„Wie in einem Live-Krimi“: Mutige Frau aus Hessen stellt Trickbetrügern am Telefon eine Falle


Die Handschellen klicken im Esszimmer: Eichenzellerin lockt Telefonbetrüger in eine Falle

Stand: 08.08.2026, 07:47 Uhr

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Immer wieder rufen Telefonbetrüger bei Renate Kiefers hochbetagter Mutter in Eichenzell an. Kiefer, die eigentlich anders heißt, beschließt, den Spieß umzudrehen – und stellt den Betrügern eine Falle.

Eichenzell – Immer wieder klingelten die Betrüger bei ihrer Mutter in Eichenzell durch, erinnert sich die Osthessin im Gespräch mit der Fuldaer Zeitung. Mal behaupteten sie, es habe einen tödlichen Unfall gegeben, mal sei das Konto der Seniorin um 60.000 Euro überzogen. „Meine Mutter ist 91 Jahre alt und hat noch eine kurze Telefonnummer. Ich vermute, dass die Betrüger gezielt diesen alten Telefonanschluss gewählt haben, um alte Leute zu erwischen“, sagt Renate Kiefer.

Festnetz-Telefon

Eine Frau aus Eichenzell hat sich von Trickbetrügern am Telefon nicht in die Falle locken lassen – und den Spieß einfach umgedreht. (Symbolfoto) © Christin Klose/dpa-tmn

Die 91-Jährige ist laut ihrer Tochter zwar noch fit im Kopf, aber schwerhörig. Bei den Anrufen verstand sie oft nur Bruchstücke und reichte den Hörer an Tochter Renate weiter. Die reagierte zunächst mit Schimpfwörtern und legte auf. Dass es sich um Betrüger handeln muss, war ihr sofort klar: „Zum einen liest man ja immer wieder von solchen Betrugsversuchen. Zum anderen weiß ich, dass die Polizei mich nicht auffordern würde, Wertsachen in Sicherheit zu bringen oder eine Kaution für irgendetwas zu verlangen.“

„Ich weiß aber, dass viele Menschen darauf hereinfallen. Das finde ich sehr tragisch“, berichtet Renate Kiefer weiter. Entsprechend nahm sie sich nach einem der Anrufe vor: „Beim nächsten Mal kriege ich die dran.“ An einem Montag im Juli war es dann so weit. Ein angeblicher Polizist erklärte Kiefer am Telefon, ihre Familie stehe auf der Liste einer marokkanischen Einbrecherbande. Sie müsse ihre Wertsachen in Sicherheit bringen. Die Betrüger verbanden sie mehrfach weiter, unter anderem zum „obersten Polizeichef“. Jedes Mal knackte und krächzte es in der Leitung, erinnert sich die Eichenzellerin.

Kiefer spielte mit. „Ich musste aber während des Gesprächs irgendwie die Polizei kontaktieren. Also habe ich behauptet, ich müsse kurz meine Mutter ins Bett bringen. Ich habe den Hörer beiseitegelegt, heimlich mein Handy angeschaltet und die 110 gewählt.“ Der echten Polizei erklärte sie dann die Situation und bat um Unterstützung. Dann stellte sie die Betrüger auf Lautsprecher und legte das Handy neben das Festnetztelefon, damit die Beamten mithören konnten.

„Ich musste den Betrügern ziemlichen Mist erzählen, damit die mich weglassen“, berichtet Renate Kiefer. Die Kriminellen bestanden nämlich darauf, dass sie das Telefon überallhin mitnehme. „Ich habe denen dann erzählt, dass das nicht gehen würde, weil wir kein kabelloses Telefon hätten, sondern nur so ein altes aus den 70ern – mit Kabel und Wählscheibe.“

Polizisten melden sich mit vereinbartem Passwort an der Terrassentür

Kurz darauf standen zwei Zivilermittler an Kiefers Terrassentür und hielten einen Zettel mit dem vereinbarten Passwort hoch. Rund zwei Stunden hielten die Betrüger die Eichenzellerin in der Leitung. Sie wiederholten immer wieder dieselbe Geschichte, um zu verhindern, dass sie auflegte. Die angebliche Polizistin, die das Geld abholen sollte, stecke noch im Stau, hieß es.

Kiefer vermutet, dass die Betrüger nicht direkt in Osthessen sitzen und deshalb erst eine weitere Strecke zurücklegen müssten, um ein Betrugsopfer zu erreichen. Schließlich beschleunigte die Eichenzellerin die Sache, indem sie behauptete, sie müsse bald weg. „Die armen Polizisten mussten ja die ganze Zeit bei mir in der Wohnung warten.“

Schließlich tauchte eine unauffällig schwarz gekleidete Frau am Hofeingang auf. Kiefer fragte, ob sie die angekündigte „Eileen“ sei. Die Frau bejahte, wollte aber zunächst nicht ins Haus kommen. „Man konnte ihr ansehen, dass sie schon so halb auf der Flucht war“, erinnert sich Kiefer. Sie bat die Frau herein, weil sie das Ganze nicht im Hof abwickeln wolle.

Die Polizei rät Betroffenen:

- Seien Sie misstrauisch, wenn sich jemand am Telefon nicht selbst mit Namen vorstellt oder als Polizeibeamter beziehungsweise Person der Justiz ausgibt, den Sie als solchen nicht erkennen.

- Legen Sie einfach den Telefonhörer auf, sobald Ihr Gesprächspartner Geld von Ihnen fordert.

- Rufen Sie die Polizei an.

- Übergeben Sie niemals Geld oder Wertsachen an Ihnen unbekannte Personen.

- Informierten Sie Angehörige, Verwandte und Bekannte über di eaktuelle Anrufwelle.

Die Täter passen ihr Vorgehen an Ängste der potenziellen Opfer an. Anhaltende Telefonate mit den Tätern während des Betrugs verhindern den Kontakt mit nahestehenden Personen. Hierdurch werden Opfer dazu verleitet, hohe Beträge zu zahlen. Folgen wie ein Rückzug aus der Gesellschaft sowie Schamgefühl bieten Trickbetrügern eine Plattform. Die Polizei rät daher: „Sprechen Sie offen über das Geschehene, jeder kann Opfer werden. Scheuen Sie sich nicht die Polizei beim Verdacht eines Betrugs zu informieren.“ Informationen zum Trickbetrug gibt es unter anderem auf der Internetseite des Polizeipräsidiums Osthessen.

Dann schnappte die Falle zu. Bei der Festnahme durfte Kiefer nicht dabeibleiben, wie sie bedauernd erzählt. „Eigentlich wollte ich gerne ein Foto machen – man hat schließlich nicht jeden Tag jemanden mit Handschellen im Esszimmer.“ Stattdessen ging sie in ein anderes Zimmer und trank erst einmal einen Jägermeister. „Da stieg das Adrenalin. Das war schon ein bisschen wie live bei einem Krimi dabei zu sein.“

Bei der Festgenommenen handelt es sich laut Polizei um eine 26-jährige Deutsche aus dem Landkreis Minden-Lübbecke. Kiefer hofft nun, dass ihre Mutter künftig Ruhe vor derartigen Anrufen hat und dass auch die Hintermänner noch gefasst werden. Seit dem Vorfall habe es jedenfalls keine weiteren Betrugsanrufe gegeben. Anderen älteren Menschen rät sie: „Im Zweifelsfall lieber einfach den Hörer auflegen. Fertig.“