Drohnenfund in Leipzig: Polizeigewerkschaft sieht "konkrete Bedrohung"


Drohnenvorfall in Leipzig

"Ein versuchter Terrorakt, gesteuert von Russland"

Von afp, dpa

Aktualisiert am 06.08.2026 - 08:05 UhrLesedauer: 3 Min.

Der Fund einer Drohne mit Sprengvorrichtung wirft Fragen zur Sicherheit kritischer Infrastruktur auf. Ein Experte sieht dringenden Handlungsbedarf.

Nach dem Fund einer Drohne mit mutmaßlicher Sprengvorrichtung am Leipziger Flughafen sieht Heiko Teggatz, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Deutschland schlecht vorbereitet. "Der Vorfall beunruhigt mich sehr", sagte er der "Augsburger Allgemeinen".

"Für mich ist klar: Wir können nicht mehr von einer abstrakten Bedrohung gegen unsere kritische Infrastruktur sprechen. Diese Bedrohung ist sehr konkret." Die Politik müsse in geeignete Technik und Fachpersonal investieren und Zuständigkeiten klar regeln.

Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke sieht gar eine neue Dimension der Bedrohung für kritische Infrastruktur. Anders als bei bisherigen Drohnenvorfällen gehe es nicht mehr allein um die Gefahr einer Kollision mit einem Flugzeug oder Schäden durch die Drohne selbst. Eine Sprengvorrichtung erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte der Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Vorfall gibt Rätsel auf

Auf dem Flughafen Leipzig/Halle war am Mittwoch eine Drohne mit einer Sprengvorrichtung entdeckt worden. Spezialisten der Bundespolizei entschärften den Zünder. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen lag sie in der Nähe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124. Die Ermittler suchen zudem nach Teilen eines möglichen zweiten Flugobjekts, das mit einem Frachtflugzeug zusammengestoßen sein könnte.

Aus Sicht des Experten Fricke müssen die Ermittlungen nun vor allem klären, woher die Drohne kam, wie sie unbemerkt in die Flugverbotszone des Flughafens gelangen konnte und warum sie erst auf der Start- und Landebahn entdeckt wurde. Zudem müsse überprüft werden, wie zuverlässig bestehende Sicherheitssysteme kleine Multicopter überhaupt erkennen können. Erst dann lasse sich die Sicherheitslage richtig bewerten.

Sollte sich ein gezielter Anschlagsversuch bestätigen, zeige der Vorfall, "dass wir in der Entdeckung derart kleiner Objekte an kritischen Infrastrukturen noch nicht gut sind", sagte Fricke. Das gelte sowohl für die verfügbaren Technologien als auch für die Geschwindigkeit, mit der diese in der Praxis eingeführt werden.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte am Abend erklärt, man müsse von einem "sehr ernsten sicherheitsrelevanten Vorfall" und einem "hybriden Anschlagsszenario" ausgehen. Ähnliche Versuche seien auch künftig nicht auszuschließen.

Technik vorhanden – Einführung dauert zu lange

Grundsätzlich seien geeignete Technologien zur Drohnenerkennung bereits verfügbar. Radar-, Laser-, Kamera- und Infrarotsysteme könnten miteinander kombiniert werden, um Drohnen möglichst früh zu entdecken, erklärte der Experte Fricke. Mithilfe von Algorithmen lasse sich zudem ihre Flugbahn vorhersagen.

"Die Entwicklungen gehen auf prototypischer Ebene gut voran, aber die Implementierung am Markt beziehungsweise in den Einrichtungen muss schneller werden", sagte Fricke. Aus Sicht Frickes sollten neue Systeme schneller aus der Forschung in die praktische Anwendung gelangen. Nicht alle Funktionen müssten dabei von Anfang an verfügbar sein. Stattdessen plädierte er für eine gestaffelte Einführung neuer Technologien.

Als eine der größten technischen Herausforderungen bezeichnete Fricke die Vorhersage der Flugbahn einer bereits entdeckten Drohne. Gerade diese Fähigkeit sei entscheidend, um Sicherheitskräfte rechtzeitig reagieren zu lassen.
Mit Blick auf die weitere Entwicklung zeigte sich der Luftverkehrsexperte wenig optimistisch. Auf die Frage, ob künftig häufiger mit vergleichbaren Vorfällen zu rechnen sei, antwortete er: "Leider ja, solange die Russland-Aggression nicht stoppt."

Kiesewetter: Von Russland aus gesteuert

Der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter forderte die Bundesregierung auf, die Nato-Bündnispartner nach Artikel 4 des Nordatlantikvertrags zu konsultieren. "Deutschland sollte zumindest Artikel-4-Konsultationen in der Nato anstrengen", sagte Kiesewetter der "Augsburger Allgemeinen". Denn die Zunahme hybrider Angriffe und das "Austesten aus Russland" führe "immer mehr zu einer Gewöhnung und damit Unterminierung unserer Sicherheit".

Artikel 4 des Nato-Vertrags erlaubt es jedem Mitgliedsland, Konsultationen mit den Bündnispartnern zu verlangen, wenn es seine territoriale Unversehrtheit bedroht sieht. Es gilt als Vorstufe zum Bündnisfall nach Artikel 5.

Auch Kiesewetter vermutet Russland hinter der mit Sprengstoff versehenen Drohne, die am Leipziger Flughafen gefunden wurde. "Die Bedrohung für Deutschland durch von Russland gesteuerte hybride Angriffe halte ich für gravierend", sagte der CDU-Politiker. "Auch bei dem versuchten Drohnenangriff am Leipziger Flughafen gehe ich von einem gezielten hybriden Angriff, also einem versuchten Terrorakt, gesteuert von Russland aus."

Das Problem sei auch, dass Deutschland kaum auf solche Angriffe vorbereitet sei. Die Bundesrepublik sei "besonders vulnerabel, weil wir auf das moderne Bedrohungsbild und hybride Angriffsvektoren bislang kaum aufgestellt sind". Das mache es Russland besonders einfach.

Moskau habe seine hybride und kognitive Kriegsführung verstärkt, "und Deutschland ist im Mittelpunkt solcher Angriffe". Das liege einerseits daran, "dass Deutschland eine zentrale Logistikdrehscheibe der Nato und für die Unterstützung der Ukraine ist", sagte Kiesewetter. Es stelle sich auch die Frage, wie die EU und die Nato auf die Zunahme an hybriden Angriffen und das permanente Austesten der Nato-Grenzen reagieren solle.