Erst bei Kindern, dann bei Eltern
ADHS-Diagnose
Auch Erwachsene erhalten zunehmend die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Vielen Vätern und Müttern dämmert überhaupt erst durch die Diagnose des eigenen Kindes, dass auch sie selbst betroffen sein könnten. Ein Phänomen, das nur auf den ersten Blick überrascht.
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„Jetzt bin ich 45 Jahre alt und habe in diesem Alter endlich eine Erklärung für mein Verhalten und die Schwierigkeiten, die ich immer hatte“, sagt Stefan. Er ist Personalberater, Vater zweier Buben – und er hat ADHS, wie er inzwischen weiß. Genauso wie sein jüngerer Sohn. Seine eigene Diagnose vor wenigen Monaten hat für den Vater einiges verändert und viele Situationen seines Lebens im Nachhinein erklärt. „Und das alles, weil mein Sohn mir geholfen hat, zu erkennen, dass es doch anders geht.“
Der Bub wurde im Frühling des Vorjahres mit ADHS diagnostiziert. Anzeichen hatte es schon seit dessen Kindergartenzeit gegeben; nun, am Ende der zweiten Klasse Volksschule war es an der Zeit gewesen, Symptome wie Impulsivität und Konzentrationsschwierigkeiten medizinisch abklären zu lassen. Der Vater erinnert sich gut an das abschließende Gespräch bei der Kinderpsychologin: „Ich habe mir gedacht: Alles, wovon sie spricht, kenne ich – von mir.“
Mit ADHS kommt man zur Welt
Der 45-Jährige ist bei Weitem kein Einzelfall. Auch seitens des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP) kennt man solche Fälle von Elternteilen, die während des Diagnoseprozesses des eigenen Kindes selbst auf die Idee kommen, eigene Symptome abklären zu lassen.
Für Ralf Gössler, den Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Klinik Floridsdorf, ist all das keine große Überraschung, denn ADHS ist vererbbar. „ADHS gilt als anlagebedingte Erkrankung, man kommt damit zur Welt. Und von irgendwoher müssen Kinder es ja haben“, sagt der Arzt. Auch er hatte bereits junge Patienten und Patientinnen, deren Eltern ihn am Ende des Diagnoseprozesses selbst um eine Empfehlung für einen Arzt für Erwachsene baten. „Ich habe Elternteile erlebt, die die Medikamente ihrer Kinder probierten und ebenfalls eine Besserung merkten“, erzählt er.
Innere Unruhe im Erwachsenenalter
Dass inzwischen immer mehr Erwachsene eine – in der Kindheit verabsäumte – Diagnose erhalten, ist für den Arzt ebenfalls nachvollziehbar: „Vor zehn, fünfzehn Jahren ging man noch davon aus, dass sich ADHS mit zunehmendem Alter auswächst. Inzwischen weiß man aber, dass das nicht stimmt.“ Vielmehr verändere sich das Erscheinungsbild der neurologischen Entwicklungsstörung: „Dieses Hibbelige nimmt ab und weicht einer inneren Unruhe. Die Problematik, dass man sich schwer konzentrieren kann und leicht ablenkbar ist, bleibt.“
Die Wahrnehmung, es gebe allgemein immer mehr Menschen mit ADHS, teilt der Psychiater nicht: „Es wird nicht tatsächlich mehr, das hat es immer schon gegeben. Wir haben es bloß nicht gesehen. Oder es waren dann eben die ,schlimmen Kinder’.“ Wenn der Arzt an seine eigene Schulzeit zurückdenkt, fallen ihm Kinder ein, die er aus heutiger Sicht, mit seinem heutigen Wissensstand „eindeutig als ADHS-Kinder identifizieren“ würde. „Aber damals gab es ja die Diagnose gar nicht.“
Impulse, Emotionen und Gedanken
„Ich war sehr aufmüpfig“, sagt der heute 45-jährige Stefan in Erinnerung an seine eigene Schulzeit. An die Scham, die er nach einer eskalierten Situation empfand, erinnert er sich bis heute. Nach seiner ADHS-Diagnose vergangenen Herbst ließ er sich Medikamente verschreiben. „Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich das Gefühl nicht, dass es zwischen Denken und Handeln einen Zeitraum gibt“, sagt er über die eigene Impulsivität, die er eben auch bei seinem Sohn wiedererkannte. „Ich habe immer sofort reagiert. Privat gerät man dadurch schnell in Streit und auch beruflich kann man zur Belastung für andere werden.“ Inzwischen helfen ihm die Medikamente dabei, Impulse zu kontrollieren, Emotionen zu regulieren und Gedanken zu strukturieren. „All das hat mich zuvor unfassbar viel Kraft gekostet“, sagt Stefan.
Seine Diagnose hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: „Die Bindung zu meinem Sohn ist noch einmal stärker geworden.“ Als der Vater damals vom eigenen Diagnosegespräch heimkam, fragte er seinen Sohn, wie es denn für ihn wäre, wenn sein Papa doch nicht ADHS hätte. „Das wäre schon ziemlich blöd“, habe der Bub erwidert: „Er meinte so zu mir: ,Ich hab eh schon das Gefühl, dass mich niemand versteht. Und wenn du auch ADHS hättest, würdest wenigstens du mich verstehen.’ Dementsprechend groß war die Erleichterung darüber, dass bei mir die Diagnose eh auch recht eindeutig ausgefallen war.“