Wahlen in Israel: Wie die Familie Netanyahu für Negativschlagzeilen sorgt
Die Netanyahus: Der Sohn liegt am Strand in Miami, die Frau soll schmutzige Kleider zum Wasch-Service im Gästehaus des US-Präsidenten mitbringen
Was ist nur mit dieser Familie los? Während Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu bei den kommenden Wahlen ums politische Überleben kämpft, sorgen Sohn und Ehefrau zuverlässig für Empörung.
Quynh Tran, Tel Aviv23.08.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Ein Foto aus den Ferien im Jahr 2015, vielleicht für das Familienalbum.
Imago
Yair Netanyahu, damals Mitte zwanzig, redet vor einem Strip-Klub mit zwei Freunden, darunter dem Sohn eines israelischen Gas-Tycoons. Im 2018 geleakten Audio fragt der Sohn von Israels Regierungschef seinen Kumpel nach 400 Schekel für Prostituierte. Etwas später hört man ihn wieder: «Apropos Nutten, was hat um diese Uhrzeit noch geöffnet?» Yair bietet an, die Rechnung zu übernehmen, wenn die drei Freunde in einen neuen Strip-Klub gehen, und fragt: «Glaubt ihr, die Kellnerin macht mit?»
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Das ist nur eine von vielen Szenen mit der Familie Netanyahu in der Hauptrolle, die in Israel die Funktion von Reality-TV übernommen haben. Später, während israelische Soldaten im Gaza-Krieg sterben, bräunt sich der Sohn am Strand in Florida; ehemalige Mitarbeiter packen im Fernsehen aus über die Extravaganzen der First Lady; ihre Wutausbrüche sind berüchtigt, ihre erregte Stimme kennen viele aus geleakten Audio- und Videoaufnahmen.
Und das wird für Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zum Problem. Zurzeit kämpft der 76-Jährige gegen eine Niederlage seiner Likud-Partei bei den kommenden Parlamentswahlen Ende Oktober. Sein grösster Konkurrent, der frühere Armeechef Gadi Eisenkot, 66, liegt in den Umfragen vorne. Dessen Zentrumspartei heisst ausgerechnet Yashar, übersetzt geradlinig oder aufrichtig. Eisenkot gilt als glaubwürdig, nicht korrupt, sein eigener Sohn und zwei Neffen wurden im Gaza-Krieg getötet.
Es ist das Gegenprogramm zu den Netanyahus, die in den 19 Jahren an der Macht, verteilt auf drei Amtszeiten, jede Menge Skandale produzierten. Private Eskapaden vermischen sich mit strafrechtlich Relevantem. Netanyahu steckt mitten in einem Verfahren wegen Korruptionsverdachts, seine Frau Sara wurde 2019 bereits wegen Veruntreuung staatlicher Gelder vorbestraft.
Schönheits-OPs für den Sohn
Während sich der jüngere Sohn, Avner Netanyahu, angestellt in der Rüstungsbranche, ziemlich zurückhält, ist sein älterer Bruder Yair für sein erratisches Verhalten auf Social Media bekannt. «From the river to the sea, this flag is all you’ll see», steht mit einem israelischen Flaggen-Emoji als Motto in seinen Profilen auf Instagram und X. Seine Ausbrüche gegen Kritiker seines Vaters sind so beleidigend, dass Facebook sie teilweise blockiert hat. Er postete etwa antisemitische Bilder von George Soros, nannte Palästinenser Monster, verglich dann wieder die israelische Polizei mit der Stasi und der Gestapo.
Im April 2023 zog der 35-Jährige in die USA nach Florida, gemäss Insider-Stimmen auch, um die aufgeladene Stimmung zu Hause vorüberziehen zu lassen: Seine Eltern wollten offenbar, dass er aufhört, Social Media zu nutzen. Eine Linkspolitikerin im israelischen Parlament suggerierte gar, der Sohn habe dem Vater eine gehauen. Sandstrand in Miami also für den Sprössling, während andere Familien ihre Söhne seit dem 7. Oktober an der Front verlieren.

Yair Netanyahu, der Sohn des israelischen Regierungschefs, postet Fotos aus seinem Leben in den USA.
Screenshot @yair_netanyahu / Instagram
Doch auch aus Florida heraus mischte Yair Netanyahu mit: erst als umstrittener Podcaster, am Anfang des Jahres wurde er – ohne Wahl – zum Vertreter des Likud-Ortsverbands in Ma’ale Yosef ernannt, ganz im Norden Israels. Das gibt ihm Stimmrecht in der internen Parteipolitik und Einfluss auf die künftige Kandidatenliste für die Knesset, obwohl er bis auf den obligatorischen Armeedienst und sein Studium keine nennenswerten Berufserfahrungen hat.
Im vergangenen Mai dann kehrte er nach Israel zurück und sorgte für Gesprächsstoff mit Fotos auf Instagram: Er habe sein Gesicht wohl Botox-Spritzen oder Schönheits-OP unterzogen. Verwunderung lösten auch seine Steuerdokumente aus. Auf einmal hiess er «Yonatan Hun». Vielleicht wollte er im Ausland mehr Anonymität, doch die Namensänderung kam schlecht an, da seine Familie seit Jahren mit Klagen wegen Korruption und Veruntreuung kämpft.
Zum Sinnbild für die Eskapaden der Netanyahus ist aber seine Mutter Sara geworden. Für diese ist seine Mutter Sara Netanyahu zu einem nationalen Sinnbild geworden. Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass sie mal wieder von einem ehemaligen Mitarbeiter in der Residenz des Regierungsoberhaupts verklagt wurde. Die First Lady soll ihn angeschrien, beleidigt und an die Wand geschubst haben; sogar den Tod habe sie ihm gewünscht – weil er, ohne ihre Erlaubnis, eine Zigarettenpause machte.
Jahr für Jahr schildern Insider neue Szenen. Schon 1996 gab es den sogenannten «Nannygate», nur wenige Wochen nach dem ersten Amtsantritt ihres Mannes als Ministerpräsident. Ehemalige Babysitterinnen beschrieben die Arbeit für Sara Netanyahu als «Albtraum», sie seien «wie Sklaven» behandelt worden.
Und dann ist da noch das, was einige tiefe «Schamlosigkeit» nennen. So schrieb die «Washington Post» im Jahr 2020, die Netanyahus hätten unter Mitarbeitenden im Gästehaus des amerikanischen Präsidenten den Ruf, Koffer voller schmutziger Wäsche mit nach Washington zu bringen. Dort würden sie den kostenlosen Wasch-Service nutzen.
Zigarren für ihn, pinkfarbenen Champagner und Schmuck für sie
Zu Hause kommen derweil regelmässig Fälle von fragwürdigem Umgang mit staatlichen Geldern bekannt, etwa die «Gourmet-Affäre» mit Bestellungen bei Luxusrestaurants über Zehntausende von Franken. Sara Netanyahu wurde dafür verurteilt. Viele andere Klagen hingegen wurden mit Vergleichen und aussergerichtlichen Einigungen beendet. Auch Ausgaben für private Häuser und die Pflege ihres Vaters soll sie teilweise aus der Staatskasse bezahlt haben. Beim Regierungsflugzeug scheint sie ebenfalls mitzureden. So berichtete die einstige Netanyahu-Mitarbeiterin Edna Halbani in einem israelischen Podcast, das Flugzeug «Wing of Zion» sei dafür ausgestattet worden, «den Launen einer einzigen Person gerecht zu werden», was wiederum die Kosten auf eine Milliarde Schekel versiebenfacht habe.
Einen Skandal lösten auch Szenen aus den 2024 veröffentlichten «Bibi Files» aus. Fast zwei Stunden zeigen Videos nicht nur geleakte Polizeiverhöre für die Korruptionsklagen gegen Netanyahu, sondern auch Interviews, in denen ehemalige Vertraute und Mitarbeitende von den Launen der Familie erzählen. Die Netanyahus würden Geschenke «fordern» – Zigarren für ihn, pinkfarbenen Champagner und Schmuck für sie. Die Klagen beziffern diese «Geschenke» von namhaften Milliardären im Gegenzug für politische Gefallen auf Hunderttausende US-Dollar.
In den Videos hört man wieder und wieder die Anschuldigung, die First Lady beeinflusse die Politik. Sie soll Einfluss auf personelle Einstellungen im Umfeld von Netanyahu haben. Ein Diplomat in Jerusalem sagt dieser Zeitung, Sara Netanyahu bei einem Besuch seines Staatsoberhaupts im Nebenraum gesehen zu haben, in dem die Gespräche der Staatsoberhäupter unter vier Augen stattfinden. «Sie ist auf jeden Fall präsent», sagt er.
Wie gross der Einfluss von Netanyahus Familie auf die Politik tatsächlich ist, darüber kann nur spekuliert werden. Es wäre wohl zu einfach, das Klischee der manipulativen Ehefrau heraufzubeschwören. Die Leaks aus Benjamin Netanyahus Umfeld und auch die teilweise unter Eid geäusserten Zeugenaussagen legen aber nahe, dass ein gewisser Einfluss zumindest seiner Frau nicht von der Hand zu weisen ist. Und das spielt vielleicht auch bei den kommenden Wahlen eine Rolle. «Sara ist die am meisten gehasste Frau in Israel», sagt der Netanyahu-Biograf und Journalist Anshel Pfeffer.

Happy Family? Die Netanyahus haben dieses Bild in der Öffentlichkeit verloren.
Screenshot @yair_netanyahu / Instagram
Möglicherweise wäre er ohne sie beliebter. Gleichzeitig bezeugen Stimmen aus seinem Umfeld immer wieder seine Hingabe und Liebe zu ihr. Noch vor den Sex-Tapes von Paris Hilton und Pamela Anderson gab es Benjamin Netanyahus «Hot Tapes». Während der Vorwahlen für den Parteivorstand des Likud 1993 trat er live in der Hauptnachrichtensendung des Landes auf. Mit seiner Frau an seiner Seite, sprach er von der Erpressung eines politischen Gegners durch ein Video, das ihn beim Sex mit einer anderen Frau zeigen solle. Er bat seine Frau öffentlich um Vergebung.
Das erinnerte an Bill Clinton, der sich für sein Fremdgehen bei seiner Frau Hillary öffentlich entschuldigte. Analysten sahen das als entscheidenden Punkt in seinem Präsidentschaftswahlkampf. Wenn ihm seine Frau vergeben kann, warum dann auch nicht die Nation? Und dies galt später auch für Benjamin Netanyahu. Vielleicht hat der erste öffentliche Auftritt von Sara Netanyahu ihm auf dem Weg zur Macht geholfen. Vielleicht trägt ihr Ruf mehr als dreissig Jahre später dazu bei, diese Macht zu verlieren.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Passend zum Artikel


