„Emil und die Detektive“ im Check: Lohnt sich die Kästner-Neuverfilmung?


„Emil und die Detektive“ von Erich Kästner: Warum der Klassiker im Kino noch funktioniert

Stand: 23.09.2026, 14:13 Uhr

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Erich Kästners Emil jagt wieder einen Dieb durch Berlin. Die neue Verfilmung modernisiert den Klassiker – und zeigt, warum das Buch trotzdem unverzichtbar bleibt.

Berlin – Ein Junge steigt in den Zug nach Berlin, ein Dieb setzt sich zu ihm – und plötzlich ist das Geld weg. Fast hundert Jahre später kennt man den Ausgang dieser Geschichte noch immer. Doch in David Dietls neuer Verfilmung ist Emils größtes Problem nicht nur der Mann im Abteil. Denn diesmal wartet der eigentliche Gegner nicht im Zug.

Kinostart - "Emil und die Detektive" (Symbolbild)

Emil und die Detektive: Das kann die neue Verfilmung des Klassikers (Symbolbild). © Warner Bros/dpa.

Erich Kästners Roman „Emil und die Detektive“ erschien 1929 und gehört zu den Büchern, die mehrere Generationen miteinander verbinden. Nun kommt der Stoff erneut ins Kino – nicht als Museumsstück, sondern als zeitgenössisches Abenteuer mit neuen Figurenkonstellationen, neuen Konflikten und einer deutlich lauteren Stadt. Die Frage ist nur, ob Kästners leiser Witz diese Geschwindigkeit aushält.

Erich Kästners Klassiker neu aufgelegt: Worum geht es in „Emil und die Detektive“?

Emil Tischbein reist zum ersten Mal allein nach Berlin. Im Zug wird ihm das Geld gestohlen, das er eigentlich seiner Großmutter bringen soll. Emil weiß, wer der Dieb ist: Max Grundeis. Statt auf die Erwachsenen zu warten oder sich mit dem Verlust abzufinden, nimmt er die Verfolgung auf. In Berlin findet er Unterstützung bei Pony Hütchen, Gustav und einer Gruppe von Kindern, die aus dem einzelnen Verdacht eine gemeinsame Fahndung machen.

Der Reiz des Romans liegt dabei nicht allein in der Kriminalgeschichte. Kästner erzählt von einem Kind, das eine große Stadt zunächst als überwältigendes Durcheinander erlebt und sich darin trotzdem behauptet. Berlin ist kein dekorativer Hintergrund, sondern ein Gegenüber: laut, schnell, unübersichtlich und voller Möglichkeiten. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum beschreibt den Roman als realistische Milieuschilderung ohne den damals üblichen belehrenden Ton. Gerade die selbstbewussten Kinderfiguren und die ungeschönte Umgangssprache machten das Buch für seine Zeit ungewöhnlich, so das Deutsche Buch- und Schriftmuseum.

Auch deshalb wirkt „Emil und die Detektive“ bis heute weniger wie eine Lektion als wie eine Einladung: Kinder können etwas herausfinden, organisieren und zu Ende bringen. Erwachsene sind nicht automatisch klüger. Und Solidarität beginnt manchmal damit, dass jemand einem fremden Jungen glaubt. Diese weiteren Kästner-Klassiker sollten Sie auch gelesen haben.

Was zeichnet die neue Verfilmung aus?

Die neue Fassung verlegt den Stoff in die Gegenwart. Emil ist bei Nicholas Jonah Peter kein abgeklärter kleiner Held, der sofort weiß, wie die Dinge laufen. Er wirkt zurückhaltender, verunsichert und eher wie ein Junge, der sich seine Rolle erst erarbeiten muss. In seiner Freizeit fliegt er am Computer durch einen Flugsimulator. In der Kindergruppe gilt er dagegen zunächst als Außenseiter – auch, weil er kein Smartphone besitzt.

Das ist der zentrale Aktualisierungstrick des Films: Der alte Plot bleibt erhalten, aber die soziale Welt um ihn herum verändert sich. Wo Kästners Kinder ihre Informationen über Telefonketten, Beobachtungsposten und persönliche Absprachen zusammenbringen, leben die neuen Figuren in einer Welt ständiger Erreichbarkeit. Ausgerechnet der Junge ohne Handy muss nun zeigen, dass man nicht jede Verbindung über ein Display braucht.

Erich Kästner „Emil und die Detektive“

► 2018 Atrium, ISBN-13 978-3-85535-621-8

► Preis: gebunden 16 €, 120 Seiten, ab 6 Jahren

Das Drehbuch von Antonia Scheurlen macht aus der Verfolgung ein bewegtes Berlin-Abenteuer. Der Film beginnt mit einer Mutprobe, bei der Emil einen Feuerwerkskörper in die Kabine eines Baggers steckt. Kurz darauf ist die Polizei hinter ihm her. Später führt die Jagd durch Berlin und auch durch neu erfundene Episoden, darunter ein Immobiliengeschäft und eine Begegnung mit einem Büffel. Das erweitert Kästners geradlinige Kriminalgeschichte um absurde und deutlich filmischere Momente.

Die Kinderbande ist ebenfalls neu justiert. Pony, Gustav und die anderen sind keine bloße Kopie der bekannten Figuren, sondern eine sichtbar vielfältige Gruppe mit eigenen Reibungen. Das bringt mehr Gegenwart in den Film, erzeugt aber auch Konflikte, die im Roman so nicht vorkommen. Die Verkleidungen zur Tarnung geraten greller und auffälliger, als es für eine echte Observation sinnvoll wäre. Genau darin zeigt sich die Tonlage der Neuverfilmung: Sie will nicht unauffällig modernisieren, sondern die alte Geschichte mit Farbe, Tempo und sichtbarer Energie ins Heute holen.

David Dietl inszeniert den Film als eine Art Roadmovie durch Berlin. Das passt zum Kern des Buches, denn auch dort verändert die Reise in die Hauptstadt Emils Blick auf die Welt. Zugleich liegt hier das Risiko der neuen Version: Wenn jede Szene noch einen zusätzlichen Einfall braucht, kann der einfache Reiz der Verfolgungsjagd verloren gehen. Filmportal.de führt die Neuverfilmung mit 100 Minuten Länge, Nicholas Jonah Peter als Emil, Lara Toni Lüdders als Pony, Kilian Kasa als Gustav und Merlin Sandmeyer als Max Grundeis. Der Kinostart ist für den 24. September 2026 angesetzt, die FSK gab den Film ab sechs Jahren frei.

Klassiker von Erich Kästner - Buch und Film: Wo liegen die Unterschiede?

Der Roman spielt im Berlin der 1920er Jahre. Seine Spannung entsteht aus der Fremdheit dieser Stadt und aus der Tatsache, dass Emil ohne moderne Hilfsmittel auskommen muss. Er beobachtet, erinnert sich, spricht andere Kinder an und vertraut auf eine selbst organisierte Gemeinschaft. Die neue Verfilmung stellt diese Ausgangslage auf den Kopf: Emil ist technisch nicht abgeschnitten, sondern sozial. Sein fehlendes Smartphone markiert ihn als jemanden, der nicht dazugehört.

Auch der Ton verschiebt sich. Kästner arbeitet mit Erzählerkommentaren, Sprachwitz und genauen Beobachtungen. Die neue Fassung setzt stärker auf Bewegung, Ausstattung und Gruppendynamik. Aus der eher nüchternen Jagd wird ein turbulentes Abenteuer, in dem die Kinder ihre Identität als Detektive sichtbar aufführen. Das ist zeitgemäß, aber weniger beiläufig als Kästners Humor.

Am deutlichsten unterscheiden sich die zusätzlichen Handlungselemente. Der Roman konzentriert sich auf den Diebstahl, Emils Verfolgung und die Zusammenarbeit der Kinder. Der Film ergänzt Mutprobe, Verkleidungen und neue Nebenhandlungen. Auch Grundeis wird anders gezeichnet: Merlin Sandmeyer gibt dem Gegenspieler eine zeitgenössische Erscheinung, statt ihn einfach als die bekannte Figur mit Melone und steifer Körperhaltung zu wiederholen.

Trotz aller Veränderungen bleibt die Grundbewegung dieselbe. Ein Kind wird unterschätzt, ein Verbrechen wird nicht einfach hingenommen, und eine Gruppe entsteht, weil mehrere Einzelne beschließen, gemeinsam genauer hinzusehen. Die neue Verfilmung verändert die Oberfläche – nicht den moralischen und emotionalen Motor der Geschichte.

„Emil und die Detektive“: Warum man das Buch lesen und den Film schauen sollte

Das Buch lohnt sich zunächst wegen seiner Sprache. Kästner schreibt klar, witzig und mit einem genauen Blick auf Erwachsene, die sich selbst gern für vernünftig halten. Die Stadtbeschreibung besitzt noch immer Kraft, weil sie nicht nur Kulisse ist, sondern ein Gefühl vermittelt: den Schwindel, den Lärm und die Aufregung, wenn ein Kind zum ersten Mal allein unterwegs ist. Wer den Roman liest, versteht außerdem, warum Emil nicht bloß ein pfiffiger Junge, sondern eine literarische Figur mit eigener Haltung ist.

Der Film hat andere Stärken. Er macht aus der Detektivbande ein Ensemble, dessen Zusammenspiel man unmittelbar beobachten kann. Berlin wird zur Bewegungsfläche, die Kinder werden zu einer Gruppe, und die Frage nach Zugehörigkeit rückt stärker in den Vordergrund. Für ein junges Publikum kann das ein guter Zugang zu Kästners Stoff sein – gerade weil der Film nicht so tut, als sei die Welt von 1929 ohne Übersetzung verständlich.

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Beides ersetzt einander nicht. Das Buch zeigt, wie modern Kästners Erzählweise schon damals war. Der Film zeigt, welche Teile der Geschichte sich verändern müssen, damit ein heutiger Emil noch glaubwürdig durch Berlin laufen kann. Wer nur den Film kennt, verpasst Kästners trockenen Erzähler und die Genauigkeit des Originals. Wer nur das Buch liest, sieht nicht, wie viel Bewegung, Farbe und körperliche Komik in der Kinderbande stecken können.

Am besten funktionieren Roman und Film deshalb als Gespräch. Der eine fragt, ob Kinder sich eine Stadt aneignen können. Der andere fragt, wie sie heute überhaupt eine gemeinsame Stadt bilden. Die Antwort bleibt in beiden Fällen dieselbe: nicht allein, sondern mit anderen. „Parole Emil“ ist dann weniger ein nostalgischer Zuruf als ein Versprechen – dass aus einem Verdacht eine Geschichte und aus einer Gruppe eine Gemeinschaft werden kann.

Sie lieben Klassiker? Dann sollten Sie sich diese fünf Titel näher anschauen. (Quelle: Lektüre, Filmportal.de, Deutsches Buch- und Schriftmuseum, eigene Recherche) (str)