Eine Ode an die Postkarte


Zum Ferienende

Eine Ode an die Postkarte

Was bleibt von einem Sommer? Unsere Autorin sammelt Postkarten und hält fest, was sonst verschwinden würde. Über Sommerliebe, Hotelpool und das geteilte Leben

Essay

/

Anna Dreussi

Ein Postkartenständer mit zahlreichen farbenfrohen Postkarten von Bosa und Sardinien, die verschiedene Landschaften, Sehenswürdigkeiten und kulturelle Motive zeigen.
Sardinien, Rom, Neapel: Ganz klein muss man schreiben, damit alles alles Erlebte auf eine Postkarte passt

Es ist Sommer. Jetzt soll alles ganz einfach sein, wie auf einer Postkarte. Auf einer Postkarte ist nur ganz wenig Platz, so dass sich Abgründe gar nicht weit auftun können. Alles ist süß, tropft über Hände, auf Kleider und Oberschenkel, die glühen von der Sonne. Manchmal, wenn alles ganz schnell geht und zu viel auf einmal passiert, kann man ganz klein schreiben, damit alles auf die Karte passt.

Es ist Ende August und ich habe die letzten Wochen damit verbracht, mitzuschreiben. Ich will den Sommer in Postkarten festhalten. Seit einer Weile klemmen einige Postkarten in meinem Notizbuch. Ich fand die Postkarten noch bevor der Sommer begann, nämlich im Februar. In einem Trödelladen hockte ich vor einer Kiste mit beschriebenen Postkarten, bis meine Beine schmerzten. Ich konnte nicht genug haben von dem, was sich Fremde mitteilen wollten.

"Der Norden ist so grün und blumig. Der Süden nur steinig und karg", schreibt jemand 1991 von Kreta aus. "Sonne und Wärme gibt es überall. (außer bei Euch)". Auf der Vorderseite taucht die Sonne den Himmel hinter den weißen, griechischen Häusern in Rosa.

Eine österreichische Briefmarke von 1998 mit einer Illustration der Landschaft im Nationalpark Kalkalpen in Oberösterreich. Die Marke trägt den Wert
Die meisten Postkarten schreibt man - und vergisst dann doch, sie im Urlaub abzuschicken. Man macht es, wenn man wieder daheim ist und schnell eine Briefmarke besorgen kann.

"Liebe Gail, alles Gute für die Zukunft und viele Grüße aus Paris. Liebe dich", schrieb Gion in feiner Schrift auf die Rückseite eines übersättigten Fotos von Paris, die Seine hat ein Blau wie ein Swimming Pool. Die Postkarte ist nicht adressiert. Ich frage mich, ob er sie in einem Umschlag geschickt hat. Vielleicht hat er sich das mit der Liebe doch anders überlegt, vielleicht hat er sich das mit der Liebe doch nicht getraut.

Die kurze Version unserer selbst

In einem Buch, das ich nicht zu Ende lesen will, weil ich es so mag, schreibt die Protagonistin an ihre Mutter: "Ich bin okay, mach dir keine Sorgen. Hoffe deine Arbeit läuft gut. Italien ist wundervoll. Ich reise mit zwei sehr netten englischen Brüdern. Sie sind sehr organisiert. Mir geht’s gut."

Sie alle schreiben ins Nichts. Eine Postkarte erwartet keine Antwort. Es ist ja auch ein bisschen so, dass eine Antwort an niemanden geschickt werden kann. Man ist nicht mehr an dem Ort, von dem man sie geschickt hat und wahrscheinlich gibt es diese Postkarten-Version von einem nur kurz. Diese Version, die mit klebrigen Händen eine Nektarine über der Spüle ist und barfuß über Steinfliesen geht.

Ansichtskarte von Riva del Garda am Gardasee, Italien, um 1905. Im Vordergrund ist die Ponalestraße zu sehen, die entlang eines steilen Abhangs verläuft. Im See segeln bunte Boote, und im Hintergrund liegt die Stadt vor einer Bergkulisse.
Das Leben will geteilt werden. Warum nicht einfach über eine Postkarte?

Vielleicht sind es die Postkarten in meinem Notizbuch, aber ich fange an, mich ständig zu fragen, was ich jetzt ins Nichts schicken will. Ich schreibe mit, als ich über Felsen ins Wasser klettere, als mich ein Wachmann von einem Privatstrand vertreibt, als ich Sonnenallergie google, als ich ein Foto mache von einer entsorgten Klimaanlage im Garten eines fremden Mannes, der mir Feigen vom Baum pflückt, als ich hinten auf einem Motorrad mitfahre und an Crashtest-Puppen denken muss, aber nur kurz, weil auf einer Postkarte alles ganz leicht ist. Sowieso bleibt einem nichts anderes übrig, als sich bei 120 Kilometer pro Stunde leicht zu fühlen.

Weil ich immer wieder daran denke, dass ich noch eine Postkarte schreiben will, bin ich näher dabei. Vielleicht ist das dieses Gefühl, dem Leute hinterher meditieren, für das sie sich neue Laufschuhe kaufen.

Wie wäre es mit Schmusen, Heirat und Hotelpool?

Vor einigen Wochen lehnte ich am Eingang einer Autowerkstatt und schrieb dann in mein Notizbuch: Heute lehnte ich am Eingang der Autowerkstatt und war glücklich. Er sagte, dass wir versuchen wollen, bis nach Hause zu kommen. "Und sonst fährst du und das Mädchen schiebt", sagte der Mechaniker auf Italienisch. Und ich sagte: "So machen wir es." und lachte. Auf Italienisch lache ich ständig, vielleicht weil ich noch nicht unhöflich sein kann. In der Pause rauchte der Sohn des Mechanikers zwei Zigaretten.

Das passt auf eine Postkarte. Der Tag war leicht. Ich muss an eine der Postkarten aus dem Trödelladen denken. "We also went to the amusement park and blew a lot of money. The ice-creams down here are divine", schrieb jemand, also: Wir waren im Freizeitpark und gaben viel Geld aus. Das Eis hier unten ist himmlisch.

Auf der Rückfahrt redeten wir kaum. Wir durften die Klimaanlage nicht einschalten, irgendwas mit der Batterie. Wir fuhren über die Landstraßen wie im Traum, der Asphalt flimmerte. Ich war müde von der Hitze. Gestern schwammen wir im Hotelpool und fühlten uns cooler als alle anderen Gäste. Ich wollte immer ein Paar sein an einem Hotelpool. Schon als Kind glaubte ich, dass man erst richtig erwachsen ist, wenn man verheiratet ist und verreist und im Pool schwimmt. Vielleicht sollten wir wirklich heiraten, denke ich kurz. Heiraten und am Hotelpool liegen und auf einer Schotterstraße anhalten, um rumzuschmusen und Mechanikern mit schmutzigen Händen beim im Auto kramen zuschauen, ein Leben lang. Aber eigentlich glaube ich nicht an sowas, heiraten und auch nicht ans Am-Pool-liegen und wahrscheinlich auch nicht an Mechaniker.

Was will geteilt werden?

Ich denke also oft an die Postkarten. Vielleicht könnte man jetzt auch sagen, dass man nicht über Postkarten nachdenken, sondern leben soll. Aber ich glaube, dass das Leben geteilt werden will. Ich denke die ganze Zeit an jemanden, ich lese den Namen von A über einem Geschäft, ich mache ein Foto von einem Vogel für F, in einem italienischen Laden denke ich an meine italienische Großmutter, als ich mit 30% Rabatt angepriesene Rosenkränze sehe. Und dann sage ich es ihnen, vielleicht am Telefon, vielleicht in einer Nachricht, aber am besten auf einer Postkarte. Sie nimmt das An-jemanden-denken ernst, sie ist feierlich genug.

Den ganzen Sommer schreibe ich mit. Ich schlief in einem Raum ohne Klimaanlage. Jeden Tag waren es 37 Grad oder so. Mücken hinterließen eine Konstellation an Stichen auf meinem Bein. In ein paar Wochen ist Sonnenfinsternis. Wahrscheinlich hatte das alles etwas zu bedeuten. Aber ich dachte nicht viel nach, lieber vergaß ich, mich einzucremen und ging dreimal am Tag einkaufen, weil mir immer, wenn ich zuhause ankam, etwas anderes einfiel. "Es ist gut, im Sommer verliebt zu sein", sagte ein Mann zu mir. Und es klang so, als müsste man es irgendwann im Jahr hinter sich bringen. Aber dann machten wir uns beide Sorgen, weil schon August war und nicht mehr so viel Zeit blieb.

Postkarte von 1952 zeigt den Canal Grande in Venedig, Italien, mit der Ponte degli Scalzi im Vordergrund. Rechts ist die Kirche San Simeone Piccolo sichtbar, im Hintergrund die Kirche San Geremia. Verschiedene Boote sind auf dem Kanal unterwegs, und die Szene ist von historischen Gebäuden umgeben. Der Himmel ist klar und blau.
Postkarten sind ein Tagebuch, sie prägen ein, was einem wichtig war.

Manchmal tue ich Dinge, damit ich danach davon erzählen kann. Sonst passiert nicht viel Neues. Die Welt geht immer noch unter. Aber wir haben viel erlebt, we blew a lot of money, everything was divine. Irgendetwas muss es ja auch zu erzählen geben.

...und was war wirklich wichtig?

Die Postkarten sind ein Tagebuch, sie prägen mir ein, was mir wichtig war. Ich erinnere mich an das, was ich geschrieben habe. Im Winter schrieb ich: "Ich bin schon so lange hier, dass ich ein bisschen eine Routine habe. Ich kaufe jeden Tag einen Mandelkaffee, den ich zwei Drittel lang mag und dann nicht austrinke. Ich denke hier viel an dich. Ich denke sowieso viel an dich."

Und jetzt im Sommer schreibe ich: "Alles ist wie immer, die Sonne ist ein glühender Ball am Himmel und junge Männer fahren ohne Helm Motorrad. Ich habe mir die Haare gewaschen mit dem Hotelshampoo. Es riecht so, wie Hotelshampoo riechen soll. Nämlich so, dass man sich damit ein bisschen anders fühlt als zuhause. Ich fühle mich ein bisschen anders, ich glaube, ich sehe sogar anders aus. Aber das wirst du sehen, wenn ich zurück bin. Ich glaube, ich bin sehr glücklich." (Anna Dreussi, 30. August 2026)

Forum: 46 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.