Perfekte Brotdose, perfekte Wohnung: Mit der richtigen Frage können sich Eltern schnell vom Druck befreien


„Ehrlich gesagt ...“, können sich Eltern mit der richtigen Frage schnell vom Social-Media-Druck befreien

Stand: 17.08.2026, 21:21 Uhr

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Was gibt mir Kraft – und was entzieht sie mir? Familienberaterin Heidy de Blum über überhöhte Ansprüche, Social-Media-Druck und die Kunst, Elternschaft auch leicht sein zu lassen.

Frankfurt – Perfekte Brotdosen, makellose Wohnungen, Kinder, bei denen alles wie von selbst läuft: Auf Social Media begegnet Eltern oft ein Bild, das mit dem echten Familienalltag wenig zu tun hat. Trotzdem setzt es viele unter Druck. Die Familienberaterin Heidy de Blum erlebt in ihrer Arbeit, wie sehr hohe Ansprüche und ständige Vergleiche Eltern belasten können. Im folgenden Gastbeitrag klärt sie, warum die wichtigste Frage im Elternsein nicht lautet: „Wie mache ich es noch besser?“ – sondern „Was kann ich weglassen, um es mir leichter zu machen?“

Montage aus einem Porträt von Heidy de Blum und einem Symbolbild, das eine Mutter mit Kind zeigt, die sich gerade mit einem Handy und professioneller Beleuchtung zeigt.

In die Kamera lächeln, auch wenn es einem mal weniger gut geht: Eltern-Influencer, die vor allem geschönte, inszenierte Seiten des Elternseins zeigen, können andere Eltern unter Druck setzen. © Ippen.Media/Imago/Westend61 (Montage)

Social Media spielt in der Elternschaft eine ambivalente Rolle. Einerseits erlebe ich Eltern, die darüber unglaublich viel Unterstützung erfahren. Ich denke da zum Beispiel an Eltern-Accounts, die abends aus dem Bett heraus etwas posten, während sie ihre Kinder in den Schlaf begleiten. Dadurch fühlen sich viele andere Mütter und Väter gesehen, weil sie gerade das Gleiche tun. Das hat sehr viel Positives. Aber natürlich gibt es auch das andere Extrem: Influencerinnen und Influencer, die die perfekt gerichtete Brotdose zeigen, wie ordentlich und aufgeräumt es in ihrem Zuhause ist und wie alles flutscht und funktioniert. Dadurch können sich andere Eltern unter Druck gesetzt fühlen und sich fragen: Wie soll ich diesem Ideal nur entsprechen?

Erziehungsexpertin rät Eltern: „Was tut mir gut – und was setzt mich unter Druck?“

Wichtig ist, da in sich hineinzuspüren: Was tut mir gut, wenn ich auf Social Media unterwegs bin – und was setzt mich noch mehr unter Druck? Wenn ich merke, dass es mich unter Druck setzt, zu sehen, wie perfekt die Brotdosen von anderen jeden Tag aussehen, dann würde ich davon weniger in mein Leben lassen. So schwer das auch manchmal ist, weil wir ja nicht alles steuern können – aber eben vieles. Ich denke, es ist wichtig, da in die Eigenverantwortung zu gehen – weil es uns wieder zum aktiven Part macht.

Zum Format

In unserer Kolumne „Ehrlich gesagt...“ kommen die Fachleute Heidy de Blum, Michael Rößner und Prof. Sandra Schmidt aus den Bereichen Erziehung, Familienleben, Job & Karriere sowie Lebensberatung zu Wort. Sie teilen praxisnahe Einblicke, ordnen aktuelle Entwicklungen ein und geben alltagstaugliche Impulse – fundiert, verständlich und nah am Leben unserer Leserinnen und Leser.

Folge 1: „Ehrlich gesagt ...“ machen viele Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder viel zu oft denselben Fehler
Folge 2: „Ehrlich gesagt …“, gibt es bei Kindern klare Signale, bei denen ich Eltern rate, genauer hinzuschauen
Folge 3: „Ehrlich gesagt ...“, gibt es sieben Signale, bei denen Sie über ein Coaching nachdenken sollten
Folge 4: „Ehrlich gesagt ...“, kann man sein Kind lieben und trotzdem bereuen Mutter oder Vater geworden zu sein
Folge 5: „Ehrlich gesagt ...“, können auch ungefragte Ratschläge von Oma und Opa Schläge sein
Folge 6: „Ehrlich gesagt ...“, ist Eigeninitiative bei Frauen im Job wichtiger als jede Quote

Natürlich wissen wir, wie die Algorithmen funktionieren. Sie sind von unglaublich raffinierten Menschen so gestaltet worden, dass wir so viel Zeit wie möglich auf Social Media verbringen. Und dennoch können wir entscheiden, wie wir damit umgehen wollen. Wir können diese Mechanismen durchblicken – und haben die Möglichkeit, etwas zu verändern. Und das hat etwas total Befreiendes: zu merken, dass wir die Möglichkeit haben, zu sagen: „Ich schaue mir das nicht an.“

Die wichtigste Frage im Elternsein: „Wie kann ich es mir auch wieder leichter machen?“

Elternschaft darf auch leicht sein. Ich halte das für einen der wichtigsten Gedanken überhaupt. Viele Sachen, die es uns schwer machen, sind in unserem Kopf. Wir haben diese unglaublich hohen Ansprüche an uns selbst und denken, wir müssen allen Erwartungen gerecht werden. Aber da lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Welche Ansprüche sind das eigentlich? Sind sie realistisch? Brauchen wir sie wirklich?

Statt zu überlegen, wie wir es noch perfekter machen und worauf wir noch alles achten können, sollten wir uns fragen: Wie kann ich es mir auch wieder leichter machen? Wo ist es wirklich wichtig? Wenn jemand Spaß daran hat, die Brotdose schön zu gestalten – wunderbar. Aber es ist kein Muss. Wenn es mich unter Druck setzt, ist es auch vollkommen in Ordnung, beim Bäcker vorbeizufahren und eine Butterbrezel mitzunehmen.

Ganz häufig spreche ich auch mit Eltern, die durch Instagram das Gefühl vermittelt bekommen, es gäbe immer eine harmonische Lösung im Familienleben. Aber wir können noch so kreativ und geduldig sein – Familie ist eben nicht nur Harmonie. Familie bedeutet auch Reibung und Konflikt, und das gehört dazu. Diesen Gedanken finde ich unglaublich entlastend.

„Mensch vor Aufgabe“

Die Welt ist ohnehin schon so komplex geworden. Es gibt unglaublich viele Informationen – wie ein Dschungel, in dem wir uns zurechtfinden müssen. Alles ist per Klick verfügbar, wir müssen so viel mehr verarbeiten als früher. Unser Gehirn ist ganz schön überlastet. Und das spürt man. Das ist nicht nur in der Elternschaft so, sondern heutzutage insgesamt ein Thema.

Zu schauen, was wir dagegenhalten und wo wir es uns wieder leichter machen können, ist ein wichtiger Schritt. Ehrlich mit uns selbst sein: Wo kann ich Ansprüche loslassen? Ist es wirklich wichtig, dass die Fenster geputzt sind? Oder kann ich sagen: Solange meine Kinder klein sind und es gerade keine Kapazitäten gibt, putze ich sie nicht?

Zur Person:

Heidy de Blum ist Leiterin von familylab Deutschland, ein Weiterbildungsinstitut für pädagogische Fachkräfte und ein Netzwerk, dass landesweit Vorträge, Seminare und Beratungen für Familien anbietet. Als Zwillingsmama liegen ihr alle Familienthemen am Herzen: Wie können wir die Beziehungen in unserem Leben so gestalten, dass es allen Beteiligten gut geht und wir miteinander wachsen können?

Heidy de Blum ist Familienberaterin und Leiterin der Organisation familylab.

Erziehungsexpertin Heidy de Blum ist Leiterin der Organisation familylab und selbst Mutter von Zwillingen. © Ippen.Media

Gleichzeitig gilt es, individuell hinzuschauen. Für manche Menschen ist es wichtig, eine gewisse Ordnung im Außen zu haben, weil sie sich sonst innerlich nicht sortieren können. Wer so ist, der kann sich davon nicht einfach abgrenzen und sagen: Okay, es ist nun mal unordentlich, passt trotzdem. Dann darf das auch eine Priorität sein. Aber vielleicht kann man in extremen Phasen schauen, ob man es mal abgeben kann. Mensch vor Aufgabe – die eigenen Kapazitäten so einsetzen, dass es am Ende für einen selbst passt. Und danach das erledigen, was irgendwann auch gemacht werden muss, aber eben nicht sofort.

Auch bei Erwartungen von außen lohnt sich ein ehrlicher Blick. Oft tragen wir noch dieses „Was sollen denn die Nachbarn denken?“ in uns. Da hilft es, genau hinzuspüren: Gibt es da wirklich eine reale Erwartung – oder sind das nur meine Gedanken? Ganz häufig spielen da Muster eine Rolle, die wir übernommen haben. Dieses Gefühl, dass man nach außen hin das „perfekte“ Bild abgeben muss, entspricht unseren Werten vielleicht gar nicht mehr – und dennoch wirkt es in uns. Dann kann es gut sein, dass wir das aus unserem eigenen Elternhaus so erlernt oder gesellschaftliche Erwartungen tief verinnerlicht haben.

„Was gibt mir Kraft und was zieht mir Kraft?“

Das gilt auch für Freundschaften, die durch die Elternschaft auf die Probe gestellt werden. Hier dürfen verschiedene Gefühle nebeneinanderstehen. Wenn ich zu meiner Freundin sagen kann: „Mir fehlt es auch, einfach unbeschwert mit dir zusammen zu sein. Aber mein Leben sieht halt gerade ganz anders aus. Und ich hoffe, es kommen wieder andere Zeiten.“ Dann ist das etwas ganz anderes, als wenn wir von vornherein Verständnis erwarten. Wenn wir uns öffnen und sagen, wie es gerade bei uns ist, dann hat der andere die Möglichkeit, das auch zu verstehen.

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Und wir können genauso gut hören, welche Frustration auf der anderen Seite ist – weil es für die Freundin auch ein großer Verlust ist, eine Freundin an die Familie „verloren“ zu haben. Das eine schließt das andere nicht aus. Und dann kann man sagen: „So ist es gerade – welche neuen Wege finden wir, die für uns beide passen?“ Die ersten Jahre mit Kindern sind nun mal sehr herausfordernd. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten, in denen man mit seinen Freundinnen am Wochenende wegfahren und ganz andere Seiten an der Freundschaft neu entdecken kann.

Am Ende geht es eigentlich immer um dieselbe Frage – und die dürfen wir uns ruhig jeden Tag stellen: Was gibt mir Kraft? Und was zieht mir Kraft? Wenn wir da ganz ehrlich mit uns sind, finden wir auch den Weg zurück in die Leichtigkeit. (In Zusammenarbeit mit Jasmina Deshmeh)