Eierstockkrebs wegen Talkumpuder? Betroffene kämpfen in Großbritannien um Antworten vor Gericht
Stand: 20.10.2026, 20:15 Uhr
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Johnson & Johnson bestreitet die angeblich krebserregende Wirkung von Talkum, hat in den USA aber enorme Summen gezahlt. Nun hat die Debatte Großbritannien erreicht.
London – Helene Rose konnte kaum aufnehmen, was sie da hörte. Während sich die weißen Wände des Sprechzimmers um sie zu drehen schienen, versuchte sie, die schonungslosen medizinischen Fakten zu begreifen. Mit 65 war Rose jugendlich und aktiv. Sie spielte Tennis, Golf und Pickleball und war stets gesund gewesen. Ihr Ruhestand lag vor ihr, und sie wollte die Welt bereisen.
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Dieser Artikel von Rosa Silverman und Blaise Cloran entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk
Doch an einem Frühlingstag 2024 zerbrach in einem Krankenhaus in Schottland ihre Vorstellung von der Zukunft: Sie habe Eierstockkrebs im fortgeschrittenen Stadium, erklärte ihr der Gynäkologe. Ohne erfolgreiche Behandlung blieben ihr noch sechs bis zwölf Monate.

„Ich konnte es nicht recht glauben“, sagt die ehemalige Lehrerin aus Aberdeen. „Schlimmer geht es nicht.“ Wegen Beschwerden wie Unterleibsschmerzen und einem aufgeblähten Bauch hatte sie sich untersuchen lassen. Als sie die Ergebnisse erfahren sollte, riet man ihr, ihren Mann mitzubringen.
„Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie [seine] Schultern auf und ab gingen“, sagt sie. „Ich wusste, dass er weinte. Wir standen völlig unter Schock.“ Der Krebs hatte bereits gestreut: in die Leber, die Milz, das Bauchfell und die Lymphknoten.
Metastasen, keine Operation: Hat Talkumpuder ihren Krebs verursacht?
„Mir wurde gesagt, dass man nicht mehr viel für mich tun könne“, sagt sie. „Für eine Operation kam ich nicht infrage, weil die Krankheit so weit fortgeschritten war.“ Mehr als zweieinhalb Jahre später lebt Rose noch immer. Doch sie verbringt ihre Tage im „ständigen Kampf“ gegen ihre Krankheit.
War es ein grausamer, unabwendbarer Schicksalsschlag oder eine Tragödie, die sich hätte verhindern lassen? Rose glaubt, die Antwort zu kennen. Sie ist überzeugt, dass ihr Krebs durch ein Produkt verursacht wurde, dem sie zutiefst vertraut und das sie jahrzehntelang benutzt hatte: Talkumpuder.
Milliardenschwerer Vergleich ohne Schuldeingeständnis
Sie ist damit nicht allein. Im Juli dieses Jahres bot Johnson & Johnson an, 5,5 Milliarden Dollar (4,14 Milliarden Pfund) zu zahlen, um 76.000 Klagen in den USA beizulegen. Darin wird behauptet, die talkumhaltigen Produkte des Unternehmens hätten Eierstockkrebs verursacht. Ein Eingeständnis der Haftung war dies jedoch nicht.
Das Unternehmen hielt daran fest, dass die Talkumklagen „auf pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen“. Bei den meisten Eierstockkrebserkrankungen ist die Ursache unbekannt. Es gibt jedoch Risikofaktoren: Dazu zählen das Alter, eine familiäre Vorbelastung und vererbte fehlerhafte Gene. Obwohl Rose adoptiert wurde, weiß sie, dass es in ihrer Familie keine entsprechende Vorbelastung gibt.
Ein weiterer Risikofaktor ist Asbest. Diese Gruppe natürlich vorkommender, kristalliner Faserminerale kann auf verschiedenen Wegen in die Atmosphäre gelangen, etwa wenn asbesthaltige Produkte zerfallen. Über weite Teile des 20. Jahrhunderts wurde Asbest in der Bauindustrie, bei der Herstellung von Haushaltsgeräten und darüber hinaus vielfach eingesetzt.
Heute wissen wir, dass sämtliche Asbestarten krebserregend sind. Zu den Krankheiten, die sie auslösen können, gehören neben Eierstockkrebs auch Mesotheliome – Krebserkrankungen des Brust- und Bauchfells – sowie Lungen- und Kehlkopfkrebs.
„Ich habe es bei meinen Kindern und Enkelkindern verwendet“
Wie bei einer tickenden Zeitbombe können zwischen dem Kontakt mit Asbest und einer Erkrankung zehn bis 60 Jahre vergehen. Und nicht alle Todesfälle durch Asbest sind berufsbedingt. Bis in die 1980er-Jahre waren auch manche Verbraucherprodukte damit verunreinigt, wie Mesothelioma.com erklärt, eine amerikanische Organisation, die Betroffenen hilft.
Auf ihrer Liste stehen auch „Talkumpuderprodukte“. Dieser behauptete Zusammenhang ist der Grund, weshalb so viele Frauen und einige Männer glauben, ihre Krebserkrankung hätte verhindert werden können. Nicht, weil jemand absichtlich Asbest in Talkumpuder gegeben hätte, das für die Anwendung auf menschlicher Haut vermarktet wurde, sondern weil – so die Behauptung – dennoch Spuren davon enthalten gewesen sein könnten.
Talkerz und Asbest-Verunreinigung: Der Aufstieg des Robert Wood Johnson
Talk kann im Erdreich in der Nähe von Asbest vorkommen. Nach Angaben der US-Arznei- und Lebensmittelbehörde FDA besteht deshalb die Möglichkeit einer Verunreinigung. Die Abbaustätten müssen daher sorgfältig ausgewählt und das dort gewonnene Talkerz muss untersucht werden.
Wie Öl und Diamanten hat dieses Erz zu unternehmerischen Erfolgsgeschichten der vergangenen zwei Jahrhunderte beigetragen. In den 1860er-Jahren war Robert Wood Johnson zu jung, um im Amerikanischen Bürgerkrieg zu dienen. Stattdessen machte er eine Lehre in der Apotheke der Familie seiner Mutter in Poughkeepsie im Bundesstaat New York.
Vom Familienunternehmen zum weltweiten Badezimmerklassiker
Nachdem er Interesse am Gesundheitswesen entwickelt hatte, stieg er in die Medizinproduktebranche ein. 1886 gründete er gemeinsam mit seinen beiden jüngeren Brüdern das Unternehmen Johnson & Johnson (J&J), das sterile chirurgische Produkte herstellte.
Sein Sitz war ein Industriegebäude aus den 1860er-Jahren in New Brunswick, New Jersey: eine kleine ehemalige Tapetenfabrik mit Bogenfenstern und Blechdach. New Brunswick ist bis heute der Hauptsitz des daraus entstandenen multinationalen Konzerns. 1894 kam das talkumhaltige Johnson’s Baby Powder auf den Markt und wurde zur festen Größe im Badezimmer.
Es wurde nicht nur bei Babys verwendet, um durch die Aufnahme von Feuchtigkeit Windelausschlag vorzubeugen, sondern auch von Erwachsenen, insbesondere zur Intimhygiene von Frauen. „Es wurde bei mir als Baby verwendet, und ich habe es bei meinen eigenen Kindern verwendet“, sagt Rose.

„Ich habe es mein ganzes Leben lang benutzt. Ich liebe den Geruch. Ich habe es für alles verwendet. In meinen Turnschuhen, im Haar als Trockenshampoo. Ich dachte, es sei das Sauberste, Reinste und Sicherste, das ich für meinen Körper verwenden könnte. Ich habe es bei meinen Kindern, meinen Enkelkindern verwendet.“ Im Laufe des 20. Jahrhunderts nutzten es weltweit Hunderte Millionen Menschen.
Frühe Laborbefunde und umstrittene Mineralspuren
J&J bezog seinen Talk zunächst aus dem Val Chisone in der Nähe von Turin in Italien, einer beeindruckenden Alpenlandschaft mit schneebedeckten Gipfeln und grünen Wäldern. In Berichten eines Beratungslabors aus den Jahren 1957 und 1958, die später von Reuters gefunden wurden, war von faserigem und nadelförmigem Tremolit im Talk des italienischen J&J-Lieferanten die Rede.
Die faserige Form von Tremolit gilt als eine von sechs anerkannten Asbestarten. Das beweist nicht, dass damals oder später Asbest in Babypuder enthalten war. J&J hat stets erklärt, bei wiederholten Tests sei in seinem Talk kein Asbest gefunden worden. Die in den 1950er-Jahren festgestellten Mineralien wie Tremolit seien fälschlicherweise als Asbest eingeordnet worden, hält das Unternehmen in seiner Verteidigungsschrift für ein bevorstehendes Verfahren vor dem High Court dagegen.
Bevor eine Talkmine als Lieferquelle für seine Produkte zugelassen worden sei, habe das Unternehmen sie gemeinsam mit erfahrenen Geologen geprüft, „die sämtliche Aspekte der Entstehung und Lage von Mineralvorkommen kennen“.
Die Aufzeichnungen seiner eigenen Routinetests reichten mindestens bis in die 1970er-Jahre zurück und zeigten keinen Asbest im Talk für Babypuder, erklärte das Unternehmen. Ab Mitte der 1960er-Jahre stammte sein Talk aus Minen in Vermont. Ein internes Unternehmensdokument von 1967 scheint zu belegen, dass darin eine Spur Tremolit gefunden wurde. Ein schlagender Beweis oder eine falsch interpretierte Aktennotiz? J&J erklärt, der betreffende Talk sei nicht in seinem Baby Powder verwendet worden.
Vorwürfe einer unterlassenen Warnung
Die britische Kanzlei KP Law, die vor dem High Court gegen J&J und dessen ehemalige Tochtergesellschaft Kenvue Ltd klagt, sieht dies anders. Sie glaubt, der Gesundheitskonzern habe bereits in den 1970er-Jahren gewusst, „dass Asbest in seinen Talkumprodukten gefährlich war, die Verbraucher jedoch nicht gewarnt“.
J&J weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Zu seiner Verteidigung verweist das Unternehmen auf mehrere belastbare wissenschaftliche Studien, darunter eine des US-amerikanischen National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH).
NIOSH-Studie als Verteidigung: J&J weist Asbest-Vorwürfe entschieden zurück
Darin heißt es: „Geologische Untersuchungen seit den frühen 1900er-Jahren haben gezeigt, dass die Talkvorkommen in Vermont keinen Asbest enthalten.“ Dennoch stellte J&J 2020 den Verkauf von talkumhaltigem Baby Powder in den USA und Kanada vollständig ein, nachdem Berichten zufolge die Absatzzahlen zurückgegangen waren.
2023 folgte derselbe Schritt in Großbritannien. Das Puder des Unternehmens basiert inzwischen auf Maisstärke. Ebenfalls 2020 legte J&J mehr als 1.000 Klagen von Menschen bei, die behaupteten, sein Talkum habe ihre Krebserkrankungen verursacht.
Die zugesprochenen Entschädigungen beliefen sich Berichten zufolge insgesamt auf etwa 100 Millionen Dollar. Viele wurden später reduziert oder aufgehoben. Allerdings gab es nach Darstellung des Unternehmens „einige wenige außergewöhnliche Urteile vor Gerichten einzelner US-Bundesstaaten, die der Wissenschaft widersprachen“.
Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Baby Powder und Krebs war nicht bewiesen worden, doch die Klagewelle schien nicht mehr aufzuhalten. Ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet anonym gegenüber The Telegraph, er sei an keinerlei Gesprächen über Baby Powder beteiligt gewesen und habe in einem anderen Unternehmensbereich gearbeitet.
Ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet von Zielkonflikten
Er habe dort in den 1980er- und 1990er-Jahren jedoch eine Kultur erlebt, in der es bisweilen Spannungen zwischen wissenschaftlicher Sorgfalt und dem Geldverdienen gegeben habe. „Es gab Menschen, die verantwortungsvoll mit den Daten [etwa zur Produktsicherheit] umgehen wollten, aber auch solche, die [dachten]: ‚Ach, damit muss ich mich nicht beschäftigen‘“, sagt er.
Als er von den Talkumverfahren hörte, habe ein Teil von ihm es seltsam gefunden, dass darüber nicht früher gesprochen worden war, falls Baby Powder tatsächlich Krebs verursachte.
„Andererseits dachte ich: ‚Ich weiß, was durchaus so vor sich geht, und es ist plausibel, dass gewisse Versuche unternommen worden sein könnten, das zu verbergen.‘“ J&J erklärt, es könne „zu den unbelegten und vagen Vermutungen einer anonymen Person, die behauptet, vor über 40 Jahren in einem anderen Unternehmensbereich gearbeitet zu haben, und die keinerlei Kenntnisse über unser Talkumprodukt hat, nicht sinnvoll Stellung nehmen“.
J&J hat entschieden bestritten, dass irgendeiner der zahlreichen Tests seines Talks Hinweise auf Asbest erbracht habe. „Die Behauptung, wir hätten irgendetwas verborgen, ist falsch“, erklärte das Unternehmen 2018. Dennoch gingen die Klagen weiter. 2021 gab J&J bekannt, 3,9 Milliarden Dollar vor allem für Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit Talkum zurückgestellt zu haben.
Die nordamerikanische juristische Auseinandersetzung mündete im Juli in den Vorschlag einer Einigung über 5,5 Milliarden Dollar – vermutlich weit weniger, als es gekostet hätte, jede einzelne Klage abzuwehren.
Ein Ende nach 15 Jahren Rechtsstreitigkeiten?
J&J hat durchgehend daran festgehalten, den Ansprüchen fehle eine wissenschaftliche Grundlage. Sie seien „nur durch unzuverlässige Sachverständigenmeinungen aufrechterhalten worden, die einer strengen gerichtlichen Prüfung nicht standhalten konnten“.
Die langjährige Position des Unternehmens bleibt, dass sie auf „Pseudowissenschaft“ beruhten, die „seit Jahrzehnten von wissenschaftlichen Organisationen und Aufsichtsbehörden in den Vereinigten Staaten sowie von unabhängigen Experten zurückgewiesen“ werde. Mit dem Vorschlag, die Ansprüche durch Zahlungen beizulegen, hoffte J&J, 15 Jahre andauernde Rechtsstreitigkeiten zu beenden.
„Wir sind zwar zuversichtlich, dass sich das Unternehmen bei weiteren Rechtsstreitigkeiten letztlich durchgesetzt hätte, wie in der großen Mehrheit der bislang verhandelten Fälle. Diese Einigung ermöglicht es dem Unternehmen jedoch, die Angelegenheit hinter sich zu lassen und sich weiterhin auf seine Aufgabe zu konzentrieren, lebensrettende Medikamente und Medizinprodukte zu entwickeln“, sagte Erik Haas, der ehemalige weltweite Vizepräsident von J&J für Rechtsstreitigkeiten.
Britische Kläger nehmen nun den Kampf auf
Das Problem für J&J ist, dass die Angelegenheit nicht beendet ist: Die USA waren nicht das einzige Land, in dem dem Unternehmen gerichtliche Auseinandersetzungen drohten. In England und Wales haben sich rund 1.000 Menschen, überwiegend Frauen, bei KP Law für eine Gruppenklage registrieren lassen. Die Ansprüche mehrerer Tausend weiterer Personen werden geprüft. Dutzende der Angemeldeten sind inzwischen gestorben. In einigen Fällen werden Angehörige ihre Ansprüche weiterverfolgen.
Linda Brodie aus Leeds gehört zu den registrierten Klägerinnen in England. Ihre Beschwerden begannen im Frühherbst 2021. Mit 64 fühlte sie sich ständig müde, und ihr Bauch war so angeschwollen, dass sie „ungefähr im achten Monat schwanger aussah“. Da sie kurz zuvor im Ausland Urlaub gemacht hatte, fragte sie sich, ob sie sich einen Infekt eingefangen hatte.
Ihr Arzt vermutete jedoch Eierstockkrebs, was sich rasch bestätigte. Bei Brodie, die für ein Versicherungsunternehmen arbeitete, war der Krebs bereits im dritten Stadium, hatte sich also ausgebreitet.
„Es kam völlig aus heiterem Himmel“, sagt sie. „An Krebs hatte ich nicht ein einziges Mal gedacht.“ Ihre Gedanken waren sofort bei ihrer Familie. Wie sollte sie es ihrem Mann und ihren beiden erwachsenen Söhnen sagen? „Oh Gott, ich werde sterben“, dachte sie. Ihre Familie war am Boden zerstört. Zunächst dachte sie nicht darüber nach, ob und was hinter der Erkrankung stecken könnte.
„Man denkt einfach: ‚Warum ich?‘“ Es gab keine familiäre Vorbelastung und, wie Untersuchungen bestätigten, auch keine genetischen Faktoren.
Lebenslanges Vertrauen in ein vertrautes Produkt
Dann stieß Brodie im Internet auf etwas über das Talkumverfahren von KP Law und begann, sich Fragen zu stellen. „Ich habe Johnson’s Talkumpuder bei mir selbst und bei meinen Jungen verwendet, als sie Babys waren, und ich benutzte es [als Erwachsene] immer noch“, sagt sie. „Meine Mutter hat es bei mir verwendet, als ich ein Kind war. Sie sagte: ‚Ich habe dich immer damit eingepudert, Linda, wenn du aus der Badewanne kamst.‘“
„Als ich meine Kinder bekam, dachte ich: ‚Wenn es gut für Babyhaut ist, muss es auch gut für meine Haut sein.‘“ Nun möchte sie, dass J&J „zur Verantwortung gezogen“ wird, falls sich herausstellt, dass seine Produkte etwas Giftiges enthielten. Eine gewisse Entschädigung, fügt sie hinzu, „wäre schön“.
Die heute 68-Jährige befindet sich seit drei Jahren in der Genesungsphase. Die Behandlung belastet sie weiterhin, und sie lebt in ständiger Angst vor einer Rückkehr des Krebses. Sie weiß nicht, ob sie sich gut genug fühlen wird, um vor Gericht zu erscheinen. „An manchen Tagen geht es mir furchtbar“, sagt sie.
„Ich kann nicht wie andere Menschen Pläne machen.“ In Schottland haben sich weitere 130 bis 140 Menschen für eine Gruppenklage registrieren lassen. Helene Rose führt die Gruppe an, der sich voraussichtlich noch viele anschließen werden. Alle glauben, dass ihre eigene Krebserkrankung oder die eines Angehörigen durch die Verwendung von Talkum verursacht wurde.
Der Wunsch nach Gerechtigkeit für die Familien
Die an Krebs Erkrankten wollten, dass ihre Familien Gerechtigkeit erfahren, falls sie selbst nicht mehr da seien, sagt Lindsay Davidson, Geschäftsführerin von Lefevres Law, der Kanzlei der schottischen Kläger. „Es herrscht Wut, weil Talkumpuder ein so bekanntes Alltagsprodukt ist. Viele der Frauen haben sich, das ist sehr traurig, mit ihrem Schicksal abgefunden. Viele wollen wissen, wie schnell die Sache geklärt wird, weil sie noch zu Lebzeiten eine Lösung erleben möchten.“
Keine der Klägerinnen habe sie gefragt, wie viel Schadenersatz sie erhalten könnte. „Es fühlt sich nicht nach Geldgier an“, sagt sie. „Sie sind schwer krank und machen sich Sorgen darüber, wie lange sie noch leben werden.“ Nach Gesprächen mit ihnen habe sie mit den Tränen kämpfen müssen. Dass beruflicher Kontakt mit Asbest tödliche Krankheiten verursachen kann, ist wissenschaftlich überwältigend belegt. Bei Talkumpuder besteht hingegen kein vergleichbarer Konsens.
Was die Wissenschaft über Talkum und Krebs weiß
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation erklärte 2024: „Eine Verunreinigung von Talkum mit Asbest kann weiterhin Anlass zur Sorge geben und dazu führen, dass Beschäftigte und die allgemeine Bevölkerung Asbest ausgesetzt werden, etwa durch verunreinigte talkumhaltige Schminke und Körperpuder.“
Cancer Research UK zufolge reichen die Belege jedoch nicht aus, um zu sagen, dass Talkumpuder Krebs verursacht. Weitere Forschung sei notwendig, um festzustellen, ob er das Risiko für Eierstockkrebs erhöht.
„Es gibt keinen einzelnen Beleg, der einen ursächlichen Zusammenhang nachweist“, sagt Justin Stebbing, Professor für biomedizinische Wissenschaften an der Anglia Ruskin University in Cambridge. „Wir wissen, dass Asbest Mesotheliome verursacht. Ob er über Talkum auch andere Krebsarten wie Eierstockkrebs verursacht, ist umstritten.“
Allerdings gebe es „plausible Mechanismen, durch die [Talkum], selbst wenn es keinen Krebs verursacht, das Krebsrisiko erhöhen könnte“. Dazu zählten Entzündungen auf Zellebene, die Mutationen hervorrufen, aus denen Krebs entsteht.
„Es gibt viele Studien dazu, aber keine davon ist wirklich schlüssig.“ J&J und Kenvue erklären, es gebe keine veröffentlichte Studie, die nachweise, dass Talkum auf den behaupteten Wegen in den Körper gelangen und Krebs verursachen könne. Dr. Astero Klampatsa, Leiterin der Arbeitsgruppe für Immuntherapie in der Thoraxonkologie am Institute of Cancer Research in London, sagt, es bestehe die „Möglichkeit“, dass Talkum mit Asbest verunreinigt sei und deshalb Krebs verursache.
Die Schwierigkeit, einen Zusammenhang zu beweisen
Wenn Asbest enthalten sei, gebe es, „da es sich um einen krebserregenden Stoff handelt, immer ein geringes Risiko, selbst bei einer sehr kleinen Menge“, sagt Klampatsa. Das sei jedoch „sehr, sehr schwer zu beweisen“.
J&J und Kenvue werden zu ihrer Verteidigung vorbringen, in Baby Powder sei ausschließlich Talkum in Kosmetikqualität aus sorgfältig geprüften Minen in Italien, Australien, China und Indien verwendet worden. Geologische Bewertungen jeder einzelnen Mine bestätigten zudem die Abwesenheit von Asbest.
Wie schwierig es ist, das Gegenteil nachzuweisen, hat sich auch vor Gericht gezeigt. Deane Berg aus Sioux Falls in South Dakota war die erste Frau, die klagte. 2006 wurde bei ihr im Alter von 49 Jahren Eierstockkrebs diagnostiziert. Nach eigenen Angaben hatte sie über drei Jahrzehnte talkumhaltige Produkte von J&J zur Körperhygiene verwendet.
2009 ließ sie ihr Eierstockgewebe untersuchen. Dabei wurde Berichten zufolge Talkum in einem Eierstock gefunden. Sachverständige von J&J vermuteten, dies sei auf eine Verunreinigung der Probe im Krankenhaus zurückzuführen.
„Eine Klage kann den erlittenen Schaden nicht ungeschehen machen“
2013 wurde Bergs Fall vor einem Bundesgericht von Geschworenen verhandelt, die ihr recht gaben. Sie entschieden, die Verwendung von Körperpuderprodukten von J&J sei ein Faktor bei der Entstehung ihrer Erkrankung gewesen. Schadenersatz wurde nicht zugesprochen, doch der Fall löste zunächst einzelne und dann eine Flut ähnlicher Klagen aus.

Es gab einige hohe Entschädigungszahlungen, aber auch Urteile, die in der Berufung aufgehoben wurden, weil die Belege für die Ursache der Krebserkrankungen der Kläger als unzureichend galten. 2023 wurde Kenvue, die Verbrauchergesundheitssparte von J&J, vom Konzern abgespalten.
Kenvue behielt die Verantwortung „und jede behauptete Haftung“ für Talkumverfahren außerhalb der USA und Kanadas. Diese Klagen würden, so ein J&J-Sprecher, „durch jahrzehntelange Studien widerlegt, die zeigen, dass Johnson’s Baby Powder sicher ist, keinen Asbest enthält und keinen Krebs verursacht“.
Kenvue UK Ltd erklärt, die Sicherheit des Produkts werde durch mehr als vier Jahrzehnte an Tests unabhängiger und führender Labore, Universitäten und Gesundheitsbehörden in Großbritannien und weltweit belegt. „Wir empfinden tiefes Mitgefühl für Menschen, die mit Krebs leben, und verstehen, dass sie und ihre Familien Antworten möchten. Deshalb sind die Fakten so wichtig“, sagt ein Sprecher.
„Das hochwertige Talkum in Kosmetikqualität, das in Johnson’s Baby Powder verwendet wurde, entsprach den vorgeschriebenen regulatorischen Standards, enthielt keinen Asbest und verursacht keinen Krebs. Wir nehmen diese Angelegenheit ernst. Wir haben über die Jahre sorgfältig, umfassend und vollkommen transparent mit Aufsichts- und Gesundheitsbehörden zusammengearbeitet und tun dies weiterhin.“
Gerichtsentscheidungen zugunsten des Unternehmens
Angesichts einer Flut von Klagen beantragte J&J zwischen 2021 und 2024 dreimal erfolglos Insolvenz. Die Verfahren gingen weiter. Dieses Jahr brachte dem Unternehmen dann mehrere Erfolge. Im März hob eine Richterin am Superior Court des Bezirks Los Angeles eine Geschworenenentscheidung auf, nach der das Unternehmen der Familie von Mae Moore 950 Millionen Dollar Strafschadenersatz zahlen sollte. Moore war 2021 im Alter von 88 Jahren an einem Mesotheliom gestorben.
Die Familie habe nicht bewiesen, dass das Unternehmen böswillig gehandelt oder Informationen über seine Produkte verschwiegen habe, erklärte die Richterin. Hunderte Testergebnisse zeigten, dass die Talkumprodukte von J&J keinen Asbest enthielten, sagte Richterin Ruth Kwan.
Es folgte eine weitere wichtige Entscheidung zugunsten des Unternehmens, diesmal in New Jersey. Fünf Tage, bevor J&J in diesem Sommer seinen Vergleichsvorschlag bekannt gab, äußerte Richterin Rukhsanah Singh in Trenton Zweifel an den Ansprüchen Zehntausender Menschen, die behaupten, seine Talkumprodukte hätten Eierstockkrebs verursacht.
Die Kläger müssten konkretere Beweise vorlegen oder riskierten eine Abweisung ihrer Klagen, erklärte sie. In Großbritannien ist derweil alles für eine weitere öffentlichkeitswirksame juristische Aufarbeitung der Babypudergeschichte vorbereitet. Das englische Verfahren gegen J&J begann im April vor dem High Court.
Im Juli ordnete ein Richter eine Verhandlung für Februar 2028 an, in der geklärt werden soll, ob Talkum mit Asbest verunreinigt war und ob es Eierstockkrebs oder Mesotheliome verursachen konnte.
Britische Verfahren sollen zentrale Fragen klären
„Tausende Familien in England und Wales leben mit den Folgen der Entscheidung von Johnson & Johnson, Profit über Menschen zu stellen“, wirft Tom Longstaff, Partner bei KP Law, dem Unternehmen vor. „Dass ein als sicher vermarktetes Produkt so vielen Menschen so großen Schaden zugefügt haben soll, ist wirklich erschütternd. Auch wenn eine Klage den erlittenen Schaden nicht ungeschehen machen kann, verdienen unsere Mandanten Anerkennung und Rechenschaft.“
In Schottland fand Anfang Juli eine Anhörung statt, bei der ein Richter die Talkumklagen als Gruppenverfahren zuließ. Eine vorbereitende Anhörung wird im Dezember vor dem Court of Session abgehalten, dem höchsten schottischen Zivilgericht.
J&J und Kenvue sind in den Gruppenverfahren in England und Schottland gemeinsam beklagt und werden sich in beiden Fällen auf derselben Grundlage verteidigen. „Ich glaube nicht, dass wir jemals ein direktes Haftungseingeständnis von J&J bekommen werden“, sagt Lindsay Davidson von Lefevres.
Zwischen neuer Behandlung und juristischem Kampf
„Ich denke, die Menschen werden ein Gefühl des Friedens finden, weil sie ihre Familien [bei einem Erfolg ihrer Klage] finanziell abgesichert zurücklassen. Aber für die meisten dieser Frauen gibt es kein glückliches Ende.“ Nach ihrer ersten Prognose fand Helene Rose tatsächlich einen Chirurgen, der bereit war, sie zu operieren. Der Krebs wurde vollständig entfernt.
Doch im Juli erfuhr sie, dass er zurückgekehrt war und sich weit ausgebreitet hatte. „Das war niederschmetternd“, sagt sie. „Ich dachte, ich hätte es geschafft, ihn zu besiegen.“ Sie versucht, zuversichtlich zu bleiben. Ein weiterer Kampf liegt vor ihr: kein medizinischer, sondern ein juristischer.
„Ich habe Angst“, sagt sie, „vor dem, was die Zukunft bringt, und davor, ob es überhaupt eine Zukunft geben wird. Wenn Talkum diese Krankheit bei so vielen Frauen verursacht hat, dann sollte Johnson & Johnson Verantwortung übernehmen und zur Rechenschaft gezogen werden.“ In Großbritannien liegt es nun an Richtern, nicht an Geschworenen, darauf eine Antwort zu geben.