Setzt Irans Regime auf Eskalationen, um soziale Unruhen zu vermeiden?
Lieber Krieg als Proteste – Irans Regime setzt auf Eskalation, weil es die leeren Kühlschränke im eigenen Land fürchtet
Die iranische Führung wird nervös und droht mit Eskalation in der Region – und sogar bis Europa. Sie hat wegen der Folgen der Wirtschaftsblockade Angst vor sozialen Unruhen. Die Bevölkerung macht ihrer Wut in den sozialen Medien Luft.
Omide Azadi, Teheran23.08.2026, 05.30 Uhr
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Die Angst vor sozialen Unruhen steigt ebenso wie die Gefahr einer Eskalation durch das Regime: Frauen vor einem Wandbild des verstorbenen obersten Führers, Ali Khamenei.
Abedin Taherkenareh / EPA
Die Iraner haben einen neuen Volkssport. Sie posten in den sozialen Netzwerken Videos voller Galgenhumor von ihren leeren Kühlschränken und den Kassenzetteln der täglichen Einkäufe, die noch möglich sind. In einem tönt es aus dem Kühlschrank, den ein Mann öffnet: «Es gibt nichts zu essen. Du hast mich in einen Ort verwandelt, der nichts anderes tut, als Wasser zu speichern.» In anderen Videos zeigen sie, was sie überhaupt noch einkaufen können, und beschweren sich wütend über die explodierenden Preise. Eine junge Frau deutet auf einen Sack mit Gurken, Tomaten und mehreren Eiern und sagt: «Diese drei Artikel allein kosten mich 500 000 Toman (2,5 Prozent des Mindestlohns). Wenn wir uns beschweren, nennt man uns Verräter und Randalierer.»
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Die Verzweiflung in der Bevölkerung steigt, und während sie sich damit sogar an die Öffentlichkeit traut, scheint die neue Eskalationsrhetorik des Regimes mit der Angst vor den dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen der amerikanischen Hafenblockade zu tun zu haben: Um sie zu beenden und die Möglichkeit erneuter sozialer Unruhen im eigenen Land zu verhindern, ziehen Regierungsvertreter gemäss der «Financial Times» seit neustem in Betracht, amerikanische Ziele und Militärstützpunkte sogar auf europäischem Boden anzugreifen.
Nur noch Vegetarier
Es ist Donnerstag, gegen 10 Uhr morgens, und auf dem Baharloo-Obst- und Gemüsemarkt am Moniriyeh-Platz in Teheran sind nur wenige Einkaufswagen oder Körbe voll. Der Markt liegt eine Kreuzung entfernt von dem Gelände, das als Residenz des ehemaligen iranischen Führers diente – und bei den amerikanischen und israelischen Angriffen am ersten Kriegstag schwer beschädigt wurde. An der Kasse ist kein Wort häufiger zu hören als «teuer!». Ali, ein Maschinenbauingenieur mittleren Alters, zeigt auf die Tasche mit Zucchini, Tomaten und Auberginen in seinem Einkaufswagen und sagt sarkastisch: «Die Regierung hat die meisten Iraner zu Vegetariern gemacht, weil wir uns Fleisch und Hähnchen nicht mehr leisten können.»
Mehrere Kisten mit Obst und Gemüse stehen auf dem Boden verteilt. Mohsen, ein älterer Mann im Ruhestand, nimmt aus einer davon einen angeschlagenen Pfirsich und sagt: «Nach dreissig Jahren als Lehrer und harter Arbeit ist mein Leben nun so ausgegangen.» Er sagt, er erhalte eine monatliche Rente von umgerechnet 130 US-Dollar, von denen etwa 52 Dollar für die Miete draufgingen. Die verbleibenden 78 Dollar deckten Lebensmittel, Medikamente, Arztbesuche und Nebenkosten ab. Nach Zahlung seiner Miete habe er etwa 2 Dollar 50 pro Tag, um alle seine übrigen Ausgaben zu bestreiten.
Ein grosser Teil der iranischen Bevölkerung hatte bereits vor Beginn des Krieges zwischen Iran und den USA sowie Israel wirtschaftliche Schwierigkeiten. Sie führten unter anderem zu den landesweiten Protesten im Januar und deren blutiger Niederschlagung durch die Regierung. Nun, insbesondere seit der amerikanischen Blockade, hat sich die wirtschaftliche Lage Irans nochmals massiv verschlechtert.
In den letzten Monaten haben sich die Preise vervielfacht, gemäss den offiziellen Zahlen liegt die Lebensmittelinflation in jeder Provinz bei über 100 Prozent. Zudem sind die staatlichen Einnahmen aus dem Ölhandel, wie Abdolnaser Hemmati, der Chef der iranischen Zentralbank, diese Woche sagte, «auf null gesunken». Unterdessen hat die Trump-Regierung eine neue Runde Sanktionen gegen Iran angekündigt: «D-Day» nennt dies der US-Präsident.
Kühlschrank gegen Fernseher
Ein politischer Aktivist, der früher eine Kaderposition im Innenministerium innehatte und sich selbst Issa nennt, beschreibt den wirtschaftlichen Druck auf die Bevölkerung und die Auswirkungen des Krieges als eine gespannte Feder, die jeden Moment reissen könnte und eine weitere Welle landesweiter Proteste auslösen würde, ähnlich wie im Januar. Er denkt, dass die Vereinigten Staaten darauf abzielen, die iranische Wirtschaft lahmzulegen, und auf erneute soziale Unruhen setzen. Der Aktivist bezieht sich auf die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und sagt, die Sowjetunion sei zusammengebrochen, als «der Kühlschrank den Kampf gegen den Fernseher gewann»: Die Verantwortlichen sprachen von Sieg und Fortschritt, während die einfachen Menschen kaum etwas zu essen hatten. Issa glaubt, dass sich in Iran derzeit etwas Ähnliches abspiele.
Während sich Kühlschränke und Esstische leeren, befürchten die Iraner nun, dass auch die Tanks ihrer Autos leer bleiben könnten. Die Seeblockade hat nämlich nicht nur dazu geführt, dass die Einnahmen aus den Ölexporten weggefallen sind, sondern auch dazu, dass die Importe beeinträchtigt wurden. Vor dem Krieg importierte Iran einen Teil seines Benzins aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, wandte sich nach der Blockade jedoch Russland zu. Doch ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien und dortige Kraftstoffengpässe haben auch diese Versorgungsroute praktisch zum Erliegen gebracht. Iranische Regierungsvertreter geben zu, dass die Mittel fehlen, um den subventionierten Benzinverkauf aufrechtzuerhalten. Sie warnen vor möglichen Erhöhungen der Benzinpreise und Kürzungen der Subventionen. Vizepräsident Saghafi Esfahani sagt, das Land stehe vor einem täglichen Benzinmangel von 20 Millionen Litern.
In den vergangenen Wochen mussten Autofahrer in mehreren iranischen Städten lange Warteschlangen und eine Begrenzung auf 20 Liter in Kauf nehmen. Am Mittwoch erreichte die Knappheit auch die Hauptstadt, als mehreren Tankstellen das Benzin ausging. Solche Berichte lösen im Land grosse Besorgnis aus. An einer anderen Tankstelle im Zentrum von Teheran sagt ein Mann, der gerade seinen Kia Pride betankt, kopfschüttelnd: «Früher sagten die Behörden, dass eine Sperrung der Strasse von Hormuz die Benzinpreise in den USA in die Höhe treiben und Trump zwingen würde, den Krieg zu beenden. Jetzt sprechen sie von Benzinknappheit in Iran und der Möglichkeit einer Preiserhöhung hier.»
Lieber Krieg als Proteste?
Ist teurer werdendes Benzin der Funke, der das Pulverfass der sozialen Unruhen entzünden könnte – so wie schon 2019, als eine Erhöhung der Kraftstoffpreise landesweite Proteste auslöste? Die reformorientierte Zeitung «Sharqh» thematisierte kürzlich in einem Leitartikel mit der Überschrift «Benzin ist brennbar» die Möglichkeit erneuter Proteste nach einer Benzinpreiserhöhung. Und Masoud Nili, ein bekannter iranischer Wirtschaftswissenschafter, sagte vor einigen Tagen: «Eine mehrfache Erhöhung der Energiepreise könnte eine soziale und politische Explosion auslösen. Diese Politik ist keineswegs ratsam, da sie zum Tod mehrerer tausend Menschen führen könnte.»
Je mehr sich die wirtschaftliche Lage zuspitzt, desto lauter scheint die Regierung mit dem Säbel zu rasseln. Regierungsnahe Hardliner bezeichnen ein mögliches Abkommen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten inzwischen als «einen wertlosen Fetzen Papier». Mohsen Rezaei, vergangene Woche zum Sekretär des Obersten Rates für nationale Sicherheit ernannt, mahnte im Fernsehen: «Wir werden die Fortsetzung der Seeblockade nicht tolerieren.» Und Yadollah Javani, der politische Stellvertreter der Revolutionswächter, sagt: «Unsere Aktionen waren bisher defensiver Natur, könnten aber offensiv werden.»
Gemeint sind damit nicht nur Attacken auf amerikanische Stellungen und Basen – in der Region und darüber hinaus –, sondern auch die Geiselnahme von Soldaten oder gar von amerikanischen Bürgern. Der politische Aktivist, der sich Issa nennt, erklärt gegenüber dieser Zeitung, dass die Islamische Republik einen Krieg möglicherweise erneuten Protesten vorziehe. Er sagt, die militärischen Befehlshaber und Funktionäre des Landes seien nun bereit, «alles auf eine Karte zu setzen», um erneute Proteste zu verhindern und die Seeblockade zu durchbrechen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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