Er las die Nachrichten, antwortete aber nie: Warum Ghosting bequem geworden ist


KI-Stimme. Info

Ghosting ist die bequemste Disziplin des modernen Datings: Man spart sich das unangenehme Gespräch und überlässt dem anderen das Kopfkino. In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ fragt sich unsere Autorin, seit wann ein ehrliches Nein schwieriger ist, als einfach wortlos zu verschwinden.

Unseren Newsletter „Ein FUNKE Liebe“ können Sie hier kostenlos abonnieren

Neulich führte ich ein Gespräch mit einer Freundin, das ich in ähnlicher Form gefühlt schon dutzendfach geführt habe. Es ging um einen Mann. Natürlich ging es um einen Mann. Genauer gesagt um einen, der zunächst alles richtig gemacht hatte – und dann beschloss, sich in Luft aufzulösen.

Was ist Ghosting? Ein Beispiel nach dem Kanu-Date

Die beiden waren gemeinsam Kanu fahren gewesen. Sie hatten geredet, gelacht, sich über Gott und die Welt ausgetauscht. Die Gespräche seien richtig tiefgründig gewesen, erzählte sie mir. Sie seien auf einer Wellenlänge gewesen, hätten denselben Humor gehabt und sich wunderbar verstanden. Ein Date, wie man es sich wünscht: ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Romantik, dazu emotionale Tiefe zwischen Paddelschlägen und Spritzwasser. Meine Freundin war anschließend bestens gelaunt nach Hause gegangen und freute sich auf ein Wiedersehen.

Und dann: nichts. Kein „War schön mit dir, aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen“. Kein halbwegs kreatives „Ich glaube, es passt für mich doch nicht“. Nicht einmal ein feiges „Ich bin gerade nicht bereit für etwas Ernstes“, jener Klassiker unter den Ausreden, der ungefähr so viel Aussagekraft hat wie ein Horoskop. Stattdessen: Stille.

Meine Freundin schrieb ihm. Er las die Nachrichten. Die blauen Häkchen bei Whatsapp leuchteten wie kleine digitale Beweisstücke in einem Kriminalfall, in dem der Täter längst identifiziert ist, aber die Ermittlungen trotzdem weitergehen. Sie wartete ein paar Tage, fragte schließlich nach, ob alles in Ordnung sei. Vielleicht war ja etwas passiert. Vielleicht war er krank. Vielleicht hatte ihn eine spontane Amnesie ereilt, die ausgerechnet seine Fähigkeit betraf, auf Nachrichten zu antworten.

Ghosting nach dem Date: Muss man eine Absage erklären?

Aber nein. Er lebte offenbar. Zumindest sein Smartphone tat es. Was war also passiert? Hatte er das Date völlig anders empfunden? War die vermeintliche Wellenlänge in Wahrheit nur die Strömung gewesen? Oder hatte er nach der Kanufahrt beschlossen, dass zwischenmenschliche Kommunikation für ihn ein zu riskantes Abenteuer sei?

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Natürlich kann es sein, dass ein Date für zwei Menschen unterschiedlich schön ist. Dass einer Schmetterlinge im Bauch hat und der andere höchstens leichte Übelkeit. Dass man jemanden sympathisch findet, aber eben nicht romantisch interessant. Das alles ist menschlich. Niemand schuldet einem anderen Menschen Gefühle, Anziehung oder ein zweites Date. Aber schuldet man ihm nicht wenigstens ein paar Worte?

Ghosting im Alltag: Wie verbreitet ist es beim Dating?

Genau hier beginnt das Phänomen, das in meinem Freundeskreis inzwischen fast so regelmäßig Thema ist wie steigende Mieten und die Frage, warum man sich eigentlich immer wieder auf Dating-Apps anmeldet, obwohl man genau weiß, wie es endet. Fast jeder kennt jemanden, der geghostet wurde. Viele haben es selbst erlebt. Manchmal nach einem Date, manchmal nach mehreren Wochen, manchmal sogar nach Monaten, in denen man sich nähergekommen ist. Es trifft Frauen und Männer, Zwanzigjährige und Vierzigjährige, Menschen mit Dating-App-Erfahrung und solche, die eigentlich nur jemanden kennenlernen wollten, ohne dafür ein Diplom in digitaler Verhaltensanalyse erwerben zu müssen.

Diplom-Psychologin Anja Wermann

Die Berliner Diplom-Psychologin Anja Wermann leitet die Ghosting-Ambulanz in Berlin.© Matthias Friel | Matthias Friel

Ghosting ist längst kein bedauerlicher Einzelfall mehr, sondern fühlt sich an wie eine Epidemie. Eine, bei der niemand weiß, woher sie kommt, aber erstaunlich viele Menschen bereits Symptome zeigen: Sie starren auf ihr Handy, analysieren den letzten Chatverlauf und fragen sich, ob das lachende Emoji am Dienstag vielleicht doch weniger herzlich gemeint war als gedacht.

Und ich frage mich, was stimmt nicht mit Menschen, die andere lieber ghosten, als wenigstens ein paar Worte zu schreiben und eine Absage zu erteilen? Meine Kollegin Marta Ways hat sich das ebenfalls gefragt und hat sich an eine Ghosting-Ambulanz in Berlin gewandt. Ja, Sie haben richtig gelesen, es gibt eine Ghosting-Ambulanz. Geleitet wird sie von der Psychologin Anja Wermann. In diesem Interview erklärt sie, warum Menschen ghosten und was hilft, das Geschehene zu verarbeiten.

Ghosting hinterlässt offene Fragen und schlaflose Nächte

Fest steht: Ghosting tut weh. Es hinterlässt nicht einfach eine unbeantwortete Nachricht. Es hinterlässt eine offene Frage. Und offene Fragen sind bekanntlich das Spezialgebiet unseres Gehirns, insbesondere nachts, wenn man eigentlich schlafen möchte. War ich zu viel? Zu wenig? Habe ich etwas Falsches gesagt? Im Gespräch mit dieser Redaktion sprechen fünf Menschen offen über ihre Ghosting-Erfahrungen und was das mit ihnen gemacht hat.

Ein bisschen Ehrlichkeit wäre vermutlich die unkomplizierteste Lösung beim Ghosting. Sie macht Zurückweisung nicht schön, aber zumindest verständlich. Und sie verlangt erstaunlich wenig: ein paar Sekunden Zeit, eine minimale Portion Mut und die Bereitschaft, einen anderen Menschen als Menschen zu behandeln – und nicht wie einen Tab im Browser, den man schließt, sobald er nicht mehr interessant ist.

Meine Freundin hat übrigens bis jetzt keine Antwort von dem besagten Kanu-Mann bekommen. Sie hat auch aufgehört, auf ihr Handy zu schauen und darauf zu hoffen, dass er sich doch meldet. Der paddelt vermutlich längst weiter. Nur eben ohne Anstand an Bord.

Und wie sieht es bei Ihnen aus? Wurden Sie auch schon geghostet? Oder haben Sie sogar jemanden nach einem Date ignoriert? Erzählen Sie es mir gerne, mich würden beide Perspektiven interessieren.

Alles Liebe,
Alina Juravel

PS: Gefällt Ihnen dieser Newsletter? Dann nehmen Sie bitte kurz an unserer Umfrage teil. Und wenn Sie Kritik haben oder auch Anregungen, freue ich mich über eine Mail an [email protected]

PPS: Auch heute möchte ich Ihnen den FUNKE-Podcast „Länger Leben“ empfehlen. Darin spricht meine Kollegin Natalja Fischer mit dem Mediziner und Longevity-Experten Dr. Felix Bertram darüber, wie wir uns möglichst lange gesund halten. Neue Folgen erscheinen jeden Mittwoch, überall, wo es Podcasts gibt. Hier können Sie reinhören.