Ein Wadenwickel fürs Bürgerhaus: Die Stadt kühlen, nicht die Räume klimatisieren
Stand: 21.07.2026, 07:00 Uhr
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Die Architektin Christina Eisenbarth hat ein System entwickelt, das Hauswände durch Verdunstungskälte kühlt. An heißen Tagen wird die Fassade mit gesammeltem Regenwasser besprüht.
Obertshausen – Das Bürgerhaus Hausen steht für eine andere Zeit. Als der Mehrzweckbau 1961 fertiggestellt wurde, hatte die Stadt viel Platz und fast noch mehr Geld für ein solches imposantes Gebäude. Und ein Thema war ohnehin weit weg: der Klimawandel.
Doch heute sind solche mächtigen Bauten problematisch. Allein die große Wand in Westrichtung, in Verlängerung des Eingangs, wirkt in diesen Hitzetagen wie eine Bratpfanne. Der dunkle Klinker wird in der Nachmittagssonne noch einmal heißer als helles Mauerwerk, die Naturschützer des BUND sprechen in dem Fall von Temperaturen von bis zu 70 Grad. Und diese Hitze strahlt dann wiederum auf die Umgebung ab. Im Verbund mit anderen Gebäuden wird die Stadt somit zusätzlich zum Sonnenschein stetig aufgeheizt – und kann nachts nicht richtig abkühlen, weil das Mauerwerk wie ein Wärmespeicher funktioniert.
Mit Regenwasser die Stadt kühlen
Die Westmauer des Bürgerhauses ist wie geschaffen für eine Technik, die helfen kann, eine Stadt abzukühlen. Hydroskin heißt das System, das die Architekturprofessorin Christina Eisenbarth in ihrer Promotion an der Universität Stuttgart entwickelt hat. Eisenbarth lehrt mittlerweile an der TU Darmstadt und müsste eigentlich spätestens seit diesem Hitzesommer eine der gefragtesten Planerinnen des Landes sein.
Übersetzt heißt Hydroskin „Feuchthaut“ und beschreibt ein in der Regel dreischichtiges, weniger als fünf Zentimeter dickes Textil- und Membransystem, das, in einem Aluminium-Rahmen gespannt, an der Hausmauer befestigt wird und wie eine Funktionskleidung für das Gebäude wirkt. Das Ziel: Die äußere Hülle des Gebäudes durch Verdunstungskälte kühl zu halten. Dazu braucht es Wasser. Am besten Regenwasser, denn das kostet nichts.
Bei Starkregen wird die Kanalisation entlastet
Und so funktioniert die feuchte Haut: Die äußere Membranschicht lässt den Niederschlag durch, blockt aber Schmutz und Insekten ab. Der Regen wiederum prasselt nicht einfach auf die Hauswand, sondern wird von der Haut aufgenommen und zwischengespeichert. Gerade bei Starkregen wird dadurch die Kanalisation entlastet. Das gesammelte Regenwasser kann anschließend im Gebäude (für Toilettenspülung, Waschmaschinenbetrieb und Pflanzenbewässerung) genutzt werden. An heißen Tagen wird die textile Hülle per am Aluminiumrahmen befestigter Sprühdüsen aus dem gesammelten Wasser erneut befeuchtet, sodass die Flüssigkeit verdunstet und die Fassade kühlt.
Und was bringt das? „Wir haben an einem heißen Sommertag eine minimale Oberflächentemperatur von etwa 17 Grad gemessen“, sagt Christina Eisenbarth. Zur Erinnerung: Die Bürgerhauswestwand kann sich locker bis zu 70 Grad erwärmen. Um das System ihrer Erfindung zu verdeutlichen, wählt die Architektin ein alltagstaugliches Beispiel: „Das Prinzip kennt man von einem feuchten Wadenwickel bei Fieber: Wenn Wasser verdunstet, wird der Umgebung Wärme entzogen. Genau diesen Effekt nutzen wir mit Hydroskin an der Fassade.“
„Klimaanlage schafft eine kühle Blase im Gebäude“
Also scheint es die bessere Variante zu sein, das Gebäude außen zu kühlen, anstatt innen Klimaanlagen zu installieren. „Eine solche Anlage schafft eine kühle Blase im Gebäude, heizt aber den Außenraum zusätzlich auf.“ Denn die Anlage gibt nach außen mehr Wärme ab, als sie dem Innenraum entzieht. Und je mehr Abluft in die Städte geblasen wird, umso mehr müssen die Häuser innen klimatisiert werden. Eisenbarth will hingegen mit ihrem feuchten Wadenwickel am Haus ein kühleres Außenklima herstellen – damit wiederum die Innenräume weniger stark aufheizen.
Und so ein Mikroklima lässt sich an nahezu jedem Gebäude schaffen – ob beim Neubau oder bei der Sanierung im Bestand, sagt die Architekturprofessorin. Wie Kleidung kann auch Hydroskin ganz unterschiedlich gestaltet werden: in verschiedenen Farben und Formen oder mit Mustern versehen. So können ganze Quartiere heruntergekühlt und zugleich in ein neues „Gewand“ gehüllt werden.
Eisenbarth hat für ihr System 2025 den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung in der Kategorie Natur- und Technikwissenschaften erhalten. Wohl auch, weil ihr Konzept nicht nur kühlt, sondern einen weiteren Vorteil hat: Kreislaufwirtschaft. Die Hülle könnte aus recyceltem Material hergestellt werden, etwa PET-Flaschen oder Bekleidungsabfällen. Hitze in den Städten muss also kein lästiger Sommerdauerzustand sein.
Wenn man das Prinzip des Wadenwickels kennt. (von Steffen Gerth)