Denker, die zu ihrer Zeit Unheil ahnten – natürlich nicht wegen der künstlichen Intelligenz, sondern wegen der Technologie, die ihre eigene Epoche prägte. Platon warnte einst davor, dass das Schreiben das Gedächtnis schwäche. Der deutsche Schriftsteller E. T. A. Hoffmann warnte vor über zweihundert Jahren vor den damals gebauten mechanischen Automaten. Die französischen Philosophen Barthes und Foucault verkündeten bereits Ende der 1960er Jahre das Verschwinden des Autors, ganz ohne KI. Was das Argument eigentlich unterstützen sollte, untergräbt es eher, denn keine dieser Befürchtungen hat sich bewahrheitet.
Der Mensch als aggressives Tier, den die KI simuliert
Spekulieren darf man in einem philosophischen Werk natürlich, und viele der Überlegungen fanden in mir durchaus Resonanz. Safranski erklärt, wie das menschliche Aggressionspotenzial zwar uralt sei, aber mit einfacher Technologie noch eine begrenzte Reichweite gehabt habe, ganz im Gegensatz zur heutigen Situation, in der ein Knopfdruck Hunderttausende Menschenleben zerstören kann. Unsere Technologie ist mittlerweile so mächtig, dass sie die Grenzen des Verantwortbaren übersteigt. Diesem interessanten Gedanken kann ich zustimmen. Er zeigt uns aber auch, dass sich die Verantwortung immer mehr vom Individuum hin zur Gesellschaft verlagert. Bei einer Atomwaffe käme wohl niemand auf die Idee, von Eigenverantwortung zu sprechen, ausser vielleicht ein Diktator. Solch mächtige Technologie können wir nur als Gesellschaft verantworten.
Aber KI ist keine Atomwaffe, und hier zeigt sich eben die Gefahr des Spekulierens. Die heutige KI fasst zusammen, redigiert E-Mails und passt Powerpoint-Folien an. Sie wird in der Tat laufend mächtiger, auch in anderen Bereichen. Doch die Phantasien von KI, die sich verselbständigt, Bewusstsein erlangt oder die vollkommene Kontrolle über unser Leben übernimmt, sind eben das: Phantasien. In diesen Phantasien zeigt sich, so ahne ich, letztlich immer die eigentliche Urangst des Menschen, nämlich die vor sich selbst. Der Mensch ist ein aggressives Tier, und nirgends tritt das deutlicher zutage als in zwischenmenschlichen Konflikten. Gepaart mit mächtiger Technologie, hat diese Aggression im 20. Jahrhundert vielfach zu unvorstellbarem Grauen geführt. Die rationale Angst gilt deshalb oft gar nicht den mächtigen Maschinen selbst, sondern den Menschen, denen diese in die Hände fallen.
«Die Vierte Kränkung» hinterlässt bei mir den Eindruck einer anregenden Reflexion über das Wechselspiel zwischen Mensch und Maschine, die aber immer wieder in Katastrophismus abgleitet und die Maschine unnötig vermenschlicht. Aber sie ist vielleicht gerade auch deshalb ein präzises Spiegelbild der momentanen gesellschaftlichen Debatte über eine Technologie, bei der wir uns in Europa entschieden zu haben scheinen, eine unwesentliche Nebenrolle zu spielen.
Eine Technologie, die wir als Geist empfinden, der sich nur mit einem Zauberspruch von oben – in Form von Regulierung – bändigen lässt. Die künstliche Intelligenz ist aber kein Geist und benötigt keine Magie. Sie ist eine normale Technologie, die diejenigen kontrollieren werden, die sie herstellen, benutzen und verstehen.
Marcel Salathé ist ausserordentlicher Professor an der ETH Lausanne, wo er das Labor für digitale Epidemiologie leitet. 2025 erschien sein Buch «Kompass Künstliche Intelligenz. Ein Reiseführer durch eine Welt in verrückten Zeiten.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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