Aleqatsiaq Peary: Der Ururenkel eines US-Entdeckers in Grönland spricht über Trump


Ganz im Norden Grönlands lebt Aleqatsiaq Peary. Sein Vorfahre war ein Amerikaner, der die Insel erforschte

Donald Trump ist weiterhin versessen auf Grönland. In Qaanaaq, der nördlichsten Stadt, lebt der Ururenkel eines amerikanischen Entdeckers. Was denkt er über die Gebietsansprüche des amerikanischen Präsidenten? Wir haben ihn besucht.

Frederik Tillitz (Text), Juliette Pavy (Bilder), Qaanaaq02.08.2026, 05.30 Uhr

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Aleqatsiaq Peary ist der Ururenkel des amerikanischen Entdeckers Robert Peary, der einst Grönland erforschte.

Aleqatsiaq Peary ist der Ururenkel des amerikanischen Entdeckers Robert Peary, der einst Grönland erforschte.

Die Regale im Supermarkt Pilersuisoq sind praktisch leer. Nur zweimal im Jahr kommt hier ein Schiff vorbei und bringt Nahrungsmittel, im Juli und September. Die Menschen in Qaanaaq sind auf das angewiesen, was sie jagen können. Robben, Moschusochsen, Rentiere, Walrosse, Beluga- oder Narwale. Auch Aleqatsiaq Peary war einmal ein Jäger.

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An diesem Abend singt er auf den Hügeln hinter der Stadt mit seiner Band Avanerriarmiut. So heissen auch die Menschen hier im nördlichen Grönland. Die Band spielt verschiedene Coverversionen internationaler Hits, allerdings mit grönländischen Texten. Es ist bereits 22 Uhr, doch die Sonne strahlt noch immer vom Himmel. Erst Ende August wird sie wieder untergehen. Aleqatsiaq Peary ist der Leadsänger. Sein rechter Arm hängt steif an seiner Seite. Peary leidet an Parkinson – obwohl er erst 43 Jahre alt ist.

Ein paar Dutzend Leute haben sich versammelt. Mehrere Autos stehen in der Nähe, die Fahrer und Beifahrer verfolgen das Konzert aus ihren Fahrzeugen heraus. Kinder klettern auf Container, um einen besseren Blick auf die Band zu bekommen. Qaanaaq ist Grönlands nördlichste Stadt, weniger als sechshundert Menschen leben hier. Oft ist nicht viel los. Nur manchmal heulen Schlittenhunde, oder ein Eisberg, so gross wie ein Hochhaus, treibt am Dorf vorbei.

Die Band Avanerriarmiut spielt in Qaanaaq. Hier, in der nördlichsten Stadt Grönlands, passiert sonst kaum etwas – ausser vorbeischwimmenden Eisbergen.

Die Band Avanerriarmiut spielt in Qaanaaq. Hier, in der nördlichsten Stadt Grönlands, passiert sonst kaum etwas – ausser vorbeischwimmenden Eisbergen.

Der berühmte Ururgrossvater

Doch dann begann Donald Trumps Obsession mit Grönland, die nicht zu enden scheint. Schon in seiner ersten Amtszeit hatte er verkündet, die Insel, die zum Königreich Dänemark gehört, kaufen zu wollen. Anfang 2026 begann er gar, mit einer Annexion durch das Militär zu drohen. Nun wird verhandelt, möglicherweise werden die USA drei neue Stützpunkte in Grönland bauen. Bis Januar 2029, wenn seine zweite Amtszeit endet, soll Grönland unter US-Kontrolle stehen, so kündigte Trump am Freitag in einem Interview mit dem Radiosender Real America's Voice an.

In der Wohnung von Aleqatsiaq Peary hängt ein Bild, das mit dem Anspruch der USA auf seine Heimat zusammenhängt. Peary ist Nachfahre eines Amerikaners. Vor allem seine eisblauen Augen deuten darauf hin. Sie sind rar für Grönländer.

Im Wohnzimmer haben er und seine Freundin Nuka Fotos ihrer eigenen Kinder und ihrer Pflegekinder aufgehängt. Insgesamt sind es sechs. Und daneben: ein Foto des amerikanischen Polarforschers Robert Edwin Peary. Am Ende des 19. Jahrhunderts erkundete dieser in mehreren Missionen den Norden Grönlands. Während seines Aufenthalts in der Gegend um Qaanaaq zeugte der amerikanische Entdecker einen Sohn – Aleqatsiaqs Urgrossvater.

Im Wohnzimmer von Aleqatsiaq Peary hängt das Foto seines Ururgrossvaters, des amerikanischen Polarforschers Robert Peary.

Im Wohnzimmer von Aleqatsiaq Peary hängt das Foto seines Ururgrossvaters, des amerikanischen Polarforschers Robert Peary.

Aufgrund der Erkundungen von Robert Peary, das befürchtet die dänische Regierung schon lange, könnten die Amerikaner Anspruch auf den nördlichen Teil Grönlands erheben. Und so wurde im Jahr 1910 ein lokaler Handelsposten eingerichtet, um das Gebiet an die übrige dänische Kolonialpräsenz in Grönland anzubinden.

«Ich denke wirklich nicht darüber nach. Ich bin einfach froh, dass er hier oben war und einen Sohn hatte, so dass ich hier geboren werden konnte», sagt Aleqatsiaq Peary in seinem Sessel im Wohnzimmer. Mehr scheint er über seinen berühmten Vorfahren nicht sagen zu wollen. Stattdessen beginnt er darüber zu reden, wie grossartig die Freiheit in seiner Heimat sei. «Das Leben in Grossstädten sehe ich als eine Art Gefängnis, in dem man nach der Uhr leben muss. Man muss alles planen. Hier oben mache ich einfach, was ich will. Hier kann man nicht allzu weit vorausplanen.»

Die Amerikaner sind in diesem nördlichen Teil Grönlands präsent. Von der Stadt Qaanaaq aus, über die eisigen Gewässer und die gletscherbedeckten Berge hinweg, liegt 120 Kilometer südlich der mittlerweile einzige noch betriebene amerikanische Stützpunkt, die Pituffik Space Base. In dieser Umgebung gelten 120 Kilometer als «gleich um die Ecke».

Trump lässt nicht locker: Er will Grönland besitzen. Die Nachrichten verfolgen auch die Menschen vor Ort.

Trump lässt nicht locker: Er will Grönland besitzen. Die Nachrichten verfolgen auch die Menschen vor Ort.

Während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges betrieben die Amerikaner noch fünfzig verschiedene Militärstützpunkte, Wetterstationen und Depots in Grönland. Nun sollen es wieder mehr werden. Dass Donald Trump die ganze Insel einnehmen will, scheint Peary nicht wirklich aufzuregen. Er sagt bloss: «Die dänische Regierung kontrolliert Grönland. Dabei wollen wir hier unabhängig sein. Würden uns die Amerikaner übernehmen, müssten die Grönländer bloss einen neuen Besetzer erdulden.»

In diesem Jahr feiert die Pituffik Space Base ihr 75-Jahr-Jubiläum, und lokale Jäger wie Aleqatsiaq Peary sowie die Einwohner sind willkommene Gäste auf der Basis. «Wir waren schon oft dort. Wenn wir südlich von Pituffik auf der Jagd waren und das Wetter umschlug, blieben wir in der Basis und wurden dort herzlich aufgenommen. Die Leute sind freundlich, daher ist es immer schön, dort zu sein», sagt Peary. Mehr will er nicht sagen. Den Fragen über sein Verhältnis zu den Amerikanern weicht er aus, er antwortet einsilbig oder spricht über ein anderes Thema. Peary ist Grönländer. Dabei will er es belassen.

Im Jahr 1953, zwei Jahre nach der Gründung des damals als Thule Air Base bekannten Stützpunktes, wollten die USA in Richtung der Siedlung Uummannaq expandieren. Die dänischen Behörden erklärten also den dort lebenden 27 Familien, dass sie an den Ort umsiedeln müssten, an dem heute Qaanaaq liegt. Sollten sie sich weigern, würden ihnen keine Ersatzwohnungen angeboten. Qaanaaq entstand somit als Folge der Zwangsumsiedlung der Einwohner von Uummannaq.

Robert Peary mit seinen Schlittenhunden, nachdem er 1909 von einer Nordpol-Expedition zurückgekommen war.

Robert Peary mit seinen Schlittenhunden, nachdem er 1909 von einer Nordpol-Expedition zurückgekommen war.

Bettmann / Getty

Peary macht die dänische Regierung für die Vertreibung der Bewohner verantwortlich – unter ihnen auch einige seiner eigenen Vorfahren. «Es war die Idee der dänischen Regierung, unser Volk zu zwingen hierherzuziehen. Ja, meine Vorfahren wurden auf Wunsch der dänischen Regierung umgesiedelt. Die Amerikaner hatten kein Problem damit, dass unser Volk in der Nähe der Basis lebte. Das wurde mir so erzählt», sagt er. «Ich bin aber hier geboren. Qaanaaq ist meine Heimat. Ich kenne nichts anderes.»

Er möge, dass jeder jeden kenne. «Wir können uns gegenseitig helfen», sagt er. «Aber ich habe darüber nachgedacht, wegzuziehen. Nicht meinetwegen, sondern wegen meiner Kinder. Hier haben sie keine Chance, Fotograf oder Musiker zu werden. Dann müssen sie wegziehen, um zu lernen.» In Nuuk gebe es mehr Möglichkeiten. Qaanaaq ist gemessen am Haushaltseinkommen Grönlands ärmster Ort.

Verseuchte Robben jagen

Aleqatsiaq Peary ist Jäger, seit er als Junge mit seinem Vater Schneehühner, Schneehasen und andere Kleintiere jagte. Während des Interviews bewegt sich seine rechte Hand ununterbrochen. «Bitte nehmen Sie es mir nicht übel», sagt er mehrmals. Wegen seiner Krankheit kann er nicht mehr hauptberuflich jagen und ist daher im Vorruhestand.

Qaanaaq, die nördlichste Gemeinde Grönlands. Die Ortschaft wurde in den 1950er Jahren gegründet, nachdem Menschen zwangsumgesiedelt worden waren, um Platz für den Ausbau des amerikanischen Militärstützpunkts in Pituffik zu schaffen.

Qaanaaq, die nördlichste Gemeinde Grönlands. Die Ortschaft wurde in den 1950er Jahren gegründet, nachdem Menschen zwangsumgesiedelt worden waren, um Platz für den Ausbau des amerikanischen Militärstützpunkts in Pituffik zu schaffen.

In acht Monaten wird Peary nach Dänemark reisen, um sich in Kopenhagen einer staatlich finanzierten Operation zu unterziehen. «Wir werden sehen, wie es danach weitergeht. Ich werde eine tiefe Hirnstimulation erhalten. Sie werden mir Elektroden implantieren», sagt er.

Die ersten Symptome traten bereits 2012 auf. Sein Finger fing an zu zittern. Er habe im Internet recherchiert und sei auf die Diagnose Parkinson gestossen, aber die Ärzte hätten ihm erst nicht geglaubt. «Ich versuche nicht, zu sehr in der Vergangenheit zu leben. Ich versuche einfach, eine bessere Zukunft für meine Familie und mein Volk zu schaffen.»

Peary denkt viel darüber nach, ob sein Zustand womöglich mit den gejagten Tieren zusammenhängt, die er sein ganzes Leben lang gegessen hat. Wenn die Jäger die Tiere aufschnitten, sähen sie, wie verschmutzt diese seien. «Von aussen ist es nicht sichtbar, nur von innen», sagt er und fährt fort: «Es ist in dem Gebiet, in dem das Flugzeug abgestürzt ist. Dort jage ich keine Robben.» Eine Bombe fehle noch, sie müsse irgendwo da unten liegen.

Sogar die Eisbären feiern mit Champagner! Illustration vom Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem der Entdecker Peary den Nordpol erreicht hat.

Sogar die Eisbären feiern mit Champagner! Illustration vom Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem der Entdecker Peary den Nordpol erreicht hat.

Gemini Collection / Imago

Im Jahr 1968 stürzte ein amerikanischer B-52-Bomber mit Wasserstoffbomben an Bord auf dem Eisfjord neben dem Pituffik-Stützpunkt ab und verseuchte das Gebiet mit Plutonium. Drei Bomben wurden geborgen, doch bis heute gibt es zahlreiche Kontroversen darüber, ob sich eine vierte Bombe an Bord des Bombers befunden habe – auch ein Erbe der Amerikaner. Peary sagt: «Die Robben, die dort leben, müssen verseucht sein. Sie haben alle verschiedene Stoffe in ihren Körpern. Ich weiss nicht, was ich glauben soll. Sowohl die Dänen als auch die Amerikaner halten vieles vor uns geheim.»

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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