Ernährungs-Doc mit Endometriose-Plan: Können Frauen ihren Schmerz jetzt wegessen?


Ich habe Endometriose. Ich weiß das heute ganz sicher, ärztlich bestätigt, schwarz auf weiß und nach acht Operationen auch oft genug von innen betrachtet. Meine Krankheit hat einen Namen. Großartig. Nur leider interessiert das den Schmerz herzlich wenig.

Vor einigen Monaten habe ich an dieser Stelle über meinen langen Weg bis zur Diagnose geschrieben. Darüber, wie Frauen lernen, Schmerzen auszuhalten, kleinzureden und irgendwann selbst nicht mehr ernst zu nehmen. Mein Text endete mit einem Appell: Frauen, geht euren Schmerzen auf den Grund!

Das würde ich heute wieder genauso schreiben. Nur folgt nach diesem Satz inzwischen ein zweiter: Und was machen wir, wenn wir endlich am Grund angekommen sind?

Die Diagnose beendet die Ungewissheit, nicht die Krankheit. Endometriose ist eine chronische und bislang nicht heilbare Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst und dort Entzündungen, Verwachsungen und teils starke Schmerzen verursachen kann.

Hormone können den Zyklus unterdrücken, Schmerzmittel Beschwerden lindern, Operationen Herde, Zysten und Verwachsungen entfernen. Trotzdem leiden viele Frauen weiter oder die Schmerzen kehren zurück. Weltweit betrifft die Erkrankung nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 190 Millionen Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter.

Wer endlich weiß, was im eigenen Körper los ist, bekommt also nicht automatisch die Antwort auf die nächste, ganz praktische Frage: Was kann ich selbst tun, damit es mir besser geht?

Genau da fiel mir ein Buch in die Hände: „Der Endometriose-Balance-Plan“ von Dr. Matthias Riedl. Viele kennen den Internisten, Diabetologen und Ernährungsmediziner aus der NDR-Sendung „Die Ernährungs-Docs“. Dort schaut er nicht nur auf Laborwerte, sondern auch auf Frühstück, Kühlschrank und die kleinen Gewohnheiten, die wir beim Arzt erstaunlich gern vergessen.

Nun schreibt ausgerechnet ein Ernährungsmediziner über eine gynäkologische Krankheit. Kann man sich Endometriose-Schmerzen tatsächlich ein Stück weit vom Teller essen? Das wollte ich genauer wissen. Also habe ich Riedl angerufen.

„In der Medizin fällt was hinten rüber“

„Mich triggert sowas immer, wenn ich merke, in der Medizin fällt irgendwas hinten rüber“, sagt Riedl im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Bei Endometriose beginne das schon mit der Wahrnehmung von Schmerz. „Jede Frau hat ihre eigenen Regelschmerzen. Man hat ja nicht die Skala auf dem Bauch.“

Genau das ist das Dilemma. Niemand sieht einer Frau an, ob es im Unterleib gerade zieht oder ob es sich anfühlt, als bearbeite ihn jemand von innen mit einem stumpfen Messer.

Riedl lernte in seiner Praxis Patienten kennen, deren Beschwerden sich unter einer Ernährungstherapie deutlich besserten. Ein weiterer Anstoß war ein Gespräch mit Professorin Sylvia Mechsner, Leiterin des Endometriosezentrums der Berliner Charité. Selbst dort sei Ernährung lange kaum beachtet worden, berichtet er. Für Riedl war das der Moment, genauer hinzusehen.

„Wer es besser versteht und ein bisschen was tun kann, der ist nicht mehr so ausgeliefert“, sagt er. Dieser Satz trifft einen Nerv. Frauen mit Endometriose haben lange genug gehört, was sie angeblich nicht haben. Nun möchten sie wissen, was sie tun können, ohne das nächste Wunderpulver aus dem Internet zu bestellen.

Kein Zauberbrokkoli, sondern ein Plan

Riedls Buch verspricht ausdrücklich nicht, Endometriose wegzuessen. Der Plan verbindet Wissen über die Krankheit mit Stress und Nervensystem, Ernährung, Zyklus, Hormonen, Selbstfürsorge und alltagstauglichen Rezepten. Der Kern ist ein 14-tägiger „Food Reset“. Zwei Wochen lang wird nicht blind verzichtet, sondern aufgeschrieben: Was wurde gegessen? Wann kamen Schmerzen oder Erschöpfung? Wiederholt sich etwas? Erst aus dem Protokoll soll ein persönlicher Ansatz entstehen.

Dazu passt Riedls 20:80-Prinzip. Nicht das gesamte Leben umkrempeln, sondern zunächst jene 20 Prozent der Gewohnheiten verändern, die vermutlich den größten Unterschied machen. Für die eine Frau heißt das weniger Zucker, Alkohol und stark verarbeitete Produkte, für eine andere mehr Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Ballaststoffe und Omega-3-Fettsäuren. Und für manche beginnt es mit einer etwas unangenehmen Bestandsaufnahme.

„Das Selbstbild der Menschen über ihre Ernährung ist häufig besser als die Realität“, sagt Riedl. Autsch. Den Salat vom Dienstag haben wir zuverlässig abgespeichert. Die Chips vom Donnerstag, die plötzlich als Abendessen durchgingen, haben es nicht ganz so prominent ins Gedächtnis geschafft.

Was aber ist mit Frauen, die wirklich längst frisch kochen, viel Gemüse essen und trotzdem starke Schmerzen haben? Dann, erklärt Riedl, gehe es nicht mehr um „Iss gesünder“, sondern um mögliche individuelle Verstärker.

Wenn plötzlich die Tomate unter Verdacht steht

Als Beispiel nennt Riedl Histamin. Der Botenstoff ist an Entzündungsreaktionen beteiligt und könne bei manchen Patienten in Schmerzphasen die Beschwerden verstärken. Plötzlich geraten Lebensmittel unter Verdacht, die sich bislang völlig unauffällig als gesund ausgegeben haben: Tomaten, Avocado oder Sauerkraut.

Bevor nun sämtliche Tomaten des Landes aus den Kühlschränken fliegen: „Das muss man ausprobieren, das ist nicht in jedem Fall der Fall“, sagt Riedl. Ein mögliches Trigger-Lebensmittel soll nur zeitlich begrenzt reduziert und später wieder getestet werden. Es ohne Grund für immer zu streichen, könne die Ernährung sogar verschlechtern.

Deshalb warnt Riedl vor langen Verbotslisten aus sozialen Netzwerken. Gluten weg, Milch weg, Zucker weg, Histamin weg – und irgendwann sitzt man vor einem Glas lauwarmem Wasser und fragt sich, ob selbst das entzündungsfördernd schaut.

„Das undifferenzierte Weglassen führt immer über kurz oder lang zu weniger Lebensqualität und dann zur Mangelernährung“, sagt Riedl. Sein Plan lautet deshalb, eine Vermutung einzeln prüfen. Hilft die Veränderung nicht, darf das Lebensmittel zurück auf den Teller. Das ist kein Scheitern, sondern ein Ergebnis.

Auch der Zyklus spielt im Buch eine Rolle. Viele Patienten nehmen jedoch Hormone durchgehend und haben keine Blutung mehr. Riedl empfiehlt, sich dann am früheren biologischen Rhythmus zu orientieren und wiederkehrende Beschwerden zu beobachten.

Kann Essen sogar eine Operation verhindern?

An einer Aussage im Buch bin ich besonders hängen geblieben. Riedl schreibt, eine antientzündliche Ernährung könne in Einzelfällen eine Operation hinauszögern oder sogar überflüssig machen. Für Frauen vor dem nächsten Eingriff ist das ein gewaltiger Satz. Also fragte ich nach, ob Herde wirklich verschwunden, Zysten kleiner, Verwachsungen weniger geworden?

Die Antwort lautet: Nein, das ist nicht belegt. Riedl und sein Team hätten keinen Rückgang von Herden nachgewiesen. Beobachtet hätten sie etwas anderes. Bei einzelnen Patienten gingen die Beschwerden so weit zurück, dass die geplante Operation zunächst nicht mehr nötig erschien.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Brokkoli löst keine Verwachsung, Kurkuma lässt keine große Zyste verschwinden. Wenn Organe gefährdet sind, kann ein Eingriff notwendig bleiben. Ernährung ist keine Heilung. Ernährung könnte aber Beschwerden so weit lindern, dass nicht allein der Schmerz den nächsten Operationstermin diktiert.

Der Ernährungs-Doc für zu Hause?

Weil es zu wenige Fachkräfte für Ernährungstherapie gibt, hat Riedl mit seinem Team außerdem die myFoodDoctor-App entwickelt. Er nennt sie den „Ernährungsdoc für zu Hause“. Sie analysiert ein Ernährungsprotokoll und zeigt unter anderem Gemüse, Ballaststoffe, Eiweiß, Fette, Zucker und Mahlzeitenrhythmus.

Die App ist nicht speziell für Endometriose entwickelt worden, einen veröffentlichten Erfahrungsbericht einer Patientin gibt es bislang nicht. Sie als erprobte digitale Schmerztherapie zu verkaufen, wäre deshalb falsch.

Was die App bewirken kann, zeigt die Geschichte von Anke Müller. Anke war überzeugt, sich längst gesund zu ernähren. Sie kochte selbst, verzichtete weitgehend auf Fertigprodukte und baute Gemüse im eigenen Garten an. Trotzdem nahm sie zu, litt sie dauerhaft unter Schmerzen in den Beinen.

Dann stellte sie fest, dass ihr Problem nicht darin lag, ständig zu viel oder grundsätzlich falsch zu essen. Sie aß nach eigener Einschätzung sogar zu wenig und nicht so, dass ihr Körper ausreichend mit Gemüse, Eiweiß und Ballaststoffen versorgt war. Seit Oktober 2025 nutzt sie die App, isst nun drei sättigende Mahlzeiten am Tag und nach eigenen Angaben sogar mehr als früher, nur anders zusammengesetzt. Zusätzlich begann sie mit Kraftsport und bewegte sich mehr.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Schmerzen sind so gut wie verschwunden. Sie fühle sich fitter und habe vor allem gelernt, ihren Körper nicht länger als Gegner zu betrachten.

Genau darin liegt Riedls Idee. Weder sein Buch noch seine App sollen Frauen vorschreiben, was sie von heute an nie wieder essen dürfen. Sie sollen dabei helfen, den eigenen Körper besser zu verstehen. Erst ehrlich hinschauen, dann ein Muster suchen und schließlich eine Sache verändern.

Hormone, Entzündungen, Darmflora, Ernährung und psychisches Wohlbefinden beeinflussen sich gegenseitig. Riedl spricht von einem gewaltigen „Crosstalk“ im Körper. Vieles daran ist noch nicht ausreichend erforscht. Essen aber ist einer der wenigen Teile dieses komplizierten Zusammenspiels, auf den wir selbst Einfluss haben.

Die Lösung liegt nicht einfach auf dem Teller. Aber vielleicht liegt dort für manche Frauen ein Teil davon. Und wenn dieser Teil einen schmerzärmeren Tag bringt, ist er alles andere als klein.

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