«Dreigroschenoper» in Zürich: «Hurra, mein Mann wird gehängt!»


«Dreigroschenoper»: «Hurra, mein Mann wird gehängt!»

Am Schauspielhaus Zürich wird aus Bert Brechts Vorlage eine musikalische Glanzleistung. Man vermisst nur eine Sache

20.09.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Im Knast: Zwei Ehefrauen (Zeynep Bozbay, Laina Schwarz) besuchen ihren gemeinsamen Mann (Thomas Wodianka).

Im Knast: Zwei Ehefrauen (Zeynep Bozbay, Laina Schwarz) besuchen ihren gemeinsamen Mann (Thomas Wodianka).

Sandra Then

Das sieht nicht gut aus. Noch eine Minute bis zur Hinrichtung, und von den Komplizen mit dem Geld für den Gefängniswärter keine Spur. Gleich ist es vorbei mit Mackie Messer. Vor dem Galgen versammelt stehen schon seine Freunde und Feinde, seine zwei Ehefrauen und ein ganzes Bordell. Denn hier geht ein ganz Grosser. Dreissig Menschen hat er auf dem Gewissen, unter ihnen beim Brand in Soho auch sieben Kinder und einen Greis, selbst die minderjährige Witwe hat er geschändet – und viel fremdes Geld in seine Hand fliessen lassen.

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Da steht er nun, auf dem Schafott, das ihm zu Ehren mit schwarzem Volant und Kokarden dekoriert wurde, in seinem halbseidenen Anzug, mitten im silbern schillernden Konfettiregen – und singt die «Ballade von der Verzeihung». Schliesslich sind wir ja in der Oper. Und da wird für gewöhnlich anstatt zielführend gestorben erst noch ausgiebig Arie gesungen. Das gilt selbst für Discounterversionen von Opern, als die Brecht und Weill ihre «Dreigroschenoper» sahen.

Auch die Regisseurin und Schauspielhaus-Intendantin Pınar Karabulut nimmt das Stück beim Titel. Anstatt es als Sprechtheater zu inszenieren, wie es üblicherweise gemacht wird, steht bei ihr die Musik im Mittelpunkt. Dazu hat sie mit der Dirigentin Bettina Ostermeier zusammengespannt, die sich seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von klassischer Musik und Crossover bewegt. Das Ergebnis ist – zumindest klanglich betrachtet – grandios. So hat man die weltberühmten Songs noch nie gehört, angefangen bei der «Moritat von Mackie Messer» über die «Seeräuber-Jenny» bis hin zum «Lied von der Unzulänglichkeit» mit der berühmten Zeile «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral».

Die Macht der Gewohnheit: Mackie Messer (links) bei den Prostituierten (Margot Gödrös, Laina Schwarz, Matthias Neukirch, Karin Pfammatter, Henri Mertens, Mervan Ürkmez).

Die Macht der Gewohnheit: Mackie Messer (links) bei den Prostituierten (Margot Gödrös, Laina Schwarz, Matthias Neukirch, Karin Pfammatter, Henri Mertens, Mervan Ürkmez).

Sandra Then

Denn die Dirigentin Bettina Ostermeier und ihr Orchester leuchten den Charakter der Songs bis in kleinste Nuancen aus. Und als Zuschauerin realisiert man plötzlich: Die Zuhälter-Ballade ist ja ein Tango, der Bote der Königin singt ein barockes Rezitativ, die Anwesenden bei Mackies plötzlicher Rettung einen Choral. Und Pollys «Seeräuber-Jenny» wird gleich zur Mini-Oper, in der alle Stimmungen zusammenfliessen: glasklarer Belcanto, souliges Röhren und kabarettartige Coolness, phantastisch gesungen und gespielt von Zeynep Bozbay.

Dass im Gegenzug die Figuren in den gesprochenen Teilen des Stücks schablonenhaft wirken, ist durchaus im Sinn von Brecht. Er wollte mit seinem Theater das Publikum wachrütteln, zum Nachdenken anregen, nicht einlullen. Karabulut füllt diese Schablonenhaftigkeit mit minuziösem Detailreichtum und viel Spiellust: Ihre Polly könnte direkt aus einem Tiktok-Post auf die Bühne des Schauspielhauses gefallen sein. Auch Mackie Messer (grossartig: Thomas Wodianka) kommt auf einem imaginären Pferd zu seiner angebeteten Zweitfrau geritten, derweil diese die Augen verdreht ob dem Kind im Mann, das sie mitgeheiratet hat.

Nur: Darüber hinaus schlägt Karabulut keinen Bogen zur Gegenwart. Natürlich gibt es auch hundert Jahre nach Brecht noch Bedürftige und Prostituierte, und natürlich ist der Mensch inzwischen auch ein bisschen altruistischer geworden. Doch weiter als das geht die Auseinandersetzung mit dem Stoff nicht. So bleibt der Abend letztlich eine grossartige, virtuose und hochamüsante Hommage an Brecht und Weill, bei der nur etwas fehlt: das Hier und Jetzt.

★★★★ «Dreigroschenoper», Schauspielhaus Zürich

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