Gletscherschmelze Schweiz 2026: Eisverlust in Grafiken


Es ist schwer zu begreifen, sogar für einen Glaziologen

Das Verschwinden der Schweizer Gletscher geht in hohem Tempo weiter. Die intensiven Hitzewellen der letzten Monate, kombiniert mit einem schneearmen Winter, lassen sie auch dieses Jahr in historischem Ausmass schmelzen. Das zeigen die neuen Zahlen des Schweizerischen Gletschermessnetzes (Glamos) und der Kommission für Kryosphärenbeobachtung.

Mehr als fünf Prozent des gesamten Schweizer Gletschereises sind allein diesen Sommer verschwunden - und fast 20 Prozent in den letzten fünf Jahren.

Die Würfelgrafik zeigt das Eisvolumen sämtlicher Schweizer Gletscher und wie es innert 25 Jahren um 43 Prozent geschmolzen ist:

Umgerechnet haben die Gletscher laut Glamos allein von Juli bis September ein Volumen von 2200 Milliarden Liter Wasser verloren. Dies entspricht mehr als viermal dem jährlichen Trinkwasserverbrauch aller Schweizer Haushalte.

Die Gletscherschmelze mildert damit momentan zwar noch die sommerliche Wasserknappheit in den Seen und Flüssen und sorgt bis im Spätsommer auch für reichlich gefüllte Speicherseen, um im Winter Strom zu erzeugen. Dieser Effekt nimmt wegen der schwindenden Eisfläche aber schon heute deutlich ab.

3D-Modell zeigt eindrücklichen Eisverlust

Besonders eindrücklich zeigt ein 3D-Modell des Griesgletschers im Wallis den Volumenverlust innerhalb weniger Jahre. Im Modell noch nicht mal berücksichtigt sind die 6 bis 7 Meter, um welche die mittlere Eisdecke der Gletscherzunge diesen Sommer geschrumpft ist.

Mit der dünner werdenden Eisdecke reduzieren sich auch die Länge und die Flächen der Gletscher. So verkürzte sich etwa der Grosse Aletschgletscher in den vergangenen Jahren jeweils um 50-80 Meter pro Jahr. Er ist mit rund 22 Kilometern der längste Gletscher der Alpen.

Luftaufnahme eines grossen Gletschers zwischen felsigen Bergen unter bewölktem Himmel.
Legende:

Der Grosse Aletschgletscher (VS) sieht aus der Luft noch immer eindrücklich aus – ein gewaltiger, aber schwindender Eisstrom.

Glamos/L.Hösli

Am Konkordiaplatz auf gut 2600 Metern Höhe vereinigen sich drei Eisströme zum Grossen Aletschgletscher. Dort ist das Eis noch bis zu 750 Meter dick – allerdings waren es vor 100 Jahren noch fast 200 Meter mehr und der Schmelzprozess schreitet in Riesenschritten weiter voran. Allein in den letzten fünf Jahren sind hier über 25 Meter Eis abgeschmolzen.

Aletschgletscher bis 2100: Was das Klimaszenario zeigt

Die ETH-Forscher haben die voraussichtlichen Flächen aller Schweizer Gletscher mit einem mittleren Szenario bis ins Jahr 2100 berechnet. Die Resultate zeigen, dass wenig übrig bleibt vom grössten Alpengletscher - einzig an der dicksten Stelle, am Konkordiaplatz, und weit oben am Jungfraujoch, überlebt etwas Rest-Eis.

Die Messperiode 2026 reiht sich nur knapp hinter der Rekordschmelze im Jahr 2022 ein. Dass dessen Eisverluste trotz der rekordhohen Hitze dieses Sommers nicht ganz erreicht wurden, hängt damit zusammen, dass auf vielen Gletschern etwas mehr Schnee lag als 2022. Zusätzlich wurde dieses Jahr weniger Saharastaub auf dem Schnee abgelagert, wodurch das Sonnenlicht etwas besser reflektierte. Die mittlere Eisdicke einzelner Gletscher nahm dennoch bis zu vier Meter ab – auf Gletscherzungen reduzierte sie sich teils um bis zu 10 Meter.

Wegen der diesjährigen Rekordtemperaturen - im Sommer lag die Nullgrad-Grenze an 76 Tagen über 4000 Metern - verschwand die schützende Schneeschicht auf den Gletschern teils schon im Juni. Im September blieb selbst auf einer Höhe von 3500 Metern kein Schnee mehr liegen.

Mehr als 1000 Gletscher verschwunden

Alpengletscher haben unter solchen Bedingungen langfristig wenig Überlebenschance. Das äussert sich seit Jahren im Verschwinden Hunderter kleiner und kleinster Gletscher, auch solcher ohne Namen. Gemäss Gletscherinventar hat sich die Anzahl Gletscher von 1973 bis 2023 um 1179 verringert. Jährlich verschwinden laut Huss aktuell rund 30 Gletscher, dieses Jahr dürften es eher mehr sein. So hat sich diesen Sommer auch der Plattalva-Firn (oder Griessfiren) im Glarnerland endgültig verabschiedet. Bereits 2015 begann er in einzelne Teile zu zerfallen, und nun haben ihn die Hitzewellen dieses Sommers endgültig verschwinden lassen.

Für Glaziologe Huss und die Gletscherforschung war der «Plattalva» nicht irgendein Gletscher. In den frühen 1950er-Jahren beherbergte dieser eines der detailliertesten Gletschermessprogramme weltweit und lieferte sehr früh wichtige Daten. «Es fällt mir schwer, meine Gefühle in Worte zu fassen – Trauer, aber zugleich Faszination darüber, Zeuge dieser unglaublich raschen Veränderungen zu sein», sagt Huss.

Ebenso emotional wird Huss diesen Sommer im Wallis am bekannten Rhonegletscher. Seit Juli vermisst und fotografiert er ihn regelmässig. In der Zeitrafferaufnahme wird nicht nur der Volumenverlust deutlich; durch das wiederholte Abspielen der Bilder scheint der Gletscher in den Augen des Forschers geradezu zum Leben zu erwachen.

Kann man sehen, wie der Gletscher ausatmet?

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Alle Daten und Bilder stammen vom Schweizerischen Gletschermessnetz (Glamos – Glacier Monitoring in Switzerland) . Dieses dokumentiert und beobachtet systematisch die langfristigen Gletscherveränderungen in den Schweizer Alpen. Glamos wird gemeinsam von der ETH Zürich sowie den Universitäten Freiburg und Zürich betrieben und steht in engem Kontakt mit der Schweizerischen Kommission für Kryosphärenbeobachtung (SKK).

Das Szenario des Gletscherschwundes (SSP2-4.5 ) bis ins Jahr 2100 beruht auf dem Global Glacier Evolution Model (Huss und Hock, 2015; Huss et al., 2025) unter Verwendung von IPCC-Klimaszenarien sowie GLAMOS-/VAW-ETH-ZÜRICH-Daten zu Gletscherausdehnung, -Dicke und -Masse.

Grundlage der 3D-Animation sind zwei Geländemodelle und zwei Luftbilder des Griesgletschers (VS) aus den Jahren 2020 und 2025, erhoben von der GGG und der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich. Beide Jahre wurden auf denselben Ausschnitt von rund 2.6 × 1.9 Kilometern zugeschnitten und für die Darstellung im Browser vergröbert: Das Höhenmodell liefert noch alle 2.6 Meter einen Höhenwert, im Luftbild zeigt ein Pixel rund 1.3 Meter Gelände. Der Übergang zwischen den beiden Jahren ist eine gleichmässige Überblendung – für jeden Punkt der Oberfläche werden Höhe und Farbe zwischen 2020 und 2025 berechnet. Die Zwischenbilder zeigen also keine gemessenen Zustände.

Die Karten basieren auf Mapbox, OpenStreetMap und Swisstopo.

Riesiger Eiswürfel über einer Stadt bei Sonnenuntergang schwebend.
Legende:

Imago/imagebroker, Grafik SRF

Roland Specker (Redaktion), Balz Rittmeyer, Ulrich Krüger (Entwicklung und Design)