AfD-Wahlsieger Siegmund streckt die Hand aus – wer könnte in Sachsen-Anhalt zum Überläufer werden?
Die „Operation Überläufer“: Der Machtplan der AfD in Sachsen-Anhalt
Stand: 07.09.2026, 22:07 Uhr
Die AfD sieht nach ihrem Wahlsieg einen klaren Regierungsauftrag. Für eine eigene Mehrheit fehlen ihr aber drei Mandate. Siegmund hofft auf Überläufer.
Magdeburg – Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beginnt die Suche nach einer Regierung. Ganz vorn im Rennen um die Ministerpräsidentschaft ist AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund. Seine Partei hat laut dem vorläufigen amtlichen Wahlergebnis (Stand: 7. September) 43,8 Prozent erzielt. Nun zählt Siegmund auf eine besondere Strategie – die „Operation Überläufer“, wie sie in Medienberichten genannt wird.

Die AfD kommt auf voraussichtlich 39 Sitze im Landtag von Sachsen-Anhalt. Damit fehlen der Partei nur noch drei Sitze bis zur Mehrheit. Die CDU folgte in einigem Abstand mit 17,2 Prozent, alle weiteren Parteien erzielten unter 10 Prozent. Ein „ganz klarer Regierungsauftrag“, meint Siegmund bei einer Pressekonferenz am Montag (7. September). Er trete „selbstverständlich“ als Ministerpräsidentenkandidat an, „wenn es sich abzeichnet, dass ich eine stabile Mehrheit auf den Weg gebracht habe“.
Mit Überläufern an die Macht: AfD-Spitzenkandidat streckt nach Wahlsieg in Sachsen-Anhalt Hand aus
Dafür buhlte der AfD-Wahlsieger erneut um Überläufer aus anderen Parteien. Am Wahltag hatte Siegmund bereits gegenüber der Zeit Pläne, einzelne Abgeordnete zur Unterstützung einer AfD-geführten Regierung zu bewegen, bestätigt. Man sei „in der Lage, die Hand auszustrecken“, sollte es eine Fraktion oder Abgeordnete für eine mögliche Zusammenarbeit geben, betonte Siegmund laut der Welt am Sonntag (6. September) auf der Wahlparty. Die Kooperation sei allerdings nur möglich, wenn die Politiker den AfD-Anspruch eines klaren Politikwandels mittragen würden.
Im Wahlkampf hatte Siegmund noch eine Koalition mit anderen Parteien, die schließlich „Deutschland zerstört“ hätten, ausgeschlossen. Nun müsse man schauen, „dass wir politisch unseren Werten treu bleiben“, sagte Siegmund laut der ARD auf Nachfrage. Bedingung der AfD ist unter anderem, dass bei zentralen Themen der Partei wie der „Remigration“ keine Kompromisse gemacht würden.
Laut Siegmund habe die AfD am Montag angefangen, auf andere Abgeordnete zuzugehen. Der Welt zufolge sollen Gespräche mit CDU-Abgeordneten jedoch bereits vor der Wahl stattgefunden haben. Besonders Abgeordnete, die sich gegen die „Brandmauer“ zur AfD ausgesprochen hatten, hofft man zu überzeugen. Sachsen-Anhalts Noch-Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hatte sich im Vorfeld der Wahl im Politico-Podcast „Berlin Playbook“ überzeugt gezeigt, dass keiner der CDU-Kandidierenden zum Überläufer würde. „Das ist doch Quatsch!“, betonte er. Dafür habe die AfD im Landtag zu lange auf die CDU geschimpft.
BSW wartet auf Gesprächsinitiative der AfD – und öffnet Siegmund in Sachsen-Anhalt mehrere Türen
Auch mit BSW‑Abgeordneten, die mit voraussichtlich fünf Sitzen in den Landtag einziehen, könnte die AfD Gespräche initiieren. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht sprach nach der Wahl in Sachsen-Anhalt von einem „politischen Neubeginn“. Laut der Welt sagte Wagenknecht: „Jetzt gibt es hoffentlich Mehrheiten im Magdeburger Landtag für einen Kurswechsel in der Energiepolitik, ein Ende der Russland-Sanktionen, bessere Bildung und eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“
Wagenknecht hatte eine Koalition mit der AfD immer ausgeschlossen, aber eine mögliche Tolerierung ins Spiel gebracht. Das wäre mit einer möglichen AfD-Minderheitsregierung möglich, die AfD-Bundeschef Tino Chrupalla am Wahlabend als Option ankündigte. Der BSW-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Thomas Schulze, erwarte nun, dass die AfD auf die anderen Parteien zugehe.
Gleichzeitig betonte er, das BSW wolle „zeitnah“ einen überparteilichen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten vorschlagen. Siegmund tat das Angebot im ZDF bereits als „Gewurschtel“ ab. Schulze betonte als Option ebenfalls, dass sich das BSW bei einem dritten Wahlgang für das Ministerpräsidentenamt enthalten könnte. Dort würde bereits eine einfache Mehrheit reichen. Auch eine solche Lösung hatte der AfD-Spitzenkandidat bereits vor der Wahl abgelehnt.
Regierung in Sachsen-Anhalt ohne die AfD? Warum das unwahrscheinlich ist
Dass eine Regierungsbildung gegen die AfD funktioniert, gilt aktuell als sehr unwahrscheinlich. Eine Mehrheit wäre nur möglich, wenn insgesamt fünf Parteien in der Koalition zusammenarbeiten: CDU, SPD, Grüne, Linke und BSW. Damit käme man auf insgesamt 44 Sitze. Allerdings lehnt die CDU eine Koalition mit der Linken per Parteitagsbeschluss ab. Und auch BSW-Spitzenkandidat Schulze betonte am Montagmorgen (7. September) im Gespräch mit Deutschlandfunk: „Wir werden uns an einer Brandmauer-Koalition nicht beteiligen.“
In der CDU denkt man aktuell wohl über mögliche Minderheitsregierungen nach. Ein Beispiel wäre das Thüringer Modell, wo die Regierung aus CDU, BSW und SPD immer wieder auf die Zusammenarbeit mit der Linken angewiesen ist. Die erste Sitzung des neuen Landtags in Sachsen-Anhalt muss spätestens am 30. Tag nach der Wahl stattfinden, also am 6. Oktober. Dann würden auch die Amtszeiten der Minister und Regierungschefs enden. Sie wären jedoch laut Verfassung dazu verpflichtet, die Geschäfte bis zur Übernahme durch einen Nachfolger weiterzuführen.
Zur Not Neuwahlen: AfD in Sachsen-Anhalt zeigt sich nach Landtagswahl siegessicher
Die AfD zeigt sich standhaft. Notfalls gebe es Neuwahlen, betonte Siegmund bereits. Der AfD-Wahlsieger verdeutlichte im Anschluss an die Wahl, zunächst keine bundesweiten Ambitionen zu haben. „Wenn ich ein Thema aufmache, dann mache ich es auch zu Ende.“ Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur brachte er eine andere Person ins Rennen: „Alice Weidel muss Bundeskanzlerin werden.“
AfD-Parteichef Tino Chrupalla sah auf Nachfrage vorerst keine Konkurrenzsituation. „Wir werden erstmal sehen, was Herr Siegmund jetzt in Sachsen-Anhalt dort auf die Kette kriegt“, sagte Chrupalla. Als möglicher Ministerpräsident sei er zunächst in Sachsen-Anhalt gebunden. Sollte er bundespolitische Ambitionen haben, sei er „dazu herzlich eingeladen“. (Quellen: dpa, Zeit, Welt, Deutschlandfunk, ZDF, ARD, Politico) (lismah)