Ur-Vater der WhatsApp: Dieser Mann machte die Kurznachricht zum Geschäft
Im Sommer treffen sich die ausgehfreudigen Wienerinnen und Wiener gerne in der „Strandbar Herrmann“ gegenüber der Urania am Donaukanal. Was viele nicht wissen: Der Hermannpark, ein winziges Stück Land mitten in der Innenstadt, ist benannt nach Emanuel Herrmann, österreichischer Nationalökonom und fast vergessenen Erfinder der Postkarte.
Das kleine Stück Karton, heute nur noch ein nostalgisches Urlaubsrelikt, das nach und nach aus dem Alltagsleben verschwindet, war einst eine technologische und wirtschaftliche „Disruption“, wie man heute sagen würde. Sie veränderte die Art und Weise der Kommunikation zwischen Menschen grundlegend, war die WhatsApp oder SMS des 19. Jahrhunderts.
Steile Karriere als Professor für Nationalökonomie
Herrmann wurde 1839 in Klagenfurt geboren und machte eine steile Karriere als Professor für Nationalökonomie in Graz, lehrte später an der Militärakademie Wiener Neustadt, der Handelsakademie und der Technischen Hochschule Wien.
Am 26. Jänner 1869 schrieb Herrmann einen Beitrag für die Neue Freie Presse unter dem Titel „Über eine neue Art der Korrespondenz mittels der Post“. Seine Idee war verblüffend einfach: Für kurze Mitteilungen brauche es keinen Briefumschlag und keinen ausführlichen Brief. Eine offene Karte mit begrenztem Textumfang würde reichen. Das Prinzip: Kurz, direkt, ohne formellen Briefstil – und vor allem günstig.

Die Correspondenz-Karte
K.u.k.-Postverwaltung griff die Idee sofort auf
Gut, die Idee war nicht ganz neu - siehe P.S. weiter unten – aber die Verantwortlichen in der k.u.k. Postverwaltung waren Innovationen gegenüber offen und reagierten rasch. Am 1. Oktober 1869 führte sie die „Correspondenz-Karte“ ein – die erste amtliche Postkarte der Welt, die Kurznachrichten in der ganzen Monarchie beförderte.

Schlichtes Design der Postkarte
Sie war 8,5 cm x 12,2 cm groß (Briefgröße) und kostete mit einer aufgedruckten 2-Kreuzer-Marke weniger als die Hälfte des damaligen Briefportos von fünf Kreuzern. Die Billig-Variante des Briefes erwies sich als Renner, innerhalb weniger Monate wurden Millionen Karten verschickt. Die neue Postkarte traf den Nerv der Zeit: Die Industrialisierung beschleunigte Mobilität, Handel, Verwaltung, und die Menschen wollten häufiger, aber kürzer kommunizieren. Ein Kommunikationsverhalten, das in der analogen Welt ebenso verbreitet war wie später in der digitalen.

Weltpostkarte schaffte den Durchbruch
Den Namen „Postkarte“ erhielt Herrmanns Erfindung erst 1872. Drei Jahre später gründete sich in der Schweiz der Weltpostverein und führte die Weltpostkarte ein, damit Karten weltweit unterwegs sein konnten.
Das Layout der Postkarte war zunächst schlicht: Vorne stand die Mitteilung, hinten die Adresse. Erst um die Jahrhundertwende änderte sich das, und die Karte entwickelte sich zur beliebten Ansichtskarte weiter. Aber nicht nur, Händler verschickten Bestellungen und Rabattangebote, Fabriken kurze Anweisungen, Familien auch spontane Mitteilungen.

Karten wurden milliardenfach verschickt
Die alltägliche Kurzkommunikation wurde massentauglich und erschloss der Post einen neuen Kundenkreis. Somit wurde das kleine Stück Karton auch wirtschaftlich ein Riesenerfolg. Zu ihrer Hochblüte Anfang der 1920er-Jahre wurden die Postkarten milliardenfach verschickt.
Wie viele Karten heute noch verschickt werden, vermag die Post nicht zu beziffern, weil sie - im Gegensatz zu Deutschland – keinen eigenen Tarif hat. Doch das Aufkommen sei inzwischen „verschwindend gering“, sagt Post-Sprecher Markus Leitgeb. Am ehesten würden die Österreicher noch im Sommer Urlaubsgrüße versenden, so es noch Ansichtskarten zu kaufen gibt.

Preußisches Erfinderleid
Die Erfinderstory hat auch noch ein Post Scriptum (P.S.): Der hohe preußische Postbeamte Heinrich von Stephan schlug bereits 1865, also vier Jahre vor Herrmann, auf einer Konferenz eine offene Postkarte für Kurzmitteilungen vor.
Er gilt damit für viele Historiker als eigentlicher Erfinder. Doch seine Idee kam in Preußen gar nicht gut an. Gegner äußerten Bedenken wegen des Briefgeheimnisses, befürchteten Sittenverfall und sinkende Umsätze. Es blieb bei der Idee. Österreich war der Zeit voraus und machte aus einer genialen Idee ein marktreifes Produkt.
kurier.at, ast | 19.07.2026, 18:00