Elliot Anderson bei der WM 2026: Tuchels großer Glücksfall
Nach dem Einzug ins Halbfinale dieser Weltmeisterschaft sanken die englischen Fußballer erschöpft zu Boden – ausgenommen Elliot Anderson. Nach insgesamt 138 Spielminuten inklusive Verlängerung und Nachspielzeit gegen Norwegen (2:1) fand der Mittelfeldspieler sogar Kraftreserven für einen Jubelsprung. Dabei hatte Anderson zuvor 14,81 Kilometer zurückgelegt, mehr als jeder andere Spieler seiner Mannschaft. Und das im Stadion von Miami, das angesichts der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit einer Dampfsauna glich.
Auf die Strapazen deutete nach Abpfiff nur sein hochroter Kopf hin, als er seinen Trainer Thomas Tuchel umarmte. Der 23-Jährige gehört mittlerweile zu den Schlüsselspielern der Three Lions, eine beachtliche Entwicklung. Erst im September vergangenen Jahres hatte er für England debütiert. Anderson stand seitdem in allen Pflichtspielen – auch bei diesem Turnier – in der Startelf und kommt hinter Harry Kane und Ezri Konsa auf die meisten WM-Einsatzminuten. Seine Bedeutung lässt sich inzwischen auch in Zahlen ausdrücken: Er ist der teuerste Engländer der Geschichte!

Fußball-WM
:Bellingham & Tuchel, die Zweckbeziehung dieses SommersEs knirscht zwischen Englands Torschützen und dem Nationalcoach, das wird nach dem 2:1 im Viertelfinale gegen Norwegen deutlich. Allerdings: Die Ergebnisse stimmen bei dieser WM.
Zu Monatsbeginn wechselte Anderson innerhalb der Premier League von Nottingham Forest zum Spitzenverein Manchester City – für die astronomisch anmutende Ablösesumme von 116 Millionen Pfund (135 Millionen Euro). Mehr hat noch kein anderer britischer Fußballer gekostet. Diesen Status hielt bislang sein Nationalmannschaftskollege Declan Rice, der vor drei Jahren für 120 Millionen Euro von West Ham United zum FC Arsenal übergesiedelt war.
Fußballinflationsbedingt könnten Rice, Kane und Jude Bellingham – Letztere kosteten den FC Bayern respektive Real Madrid einst ebenfalls 100 Millionen Euro – sicherlich einwenden, bei einem heutigen Transfer vermutlich einen noch absurderen Betrag erzielen zu können. Angeblich hätte selbst Andersons Vereinbarung auf einen höheren Gesamtwert hinauslaufen können, hätte sich Nottinghams Eigentümer Evangelos Marinakis auf das Risiko leistungsabhängiger Bonuszahlungen eingelassen. Diese sollen im wochenlang ausgehandelten Deal ausdrücklich nicht enthalten sein, womit der schwedische Stürmer Alexander Isak vom FC Liverpool mit bis zu 145 Millionen Euro vorerst der kostspieligste Premier-League-Transfer bleibt.
Anderson soll in die Fußstapfen eines Weltfußballers treten
Als Preistreiber für Anderson gelten zwei Faktoren: seine zuletzt rasante Entwicklung und der Handlungsdruck auf seiner Position bei Manchester City. Der aus Abu Dhabi alimentierte Verein sucht einen langfristigen Nachfolger für Mittelfeldorganisator Rodri, den Weltfußballer von 2024. Der Vertrag des 30-Jährigen läuft im Sommer 2027 aus; eine vom Klub angestrebte Verlängerung ist bisher nicht zustande gekommen. Gerüchten zufolge bemüht sich auch Real Madrid um dessen Dienste.
Zudem stand Rodri den Citizens in den vergangenen zwei Jahren wegen eines Kreuzbandrisses und mehrerer folgender Verletzungen nur eingeschränkt zur Verfügung. Den Pflichtspielauftakt im August in Manchester unter dem neuen Trainer Enzo Maresca, der Pep Guardiola beerbt, wird Rodri höchstwahrscheinlich ebenfalls verpassen, da der Spanier sich nach der WM angeblich am Rücken operieren lässt. Immerhin soll die Sache nicht allzu gravierend sein. Jedenfalls hielt sie Rodri bislang nicht davon ab, eine der prägenden Figuren bei diesem Turnier zu sein.
Die Lösung Anderson zeichnete sich für City erst in den vergangenen Monaten ab. Nach seinem Profidebüt für seinen Kindheitsklub Newcastle United im Januar 2021 musste er sich zunächst lange gedulden. Zwar schaffte er es ein paar Mal in Newcastles Aufgebot, doch zum Einsatz kam er nie. Weder Trainer Eddie Howe noch das Management des damals frisch vom saudi-arabischen Staatsfonds übernommenen Klubs schienen sein Potenzial zu diesem frühen Zeitpunkt zu erkennen; er wurde für eine halbe Saison an Viertligist Bristol Rovers ausgeliehen.
Stattdessen holte der Klub zwei Alternativen: 2022 den Brasilianer Bruno Guimarães für 42 Millionen Euro sowie 2023 den Italiener Sandro Tonali für 67 Millionen Euro. Da Tonali nach seinem Wechsel wegen Missachtung der Wettregeln monatelang gesperrt wurde, konnte sich Anderson in dessen Abwesenheit etablieren.
Gerade als das enorme Potenzial des Eigengewächses immer ersichtlicher wurde, war Newcastle United gezwungen, Anderson zu verkaufen: Im Sommer 2024 ging er für 41 Millionen Euro nach Nottingham – sonst hätte Newcastle wohl gegen die Finanzregularien der Premier League verstoßen. Bei Nottingham hatte Anderson erheblichen Anteil daran, dass sich der Verein erst für das internationale Geschäft qualifizierte und daraufhin trotz Abstiegsgefahr das Europa-League-Halbfinale erreichte. In der vergangenen Saison führte er gleich mehrere Wertungen in der Liga an: die meisten Ballkontakte und Balleroberungen sowie die meisten gewonnenen Zweikämpfe.
Auch wegen dieser Qualitäten erwies sich Anderson als Glücksfall für England-Trainer Tuchel, der zu Beginn seiner Amtszeit vergeblich nach einem Strategen im Zentrum gesucht hatte. Tuchel präsentierte Anderson erstmals im September in der WM-Qualifikation gegen Andorra und anschließend im Schlüsselspiel gegen Serbien. Ohne Eingewöhnungszeit überzeugte der Mittelfeldspieler in beiden Partien.
Von da an war er bei den Three Lions gesetzt, auch weil Tuchel so den zuvor auf dieser Position agierenden Rice als Verbindungsspieler fürs Mittelfeld einsetzen konnte. Mit seiner Zweikampfstärke stabilisiert Anderson die Defensive und dient dank seiner Ball- und Passsicherheit zugleich als Anspielstation. Seine Verlässlichkeit und Konstanz zeigt er auch bei dieser WM. „Er ist ein Elitefußballer und hat das komplette Paket“, lobt Tuchel.

Einen Spieler seines Profils hatte England seit dem Rücktritt von Paul Scholes aus der Nationalmannschaft vor mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr. Der fehlende Taktgeber war ein wesentlicher Grund, weshalb England bei den zurückliegenden Turnieren stets den Traum vom Titel verpasste. Auch dank Anderson ist die Zuversicht vor dem WM-Halbfinale gegen den Titelträger Argentinien am Mittwoch besonders groß.
Zusammen mit Bellingham und Rice bildet Anderson eines der stärksten Mittelfeldtrios des Turniers – und eines der flexibelsten. Jeder aus dem Trio ist auf verschiedenen Positionen einsetzbar. Exemplarisch dafür stand Andersons Rolle gegen Norwegen. Er wechselte mehrmals zwischen Sechser- und Achterposition, je nach personeller Aufstellung und taktischer Ausrichtung. „Er ist energiegeladen und kann alle drei Rollen im Mittelfeld ausüben“, sagte Rice, der grippegeschwächt gegen Norwegen zur Pause ausgewechselt wurde. In seiner Abwesenheit musste Anderson noch mehr Verantwortung für das Spiel der Engländer tragen.
Dass Elliot Anderson im vergangenen April einen schweren Schicksalsschlag durch den Tod seiner an Krebs erkrankten Mutter hinnehmen musste, war seinen Leistungen nie anzumerken. Weder im Verein noch im Nationalteam. Die Resilienz seiner Mutter hob Anderson in einem Nachruf hervor – eine Eigenschaft, die er übernommen hat. Trotz der geringen Regenerationszeit wird Anderson auch gegen Argentinien wieder auflaufen und vermutlich mehr rennen als all seine Mannschaftskollegen.