Eine Frau von Welt, aus Beirut: Zur Journalistin Jocelyne Saab


Viennale Spezial

Eine Frau von Welt, aus Beirut: Zur Journalistin Jocelyne Saab

Saab dokumentierte in ihren Reportagefilmen die politischen Umbrüche nach dem libanesischen Bürgerkrieg sowie im Nahen Osten ab den späten 1970er-Jahren

Bert Rebhandl

Eine Frau steht mit einem Mikrofon in der Hand inmitten der Überreste eines ausgebrannten Gebäudes. Verkohlte Balken und zerstörte Wände sind sichtbar. Sie blickt nach oben, während sie berichtet.
Jocelyne Saab kam nach Beirut jeweils als Reporterin und drehte dort zwischen 1976 und 1983 eine Trilogie über „ihre Stadt“ („ma ville“), die heute zu den wichtigsten Zeugnissen aus dieser Zeit zählt.

Der Bürgerkrieg im Libanon dauerte offiziell von 1975 bis 1990. Er enthielt im Kern schon alle die Spannungen und Konfliktlinien, die bis heute die Levante zu einer Krisenregion machen. Die Filmemacherin Jocelyn Saab hatte, wie so viele Angehörige der Elite im Libanon, ein zweites Standbein in Paris. Sie kam nach Beirut jeweils als Reporterin, und drehte dort zwischen 1976 und 1983 eine Trilogie über „ihre Stadt“ („ma ville“), die heute zu den wichtigsten Zeugnissen aus dieser Zeit zählt.

In Beyrouth, jamais plus (Beirut, nie wieder), nutzte sie die frühen Stunden des Tages, in denen die Waffen in der Regel ruhten, um die jeweils neuen Zerstörungen zu protokollieren, die von den Milizen angerichtet worden waren – Beirut war die Szene eines Stellvertreterkriegs, in dem Syrien und der Iran sowie die Palästinensische Befreiungsorganisation und Israel mitmischten. Jocelyne Saab stand für das Beirut vor dem Krieg, für eine kosmopolitische arabische Stadt, die ihr Modell des Zusammenlebens irgendwann nicht mehr verteidigen konnte.

Alltag in der Verwüstung

1978 kehrte Saab zurück, und suchte in den Verwüstungen nach einem Alltag. In Lettre de Beyrouth führt sie viele Gespräche in einem Bus, den sie selbst zum Laufen bringt, nachdem der öffentliche Verkehr weitgehend zum Erliegen gekommen war. Sie hört abenteuerliche Geschichten von Emigration, rund um Beirut wird ein weltweites Bezugsfeld von Diaspora erkennbar, das einen jungen Frachtmechaniker sogar bis nach Westafrika bringt. Damit bekommt auch Saabs eigene Rolle einen Spiegel: eine Frau aus der Stadt, die als Journalistin und Reporterin von auswärts zurückkehrt. 1982 ist dann Israel schon Teil des Bürgerkriegs, der damit zu einem Krieg wird. In Beyrouth, ma ville nimmt Saab das Haus, in dem sie aufwuchs und das schon 1978 zerstört worden war, zum Ausgangspunkt ihres Diskurses.

Eine Frau mit einer Kamera um den Hals spricht mit einem Mann in militärischer Kleidung, der auf einer Bank sitzt und eine kleine Box in der Hand hält. Im Hintergrund sind Bäume und weitere Personen zu sehen.
In "Lettre de Beyrouth" führt Saab viele Gespräche, u.a. mit einem Frachtmechaniker aus Westafrika.

Wiederentdeckt

Die Beirut-Trilogie steht im Zentrum des Spezialprogramms, mit dem die Viennale an die 2019 verstorbene Jocelyne Saab erinnert. In den vergangenen Jahren wurde deren Werk restauriert und liegt nun auch in einer luxuriös ausgestatteten französischen DVD-Ausgabe vor, dazu ist in der Edinburgh University Press ein wichtiger Band zu ihr erschienen. Neben Beirut führt das Viennale-Programm nach Ägypten, wo Saab sich in Kairo in eine „Stadt der Toten“ begibt, eine Lebenswelt inmitten eines alten Gräberfelds, das quasi hausbesetzt wurde.

Frauen und Männer in militärischer Formation, mit ausgestreckten Armen in einer Übung. Die Frauen tragen Kopftücher und lange Mäntel, während die Männer Uniformen und Helme tragen. Die Szene wirkt wie ein Training oder eine Demonstration.
"L'Iran, l'utopie en marche" ist ein Zeugnis aus den frühesten Phasen nach dem Sturz des Schahs.

Aus heutiger Sicht ist der interessanteste Beitrag unter den Filmen, die von der Viennale ausgewählt wurden, eine Reportage aus dem revolutionären Iran: L’Iran, l’utopie en marche ist ein Zeugnis aus den frühesten Phasen nach dem Sturz des Schahs. Jocelyne Saab war stark von der antiimperialistischen Linken geprägt, sie war auch gegen den Vietnamkrieg engagiert, und fand dementsprechend in den Menschenmengen, die in Teheran den Reden schiitischer Kleriker zuhörten, ein Hoffnungszeichen. Der Ayatollah Khomeini, dessen Bildnis in der ersten Szene in einer Druckerei vervielfältigt wird, steht in dieser Phase noch für Befreiung. In der Heterogenität der dokumentierten Momente deutet sich aber schon an, dass nicht alle von der klerikalen Wende der Revolution etwas haben werden.

Das Programm der Viennale kann nur einen ersten Hinweis auf Jocelyne Saab geben: Ihr Werk ist umfangreich, sie war nicht nur als Reporterin aktiv, sondern auch als Künstlerin. Eine Frau von Welt, aus Beirut. (Bert Rebhandl, 27.10.2026)

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