„Eine Abrissbirne“: UN warnen vor dem stärksten El Niño seit Messbeginn
Im tropischen Pazifik baut sich der stärkste El Niño seit Beginn der Beobachtungen auf. Die Weltwetterorganisation (WMO) erwartet für November bis Januar Meerestemperaturen von rund 3,8 Grad über dem langjährigen Mittel. Die Vereinten Nationen rechnen mit Dürren und Fluten von Ostafrika bis Mittelamerika – und mit bis zu 50 Millionen Menschen, die zusätzlich Hunger leiden könnten.
3,8 Grad: „Das haben wir in unseren Aufzeichnungen nie gesehen“
Die Zahl stammt aus der neuen saisonalen Klimaprognose, die WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo am Mittwoch in Genf vorstellte. Gemessen wird in der sogenannten Niño-3.4-Region im zentralen Pazifik, den Höhepunkt erwartet die WMO um den Dezember.
Der Wert liege jenseits der Messskalen, die man seit vier Jahrzehnten verwende, sagte Saulo. Ab 0,5 Grad über normal spricht die WMO bereits von einem El Niño. In früheren Rekordjahren habe man Werte um drei Grad gesehen.
Im Dreimonatsmittel liegt der bisherige Rekord laut WMO bei 2,6 Grad, gemessen im Winter 2015/16. Noch im Juni betrug die Abweichung 1,6 Grad, im August schon 2,5 Grad, wie die WMO in ihrer Mitteilung vom Oktober vorrechnet.
Warum es so schnell geht, hatte Saulo dort erklärt: El Niño erzeuge keine neue Wärme, sondern setze die frei, die der Ozean bereits gespeichert habe.
Dürre in Afrika, Fluten in Chile: Diese Regionen trifft es
Die Prognose der WMO wird erstaunlich konkret. In Ostafrika steigt in der Regenzeit bis Dezember das Risiko für Starkregen und Überschwemmungen. Im südlichen Afrika droht ab November Trockenheit, ausgerechnet zum Beginn der Aussaat.
In Südostasien rechnet die WMO mit Hitze, Regenmangel und wachsender Waldbrandgefahr. Mittelamerika, der südliche Karibikraum und Teile des Amazonasgebiets müssen sich auf Dürre einstellen.
Mehr Regen erwartet die WMO dagegen im Nordwesten der USA und im Süden Südamerikas. Die Überschwemmungen in Chile und im Becken des Paraná nannte Saulo als Beispiele für das, was bereits geschieht.
50 Millionen Menschen: UN warnen vor Hungerkrise
Gemeinsam mit Saulo trat UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher auf. Er fand drastische Worte: „Dieser El Niño ist ein Ungetüm. Er ist eine Abrissbirne.“
Bis zu 50 Millionen Menschen könnten nach UN-Angaben zusätzlich Hunger leiden. Die Afrikanische Entwicklungsbank schätzt die Kosten allein für afrikanische Staaten auf 10 bis 20 Milliarden US-Dollar, die Wirtschaftsleistung könne um ein bis zwei Prozent sinken.
Fletcher gab mehr als 50 Millionen US-Dollar aus dem Nothilfefonds CERF frei, unter anderem für Äthiopien, Somalia, Südsudan, Tschad und El Salvador. Die nächsten zwei Wochen seien entscheidend, um Bargeld, Saatgut und Hilfsgüter vor Ort zu bringen.
Auch die globale Durchschnittstemperatur dürfte steigen. Der El Niño 2023/24 hatte dazu beigetragen, dass 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen wurde. Saulo hatte bereits im September gewarnt, dieser Rekord könne fallen.
Kalter Winter in Deutschland? Was der DWD sagt
Europa liegt weit vom Pazifik entfernt und ist deutlich schwächer betroffen. Der Deutsche Wetterdienst rechnet allenfalls mit indirekten Folgen über veränderte Luftströmungen, konkret vorhersagen lassen sie sich derzeit nicht.
Meteorologe Nico Bauer vom privaten Portal Wetterdienst.de betont, dass sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter ableiten lasse.
Spürbar werden könnte der Rekord-El-Niño hierzulande eher an der Kasse: Fletcher warnte vor weiter steigenden Preisen für Lebensmittel, Treibstoff und Dünger. Die WMO hält es für nahezu sicher, dass El Niño bis mindestens Februar 2027 anhält.
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