Junge Generationen im Aufstand: Diese Zahlen schockieren die Volksparteien


Dramatischer Wandel im Parteiensystem: AfD und Linke boomen – während CDU und SPD schrumpfen

Stand: 07.09.2026, 06:33 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Union und SPD verlieren ihre langfristige Bindungskraft, vor allem Jüngere wenden sich den politischen Rändern zu: Dahinter liegen tiefe soziale Gräben.

München – Deutschland erlebt einen Niedergang seiner etablierten Volksparteien. Wie neue Erhebungen der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Freien Universität Berlin zeigen, bricht die langfristige Bindung bei Wählern der Union und SPD drastisch, ein während vor allem die jüngere Generation an die politischen Ränder abwandert. Hauptgrund scheinen die wachsenden sozialen und ökonomischen Gräben zwischen den Bürgern zu sein.

Merz und Merkel

Nicht nur die Wahlergebnisse, auch in den Beliebtheitswerten unterscheiden sich Friedrich Merz und Angela Merkel eklatant. (Archivbild) © picture-alliance/ dpa/ Oliver Berg/ picture alliance/dpa/ Elisa Schu (Montage)

Der historische Verlust wird besonders im Vergleich zur Bundestagswahl 2005 deutlich: Damals lieferten sich CDU (35,2 Prozent) und die SPD (34,2 Prozent) ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die FDP (9,8 Prozent), PDS (8,7 Prozent) und die Grünen (8,1 Prozent) hinken hinterher. Aus heutiger Sicht wirken die Ergebnisse der Bundestagswahl 2005 für die großen Volksparteien fast unerreichbar. Seither erodiert die Bindungskraft der klassischen Volksparteien.

SPD und CDU in Deutschland verlieren Halt

Ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) untersucht diesen Befund nun genauer, und stützt sich dabei auf die Erhebungen von Oskar Niedermayer, einem Forscher von der Freien Universität Berlin. Demnach hätten besonders die Parteimitgliedschaften rapide abgenommen. Während 1990 die SPD noch 943.000 Mitglieder hatte, waren es 2025 nur noch 348.000 Mitglieder. In der CDU/CSU zeigte sich ein ähnliches Bild: 1990 kamen beide Parteien noch auf 976.000 Mitglieder, waren es im Jahr 2025 nur noch auf 482.000 Mitglieder. Forscher Niedermayer spricht in diesem Zusammenhang von einer „kontinuierlich abnehmenden gesellschaftlichen Verankerung des gesamten Parteiensystems“.

Dieses Phänomen könnte über längere Zeit für eine Parteien­demokratie zum Problem werden: „Dann ist die Verbindung zwischen der gesellschaftlichen Basis und denjenigen, die oben die Regierung bilden, nicht mehr gegeben“, ordnet der Parteienforscher Elmar Wiesendahl gegenüber der FAZ ein. Die abnehmenden Parteibindungen wurden bereits von der Konrad-Adenauer-Stiftung untersucht. In der Forschung zeigte sich deutlich: Während die parteipolitische Mitte verliert, gewinnen besonders die Ränder.

Wählerbindung der Mitte schrumpft: AfD und Linke gewinnen deutlich

Nach der Erhebung der Konrad-Adenauer-Stiftung befinde sich das deutsche Parteiensystem in einem tiefgreifenden Umbruch: Während in Westdeutschland 1976 noch jeweils 39 Prozent der Wahlberechtigten eine langfristige Bindung an die SPD oder die Unionsparteien besaßen, sank dieser Wert bis 2024 auf 15 Prozent für die SPD und 22 Prozent für die Union. Auch in Ostdeutschland existierte dieser Schrumpfungsprozess, sodass im Jahr 2024 nur noch 15 Prozent der Bürger an die CDU und 11 Prozent an die SPD gebunden fühlten.

Dieser Verlust geht mit einer bemerkenswerten Mobilisierung an den Rändern einher, die besonders von jüngeren Generationen getragen wird. Bei der Bundestagswahl 2025 schnitt Die Linke bei den Jüngeren überragend ab und wurde von 27,3 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sowie von 17,6 Prozent der 25- bis 34-Jährigen gewählt. Die AfD wiederum etablierte sich in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen als zweitstärkste Kraft und stieg bei den 25- bis 34-Jährigen zur stärksten Kraft auf, wobei insgesamt rund ein Fünftel der unter 35-Jährigen für sie stimmte. Im krassen Gegensatz dazu erreichten CDU und SPD bei den beiden jüngsten Wählergruppen jeweils nur noch enttäuschende 10 bis 12 Prozent der Zweitstimmen.

Warum Union und SPD abstürzen – und wer davon profitiert

Die Gründe für dieses Phänomen beziffert die Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung mit fünf grundlegend verschiedenen Lebenswelten, deren Gräben entlang geografischer, sozialer und ökonomischer Trennlinien verlaufen. Neben der Herkunft entscheidet primär der Geldbeutel über die politische Heimat und das Vertrauen in die Demokratie.

Wer wirtschaftlich abgesichert ist, blickt meist wohlwollend auf den Staat: Das zeigt sich besonders deutlich bei den „zufriedenen Konsensbürgern“ der politischen Mitte (Sympathisanten von CDU/CSU, der SPD und den Grünen), von denen 78 Prozent gut oder sehr gut von ihrem Einkommen leben können. Eine überdurchschnittlich hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und der Demokratie lässt sich jedoch auch in zwei weiteren Milieus finden: bei gebildeten, politisch hochinteressierten „Mitte-Links“-Wählern sowie bei den „Konservativ-Liberalen“, die auf Steuersenkungen, Zuzugsbegrenzungen und Wirtschaftswachstum statt Umweltauflagen setzen.

Am unteren Ende der Skala stehen die „AfD-Affinen“, welche die am stärksten abgehängte Gruppe bilden: Nur 43 Prozent von ihnen kommen finanziell gut über die Runden, während fast jeder Fünfte (18 Prozent) unter erheblichem wirtschaftlichem Druck steht. Der Wert ist mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Die prekäre Lage schlägt sich in einer tiefen politischen Frustration nieder: Eine überwältigende Mehrheit von 68 Prozent der AfD-Affinen ist mit dem Funktionieren der deutschen Demokratie unzufrieden oder sehr unzufrieden. Ihre Frustration ist somit primär politischer Natur, reicht bei 17 Prozent der Betroffenen aber bis in eine generelle private Lebensunzufriedenheit hinein.

Warum Union und SPD abstürzen

Auch Alter, Geschlecht und Bildung zementieren die neuen Lager. Während das bürgerliche Lager der Konsensbürger überdurchschnittlich alt ist, rekrutiert sich der Protest an den Rändern primär aus jüngeren Generationen. Die Gruppe der AfD-Affinen ist tendenziell jünger und wird massiv von Männern dominiert. Zudem weisen sie hauptsächlich mittlere Bildungsabschlüsse wie die Mittlere Reife auf, während hohe Abschlüsse unterrepräsentiert sind.

Ganz anders ist das hochgebildete „Mitte-links“-Cluster, das nicht nur den höchsten Akademikeranteil, sondern mit 83 Prozent auch das mit Abstand größte politische Interesse aufweist. Die „linken Gleichgültigen“ wiederum zeichnen sich durch ein extremes politisches Desinteresse aus. Sie stehen dem System zwar weniger feindselig gegenüber als die AfD-Anhänger, bleiben der Wahlkabine aber am häufigsten fern.

Für die Volksparteien der Mitte bedeuten die Befunde eine existenzielle Herausforderung: Sie müssen lernen, in gänzlich unterschiedlichen sozialen Welten gleichzeitig zu kommunizieren, wenn sie die auseinanderdriftende Gesellschaft wieder zusammenführen wollen. (Quellen: F.A.Z., Konrad-Adenauer-Stiftung, frühere Berichterstattung) (kox)