Amazon lässt den Biografiefilm «Artificial» über Sam Altman fallen. Ein Alarmzeichen für Hollywood.
Eine kleine Oligarchie aus Tech-CEOs übernimmt die Macht in Hollywood
Kurz nachdem Amazon mit OpenAI einen Milliarden-Deal geschlossen hatte, liess es den bereits fertigen Biografiefilm über Sam Altman fallen, den Chef der KI-Firma. Das kann kein Zufall sein.
02.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Der Amazon-Gründer und Verwaltungsratspräsident Jeff Bezos spricht am 6. November 2025 im Kaseya Center in Miami am America Business Forum.
Alexander Tamargo / Getty
Hat Jeff Bezos da etwa persönlich eingegriffen? Diese Befürchtung geht um in Hollywood, seit bekanntwurde, Amazon werde «Artificial», den Biografiefilm über den umstrittenen Open-AI-Chef Sam Altman, doch nicht herausbringen. Regie führte der Italiener Luca Guadagnino, der seit dem Erfolg von «Call Me by Your Name» in Hollywood zu den begehrten europäischen Regisseuren gehört.
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«Artificial» war so gut wie fertig, als Amazon sich zurückzog und vage verlauten liess, das Werk sei anderswo besser aufgehoben. Das ist in der Tat so, wenn Jeff Bezos keinen Beziehungsstress mit Sam Altman riskieren will. Denn das Porträt über Altman sei düster, so sagen Insider gegenüber Fachmagazinen wie «Variety». Es spielt in den Tagen, als Altman vom eigenen Vorstand wegen seines intransparenten Kommunikationsstils gefeuert, aber wenig später wieder eingestellt wurde.
Die Düsterkeit ist keine Überraschung. Wenn Guadagnino sich jemandes wie Altman annimmt, der berüchtigt ist für seinen Opportunismus und seine Lügen, ist zu erwarten, dass er keine Seifenoper fabriziert. Wie kompromisslos Guadagnino inszeniert, weiss man eigentlich auch bei Amazon, das schon früher mit ihm zusammengearbeitet hat. Der Tennisfilm «Challengers» mit Zendaya und Josh O’Connor beispielsweise war 2024 ein Hit.
KI-Kampfzone Hollywood
Aber inzwischen ist die Welt eine andere. KI hat die Herrschaft über die kollektive Phantasie ergriffen, und das Filmbusiness entwickelt sich mehr und mehr zur Arena, wo die Techfirmen ihre Kämpfe um die Vorherrschaft auf dem Gebiet der KI ausfechten. Wenn man die Deals zählt, liegt Open AI zurzeit klar in Führung.
Im November 2025 schloss das Unternehmen mit Amazon einen 38-Milliarden-Dollar-Deal ab. Open AI verpflichtete sich, während sieben Jahren Rechenkapazitäten bei Amazon Web Services (AWS) zu kaufen. Der nächste Deal folgte im Juni 2026. Amazon wird nun 50 Milliarden Dollar in Open AI investieren, während Open AI 100 Milliarden für AWS-Chips ausgeben soll. Auch Netflix ist Kundin von Sam Altman. Die generative KI von Open AI hilft dem Netflix-Algorithmus, die Such- und Vorschläge-Funktion zu verbessern.
Disney hatte im Dezember 2025 einen 1-Milliarden-Deal mit Open AI vorbereitet. Der Plan war, dass Fans mit deren KI-App Sora Filmchen mit extra freigegebenen Disneyfiguren generieren konnten. Doch bevor es losging, musste Altman Sora abschalten. Es hatte heftige Kritik wegen Copyright-Verletzungen und pietätlosen Videos gegeben, die seine Kundschaft mit dem neuen Tool herstellte.
Neben Open AI sieht Google Deepmind schwach aus mit seinem 75-Millionen-Dollar-Deal mit dem Produktionshaus A24. Man will gemeinsam KI-gestützte Programme entwickeln, um die Filmherstellung günstiger zu machen. Filmschaffende sind so wütend wie die Fans von A24. Denn das Haus gilt als das letzte in Hollywood, das noch Originalität wagt und dank Oscar-Sensationen wie «Everything Everywhere All at Once» oder «Moonlight» auf dem Weg zum Kultstatus war.
Je weiter die Techfirmen ins Filmgeschäft vordringen, desto mehr fragen sich Filmschaffende: Wie viele Jobs gehen verloren? Wie viel von der kreativen Freiheit? «Artificial» ist ein neuerlicher Weckruf. Man weiss zwar nicht sicher, ob es Big Boss Bezos war, der eingegriffen hat. Aber es ist bekannt, dass der Apple-Chef Tim Cook sich schon seit 2020 in kreative Entscheidungen beim Streamingdienst Apple TV einmischt. Er kippte ein Projekt, das von «Gawker» hätte handeln sollen. «Gawker» war ein populärer Blog für Klatsch, der 2016 nach einer Schadenersatzklage, heimlich finanziert von Peter Thiel, den Betrieb einstellen musste.
Cook verhinderte ausserdem einen Biografiefilm über den Rapper Dr. Dre, angeblich wegen zu viel Darstellung von Gewalt und Sex. Und er sorgte dafür, dass im Thriller «Servant» von M. Night Shyamalan nirgends Kruzifixe zu sehen waren. Jetzt verzögert Apple seit einem Jahr den Start der Serie «The Savant» mit Jessica Chastain. Sie spielt darin eine Ermittlerin, die Online-Hassgruppen infiltriert, um Extremisten zu identifizieren.
Jetzt auch noch die Politik
Womöglich sind Cooks Entscheidungen politisch motiviert. Er spendete eine Million Dollar für Trumps zweite Inaugurationsfeier. Auch die anderen mächtigen Tech-CEO haben Trump ihre Treue geschworen. Amazon bewies seine Loyalität mit dem servilen Dokumentarfilm «Melania» über die First Lady.
Die Nähe dieser Milliardäre zu Trump macht die Verstrickungen zwischen deren Konzernen und der Unterhaltungsbranche noch komplexer und auch beunruhigender. Das Silicon Valley braucht Trump als Verbündeten, weil Bevölkerung und Forschung immer lauter nach Regulierung sowohl von KI-Anwendungen als auch von Social-Media-Plattformen rufen.
Das wesentliche Problem für Hollywood sind aber nicht die Techfirmen allein, sondern deren Kampf ums Unterhaltungsmonopol, jetzt zusätzlich befeuert durch den KI-Boom. In den letzten Jahren sind riesige Konglomerate aus Filmproduktions-, Tech- und Medienhäusern entstanden. Immer mehr Macht konzentriert sich nun in den Händen «dieser kleinen Oligarchie», wie Luca Guadagnino die Situation einmal zusammenfasste. Das Problem für Hollywood sei nicht die KI, sondern diese paar Menschen, «die über uneingeschränkte Kontrolle verfügen».
Dass in Hollywood in die Kunstfreiheit eingegriffen wird, ist allerdings keine neue Erscheinung. Wo es kreatives Schaffen gibt, das Mächtigen nicht passt, da wird Einfluss genommen. Extrem war diese Einflussnahme während des Kalten Krieges, als das linke Hollywood zum Ziel der konservativen Regierung und des FBI wurde. Um die Filmbranche von den Kommunisten zu reinigen, die mit ihren Filmen heimlich sozialistische Propaganda verbreiten würden, wurde die berüchtigte «Black List» eingeführt.
Das Locarno Film Festival, das am 5. August anläuft, widmet seine diesjährige Retrospektive dieser «Black List». Es laufen Thriller, Dramen und Komödien von Filmemachern, die verdächtigt, verfolgt, denunziert oder mit Berufsverboten belegt wurden, insbesondere die Autoren. Manche gaben auf, andere schrieben unter Pseudonym weiter, weil aufzugeben keine Option war.
Es war schon immer so, dass das Kino von dem erzählt, was die Menschen beschäftigt. Es findet auch dann seine Wege, dies zu tun, wenn Mächtige es nicht wollen. Die Mächtigen von heute, die Tech-Milliardäre, böten viel Stoff für Komödien oder Tragödien. Aber wer wird sich noch an sie heranwagen, nachdem man gesehen hat, was mit «Artificial» passiert?
Diejenigen, die unabhängig von Amazon, Netflix oder Open AI arbeiten können. So wie Aaron Sorkin, Regisseur von «The Social Network» (2010), dessen «The Social Reckoning» über die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen bei Sony entstand. Kinostart ist im Oktober. Jesse Armstrong, der Autor von «Succession», realisierte 2025 seine Tech-Bro-Satire «Mountainhead» mit HBO. Noch gilt die Heimat von Ikonen wie «Mad Men» und «Game of Thrones» als etwas vom Feinsten, wenn es um Unterhaltung geht. Aber HBO gehört Warner Bros., und das ist ein Problem.
Denn da ist noch ein Milliardär, der mitkämpft um die Vorherrschaft in der Unterhaltungsindustrie. David Ellison, Besitzer von Paramount, dessen Familie eng mit Donald Trump befreundet ist, will sich Warner Bros. für 111 Milliarden einverleiben. Sollte der Deal genehmigt werden, würde Ellison das grösste aller Medienkonglomerate der USA besitzen. Hollywood lobbyiert, wie es kann, um diese Fusion zu verhindern.
Für «Artificial» hat das dramatische Geschehen derweil eine gute Wendung genommen. Der Film ist beim kleinen Verleih Neon untergekommen. Sofern es bis zur Premiere nicht mehr allzu lange dauert, könnte die Aufregung den beinahe zensurierten Film zu einem Hit werden lassen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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