Ende der Schaltsekunde: Warum die Erde ein Zeitproblem hat – und das auch unsere Technik betrifft


Vom 13. bis zum 15. Oktober 2026 entscheidet die Generalkonferenz für Maß und Gewicht im französischen Versailles über die offizielle Abschaffung der Schaltsekunde. Hintergrund ist die Tatsache, dass unser Planet inzwischen schneller rotiert und eine negative Schaltsekunde notwendig werden könnte.

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Ein solches Ereignis dürfte in der Praxis schwerwiegende Störungen in weltweiten IT-Netzwerken verursachen, da viele Systeme auf einen derartigen Zeitsprung nicht ausgelegt sind. Seit dem Jahr 1972 fügten die Zeitwächter:innen deshalb bislang 27 ausschließlich positive Schaltsekunden zur Koordinierten Weltzeit hinzu.

Das geschah, weil die Erde in der Vergangenheit etwas langsamer rotierte als die hochpräzisen Atomuhren, die den globalen Standard vorgeben. Durch physische Veränderungen im Erdkern hat sich dieser Trend jedoch ab dem Jahr 2020 messbar umgekehrt.

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Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde ist grundsätzlich Schwankungen unterworfen, die durch tektonische Verschiebungen und die Anziehungskraft des Mondes verursacht werden. Derzeit beschleunigt sich die Drehung der Kruste, da der flüssige Erdkern im Inneren des Planeten an Geschwindigkeit verliert.

IT-Infrastruktur und die Risiken der negativen Schaltsekunde

Eine negative Schaltsekunde wurde in der Geschichte der IT noch nie getestet und birgt unkalkulierbare Ausfallrisiken für Systeme wie Stromnetze, Telekommunikation und Satellitennavigation. Das zentrale Problem besteht darin, dass zahlreiche Computerprogramme und Betriebssysteme architektonisch davon ausgehen, dass Schaltsekunden immer nur als positive Werte auftreten.

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Der Wissenschaftler Setnam Shemar vom National Physical Laboratory im britischen Teddington weist auf die konkreten Gefahren für die Funktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen hin. Wie die Financial Times berichtet, warnt der Forscher davor, dass Softwarefehler bei einem ungetesteten Zeitsprung zu weitreichenden Ausfällen führen könnten.

Selbst das Hinzufügen regulärer, positiver Schaltsekunden ist in der Vergangenheit bereits mehrfach gescheitert und hat gezeigt, wie fehleranfällig das globale Zeitgefüge ist. So führte eine Anpassung im Jahr 2012 bei zahlreichen Onlinediensten zu Störungen und Systemabstürzen.

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Smearing-Technik als Workaround der Technologieunternehmen

Große Technologiekonzerne nutzen längst eigene Methoden, um abrupte Zeitsprünge auf ihren Servern zu vermeiden und die Kontinuität ihrer Dienste zu gewährleisten. Google verwendet beispielsweise die sogenannte „Smearing-Technik“.

Bei diesem Verfahren wird die zusätzliche oder fehlende Zeit auf einen Zeitraum von vollen 24 Stunden verteilt, um den eigentlichen Sprung zu glätten. Dabei wird jede einzelne Sekunde eines Tages künstlich um den Bruchteil einer Mikrosekunde gestreckt oder eben gestaucht.

Auch Facebook-Mutter Meta setzt auf diese Technik, nachdem der erwähnte Ausfall im Jahr 2012 die eigenen Server lahmgelegt hatte. Diese Workarounds belegen, dass die IT-Industrie versucht, sich von den problematischen Vorgaben der offiziellen Zeitmessung unabhängiger zu machen.

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Einfluss des Klimawandels auf die Erdrotation

Die physikalischen Prozesse hinter der veränderten Erdrotation sind vielschichtig und werden durch die globale Erwärmung auf paradoxe Weise beeinflusst. Wie in einer bereits 2024 im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten Studie des Geophysikers Duncan Agnew von der Scripps Institution of Oceanography im US-Bundesstaat Kalifornien zu lesen ist, bremst das Schmelzwasser der Polkappen den Planeten derzeit ab.

Dieses Wasser fließt durch die Eisschmelze in Richtung Äquator, verlangsamt die Rotation und verschiebt das Eintreten der negativen Schaltsekunde voraussichtlich auf die Jahre ab 2029. Ohne den Klimawandel stünde die Informationstechnologie nach Ansicht des Forschers bereits 2026 vor dem ungelösten Problem der zu schnellen Atomzeit.

Abstimmung über die Zukunft der Zeitmessung

Um das Problem dauerhaft zu umgehen, stimmen die Vertreter:innen der Generalkonferenz nun über einen Entwurf ab, der die Schaltsekunde als Instrument vollständig abschaffen soll. Wie New Atlas zitiert, sieht der Plan vor, die Zeitabweichung künftig über Jahrzehnte hinweg einfach anwachsen zu lassen.

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Statt ständiger Anpassungen im Sekundenbereich könnte dann eine sogenannte Schaltstunde eingeführt werden, die rechnerisch voraussichtlich erst in einigen Jahrhunderten notwendig wäre. Markus Kuhn, Informatiker an der britischen Universität Cambridge, gibt allerdings zu bedenken, dass extrem seltene Anpassungen in der IT ein noch größeres Risiko darstellen.

Wenn ein korrigierender Eingriff nur alle paar Jahrhunderte erfolgt, geraten die dafür notwendigen Code-Routinen im Alltag der Softwareentwicklung unweigerlich in Vergessenheit, meint er. Die weltweiten Systeme würden auf ein derartiges Ausnahmeereignis schlicht nicht mehr regelmäßig getestet, was bei einem tatsächlichen Eintritt der Schaltstunde ebenfalls zu unvorhersehbaren Systemabstürzen führen könnte.

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