Nach historischem CDU-Debakel im Osten: Ist Friedrich Merz als Kanzler jetzt noch zu halten?


Stand: 07.09.2026, 22:25 Uhr

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Die CDU stürzt in Sachsen-Anhalt unter 20 Prozent – ein Ergebnis, das niemand vorhergesagt hatte. Jetzt steht Kanzler Merz vor dem Scherbenhaufen.

Magdeburg – Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag (6. September) wurde klar von der ultrarechten AfD gewonnen. Die CDU brach stärker ein, als jede Prognose es bezifferte: Die 18,5 Prozent liegen unter der psychologischen 20-Prozent-Marke und kein einziges Institut hatte das vorhergesagt. Dass für die CDU alles schief lief, dass alles in Richtung Desaster kippte, wurde etwa gegen 16 Uhr am Nachmittag deutlich.

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Dieser Artikel von Mara Gergole in Magdeburg entstand in Kooperation mit Corriere della Sera

Im Hauptquartier, mitten im Hotel Maritim in Magdeburg, begann man, von einem innerparteilichen „Putsch“ zu sprechen. Vor allem aber tagte zur selben Zeit in Berlin das Präsidium mit Kanzler Friedrich Merz. Das oberste Parteigremium kommt normalerweise am Montagmorgen zusammen. Was also wussten die CDU-Spitzen so Schlimmes? Welche Wahldaten lagen ihnen bereits vor, dass sie zu einer derartigen Krisensitzung griffen?

Friedrich Merz, Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender, nimmt nach der Sitzung des CDU-Bundesvorstands im Konrad Adenauer Haus an einer Pressekonferenz teil.

Friedrich Merz, Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender, nimmt nach der Sitzung des CDU-Bundesvorstands im Konrad Adenauer Haus an einer Pressekonferenz teil. © Michael Kappeler/ picture alliance/dpa

Historische Niederlage der CDU und Triumph der AfD

Als die Hochrechnungen veröffentlicht wurden, war es für alle klar. Die CDU ist stärker eingebrochen, als irgendjemand erwartet hatte. Die 18,5 Prozent liegen unter der psychologischen Marke von 20 Prozent, und keine Umfrage hatte dies vorausgesagt. Die Partei ist halbiert, besser gesagt gedemütigt. Als der scheidende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, die Bühne betritt, sind die Gesichter im Saal fassungslos, wie gelähmt. Er sagt ausdruckslos: „Das ist eine demokratische Wahl, und ich gratuliere dem Sieger, Ulrich Siegmund, und der AfD.“ Als wäre es eine normale politische Wahl und nicht ein Erdbeben, dessen Erschütterungen in ganz Deutschland zu spüren sind.

Schulzes Schicksal ist besiegelt, die Partei ist in Aufruhr. Der stellvertretende Landeschef Sepp Müller soll ihn hinter verschlossenen Türen wüst beschimpft haben und gilt nun als Anwärter auf seinen Posten. Doch niemanden interessiert Ministerpräsident Sven Schulze, auch wenn seine blasse Figur zur Niederlage beigetragen hat. Es steht mehr auf dem Spiel: Friedrich Merz. Und damit steht wieder die grundlegende Frage im Raum, wie die CDU den gesamten Osten verlieren konnte. Jenen Osten, dem Helmut Kohl „blühende Landschaften“ versprach, den die CDU mit fester Hand wiedervereinigte, den sie seit dem Fall der DDR dominierte – und der nun zu einer blau‑AfD-farbenen Monokultur geworden ist.

Merkel und Merz: Die historische Verantwortung der CDU im Osten

Merkel und Merz, erneut miteinander verknüpft: dieses Mal in einer Gemeinschaft der Schuld. Merkel, weil sie 2015 syrische Geflüchtete ins Land ließ und damit die deutsche Politik dauerhaft veränderte, Merz, weil er als tief im Westen verwurzelter Politiker – wie Politico schreibt – „für den Osten persönlich nicht viel Interesse ausstrahlt, außer als Problem, das es zu bändigen gilt“. In den differenzierten Nachwahlanalysen der deutschen Forschungsinstitute zeigt sich bereits, dass ein Teil der AfD-Stimmen – und des ausgebliebenen Zuspruchs für die CDU – auf Protest gegen Merz zurückzuführen ist.

Die Konsequenzen liegen für alle auf der Hand, in Berlin wird seit Monaten darüber gesprochen. Kann die CDU sich diesen Kanzler noch leisten, der keinen Draht zu seiner eigenen Wählerschaft findet, geschweige denn zum Rest Deutschlands? Merz kommt in der persönlichen Beliebtheit auf 15 Prozent, also auf die Hälfte des ohnehin wenig geschätzten Ex-Kanzlers Olaf Scholz. In Sachsen-Anhalt wollte ihn die eigene CDU nicht auf den Wahlkampfkundgebungen haben, er wurde mehrfach ausgebuht, in Leuna musste ihn der Sicherheitsdienst unter „Buh“-Rufen aus einem Saal führen.

Zweifel an Merz’ Führung und Blick auf kommende Wahlen: Kann die AfD den Erfolg wiederholen?

Der stellvertretende Chefredakteur und prominente Kommentator der Bild, Paul Ronzheimer, formuliert es live im Fernsehen ohne Umschweife: „Das Problem ist, ob Merz die CDU nach diesem Desaster noch führen kann, und viele glauben, dass er es nicht kann“. Als die Sprecherin der Christdemokraten dazu befragt wird, beteuert sie, es ändere sich nichts, wirkt aber kaum in der Lage, die Fragen zu beantworten. Sie spricht in einsilbigen Sätzen und wirkt, als stünde sie kurz vor den Tränen. Vielleicht wird das CDU-Präsidium die nächsten beiden Landtagswahlen am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin abwarten, bevor es entscheidet oder bevor jemand Merz offen herausfordert. Nichts gilt mehr als sicher.

Das Ringen ist jedoch weit größer als das persönliche Schicksal des Kanzlers. Die CDU zerbröselt vor aller Augen unter dem Druck der AfD. Bundesweit liegt sie 6 bis 7 Punkte hinter der Ultrarechten zurück. Und wenn man die bayerische CSU abzieht, die ihre 38 Prozent verteidigt – obwohl die AfD auch in Bayern auf 20 Prozent gestiegen ist –, dann kommt die CDU auf Bundesebene nicht einmal mehr auf 20 Prozent. Viele Abgeordnete würden, müsste heute gewählt werden, ihr Mandat verlieren. Die wichtigste Partei Europas, tragende Säule aller Bündnisse, hat ihren Kurs verloren und muss nun entscheiden, wie sie reagiert.