Irene Misselwitz: Warum die AfD im Osten auf Geborgenheit setzt


Die DDR-Therapeutin Irene Misselwitz: «Die AfD tut so, als könnte sie den Ostdeutschen Sicherheit und Geborgenheit geben»

In Sachsen-Anhalt ist eine Partei auf dem Sprung zur Macht, die Deutschlands Demokratie umkrempeln will. Ist das die Rache der Ossis für 1989? Die Nervenärztin und Psychotherapeutin Irene Misselwitz erzählt, wie sie und ihre Patienten die Wendejahre erlebt haben.

Lisa Plank23.08.2026, 05.30 Uhr

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Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, fotografiert sich bei einer organisierten Fahrt von Liebhabern von Mopeds der DDR-Marke Simson.

Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, fotografiert sich bei einer organisierten Fahrt von Liebhabern von Mopeds der DDR-Marke Simson.

Jens Schlueter / Getty

NZZ am Sonntag: In Sachsen-Anhalt ist Wahlkampf, und die AfD bietet allerlei Freizeitangebote an: Grillfeste und gemeinsame Mopedausfahrten zum Beispiel. Das kommt gut an. Hat dieser Wohlfühl-Wahlkampf etwas mit den besonderen ostdeutschen Erfahrungen nach der Wende zu tun?

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Irene Misselwitz: Die Menschen in Ostdeutschland haben damals einen Zusammenbruch der gesamten gesellschaftlichen Organisationsstruktur erlebt, und viele von ihnen litten im neuen System unter Vereinsamung. Das hat die Menschen verunsichert. Und die AfD tut so, als könnte sie ihnen Sicherheit und Geborgenheit geben. Sie stellt sich als Kümmerpartei dar und bietet alle möglichen Aktivitäten an. Das spricht die Menschen an.

Frage: Jetzt ist die AfD aber nicht nur in Ostdeutschland stark, auch im Westen zieht sie nach.

Antwort: Ich glaube, dass Menschen, besonders wenn sie verunsichert sind, solchen Populisten auf den Leim gehen. In Ostdeutschland gab es die grosse Verunsicherung nach der Wende, aber dann war es ja nicht vorbei. Später kamen die Finanzkrise, die Klimakrise, die Geflüchteten, jetzt die Kriege. Und diese Krisen treffen auch den Westen, deshalb überrascht es mich gar nicht, dass auch dort die AfD erstarkt. Wir sind alle ein Stück auf Geborgenheit und Sicherheit angewiesen. Und je mehr man darauf angewiesen ist, desto grösser die Gefahr, den Populisten auf den Leim zu gehen.

Frage: Sie haben in Ihrem Beruf einen Einblick in die Psyche vieler Menschen in Ostdeutschland erhalten, vor und nach der Wende. Was ist Ihnen aufgefallen?

Antwort: Vor der Wende hatten wir auf der Station in der Klinik viele Ausreiseantragsteller. Das waren Menschen, die etwas auf die Beine stellen wollten, etwas erneuern und verändern wollten, aber scheiterten, mit Repressalien zu kämpfen hatten und deshalb ausreisen wollten. Kreative, starke Persönlichkeiten, die mit dem Kopf gegen die Mauer gerannt sind. Nach der Wende, als alles unvertraut und nichts mehr sicher war, erkrankten eher die Menschen, die keine besonderen individuellen Pläne hatten. Die Menschen, die ein geschütztes Milieu und Geborgenheit gebraucht hätten.

Zur Person

Die Ärztin wurde 1945 in Leipzig geboren und arbeitete zu DDR-Zeiten dreiundzwanzig Jahre lang als Neurologin und Psychiaterin an der Universitätsnervenklinik in Jena. In der DDR war sie in der Friedensbewegung engagiert. Nach der Wende machte Misselwitz eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin und eröffnete in Jena eine eigene Praxis, die sie bis 2014 betrieb.

Frage: Wie hat sich das geäussert?

Antwort: Die DDR hat von der Wiege bis zur Bahre alles bestimmt und befürsorgt. Und das macht das jetzige System nicht. Und jeder Arbeitsplatz war sicher, zumindest, wenn man nicht gerade gegen den Staat rebellierte. Am stärksten ist mir das bei den Alkoholikern aufgefallen. Wenn ein Alkoholiker in der DDR das Wochenende durchgetrunken hatte und am Montagmorgen nicht im Kollektiv erschien, dann machte sich der Brigadier, der Chef, auf den Weg zu ihm nach Hause, packte ihn am Schlafittchen und brachte ihn in die Arbeit, wo er dann nicht mehr weitertrinken konnte. Nach der Wende hat das niemand gemacht. Da hat sich niemand gekümmert. Und die Alkoholiker waren natürlich die Ersten, denen gekündigt wurde, und die waren dann völlig verloren.

Frage: Wie haben Sie selbst die Wende erlebt?

Antwort: In der DDR war das Arbeitskollektiv ja sozusagen wie eine Familie, und da wurden auch alle möglichen gesellschaftlichen Aktivitäten veranstaltet. In unserem Team auf der Psychotherapiestation haben wir zum Beispiel Orchideenwanderungen gemacht, wir waren auf Lesungen, im Theater, auf Konzerten und generell auf vielen Kulturveranstaltungen. Die Arbeitskollektive waren sozusagen eine soziale Heimat. Und das fiel natürlich mit der Wende alles weg. Die ganze Arbeitswelt wurde umstrukturiert, und die Menschen verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die soziale Einbindung.

Frage: Würden Sie sagen, die Wende war für Sie etwas Positives, Befreiendes?

Antwort: Unbedingt. Ich gehörte zehn Jahre zur christlichen Friedensbewegung, und wir wollten die DDR verändern, demokratisieren, ganz vieles ganz anders gestalten. Und die Wende war dann zunächst eine grosse Befreiung. Aber eigentlich weniger die Wende als diese Revolution, dieser revolutionäre Aufbruch. Das war eine ganz aussergewöhnliche Zeit, da habe ich mich in einem positiven Ausnahmezustand empfunden. Aber am 9. November fiel die Mauer, und Ende November war schon klar, dass wir jetzt Teil des Westens werden. Und das kannten wir ja nicht. Wir wussten nicht, wie Westen geht und was man da machen muss und wie man sich da verhalten muss. Und dann wurde auch die revolutionäre Bewegung, in der ich ja aktiv war, gar nicht mehr gebraucht. Das hat mir grosse Probleme gemacht, weil es mein vertrautes Umfeld, in dem ich mich wirkmächtig erlebt habe, gar nicht mehr gab. Wir mussten uns anpassen und einrichten. Und das hat mir einen ziemlichen Schlag versetzt.

Frage: Was nehmen Sie daraus mit?

Antwort: Wir DDR-Bürger sollten ja immer so glücklich sein nach der Wende. Und ich glaube, sowohl von uns selbst als auch von unseren bundesdeutschen Mitbürgern und -bürgerinnen wurde verkannt, was die Wende für uns bedeutet hat. Das war der Zusammenbruch unseres alten Systems und damit auch der Wegfall einer von vielen ungeliebten Umgebung. Aber eben der Wegfall alles Vertrauten und Gewohnten – das ist schon ein ziemlich belastendes Lebensereignis. Und das wurde von uns und natürlich auch von den anderen verkannt. Daraus haben sich auch viele Missverständnisse ergeben. Damals kursierte das Wort von den Jammer-Ossis. Und das waren wir auch in gewisser Weise, ich auch, obwohl ich gar nicht so laut gejammert habe. Aber wenn man alles Vertraute auf einen Schlag verliert, wenn der Boden, auf dem man gestanden ist, wenn der einfach wegbricht, verschwindet, dann ist das nicht einfach so zu schaffen.

Frage: Wie lange hat das denn bei Ihnen gedauert, bis Sie sich akklimatisiert haben?

Antwort: Zwanzig Jahre? Ich hatte damals Glück, dass ich nach der Wende eine psychoanalytische Weiterbildung machen konnte, und in diesem Kontext macht man auch eine Lehranalyse. Man nennt das Lehranalyse, aber eigentlich macht man einfach eine Therapie. Und das hat mir sehr bei der Stabilisierung geholfen.

Frage: Wie ist es mit der Identität? Welche Rolle spielt sie bei einem solchen Umbruch wie in Ostdeutschland?

Antwort: Also, das ist auch eine ganz merkwürdige Erfahrung. In der DDR-Zeit, da haben wir gar nicht drüber nachgedacht, was unsere Identität ist. Erst nach der Wende, in der Konfrontation mit den bundesdeutschen Mitbürgerinnen und -bürgern, da haben wir erst gemerkt, dass wir anders sind. Durch die Aussenperspektive auf unser DDR-Leben, die wir nach der Wende einnehmen konnten, wurde uns die DDR-Prägung, die DDR-Identität, erst bewusst. Und dazu kam der Zusammenbruch der sozialen Struktur, der Arbeitsplatzverlust und überhaupt die Entwertung der bisherigen Qualifikation und Lebensleistung. Die trotzig propagierte Ostalgie hat hier ihre Wurzeln.

Frage: Warum findet diese Nostalgie dann auch bei jungen Menschen so viel Anklang, die die DDR und die Wende gar nicht erlebt haben?

Antwort: Das führt sich über die Generationen fort, denn wenn Kinder merken, dass die Eltern verunsichert sind und in Turbulenzen geraten, dann sind Kinder in der Regel loyal und versuchen ihre Eltern zu unterstützen. Dann übernehmen sie diese Identifizierung und auch diese kritische Haltung der Umwelt gegenüber. Das sehen wir alles heute noch, auch wenn sich diese Phänomene allmählich abschwächen.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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