Teure Schulranzen als Statussymbol: Der Druck vor der Einschulung
Erster Schultag: Der Schulranzen wird zum Statussymbol
Eigentlich sollte die Einschulung Kindern zeigen, worum es in der Schule geht: um Lernen. Stattdessen lernen viele noch vor der ersten Stunde: Wer sich was leisten kann – und wer nicht.
Foto: Fran Caballero
Ich stand vor ein paar Wochen mit meinem jüngsten Sohn im Laden. Sechs Jahre alt. Dieses Jahr wird er eingeschult. Ein großer Moment. Der erste Schulranzen. Früher war das für Eltern mal eine Mischung aus Stolz, Nervosität und der Erkenntnis, dass das Kind langsam groß wird.
Heute fühlt es sich eher an wie der Besuch in einem Apple-Store für Grundschüler. Nur mit mehr Einhörnern und weniger Würde.
199 Euro.
259 Euro.
379,99 Euro.
Für einen Schulranzen. Für eine Kunststoffhülle mit Gurten dran. Man steht da als Vater und denkt: Haben wir komplett den Verstand verloren?Da hängt tatsächlich ein „Step by Step Circle Jungle Cat Chiko Special Edition Schulranzen Set 5tlg.“ für 380 Euro im Regal. Fast vierhundert Euro – für ein Kind, das in zwei Jahren wahrscheinlich findet, dass Tigerbabys, Glitzer oder Bagger „voll Baby“ sind.
Daneben das angeblich günstige Modell für knapp 200 Euro. „Basis Green Graphics“. Basis. Das Wort allein ist schon perfide. Als wäre man mit 199 Euro bereits im Sozialtarif angekommen. Der Kapitalismus liebt solche Formulierungen. Menschen fühlen sich arm, obwohl sie gerade zweihundert Euro ausgegeben haben.
Schulranzen sind Statussymbole geworden. Das ist ziemlich erbärmlich.

Erstmal die Fakten
So viel geben Eltern für die Einschulung aus
800.000 neue Schülerinnen und Schüler in Deutschland – ein Riesenmarkt, Jahr für Jahr. Die Einschulung ist ein ziemlich kostspieliger Spaß für Eltern. von Max Biederbeck
Und natürlich verkauft man nicht einfach einen Ranzen. Nein. Es ist ein „Set“. Federmäppchen, Sportbeutel, Schlamperrolle, Regencape. Alles perfekt abgestimmt, damit Eltern sich einreden können, sie würden „investieren“. In Wahrheit kaufen sie Plastik mit Marketingaufschlag.
Sozialer Vergleichstest auf dem Schulhof
Und dann die große Einschulungs-Show, inzwischen eine bizarre Mischung aus Familienfest, Fototermin und sozialem Vergleichstest.
Die Kinder stehen geschniegelt mit riesigen Schultüten nebeneinander, und irgendwo zwischen Zuckertüte und Einschulungsfoto beginnt bereits die stille Einordnung: Wer hat den coolen Ranzen? Wer trägt Scout? Wer Ergobag? Wer Step by Step? Wer hat das Billigmodell? Wer Second Hand? Kinder merken (sich) so etwas. Sie haben ein brutales Gespür für Zugehörigkeit. Für Unterschiede. Für Marken. Für „cool“ und „uncool“.
Erwachsene tun immer gern so, als seien kleinere Kinder unschuldige Wesen, unerreichbar für gesellschaftliche Muster. Dabei lernen sie soziale Codes schneller, als jede Unternehmensberatung PowerPoint-Folien basteln kann.
Aber natürlich sind die Kinder nicht das Problem. Es sind die Erwachsenen. Die Eltern, die vergleichen. Die Großeltern, die aufrüsten.
Die WhatsApp-Gruppen, in denen subtiles Konkurrenzdenken herrscht. Die stillen Blicke auf dem Schulhof.
Kinder interessiert zunächst mal, wer mit ihnen Fangen spielt, wer lustig ist, wer beim Fußball nicht ständig heult, wenn er verliert. Die soziale Bewertung schleicht sich erst durch das Verhalten Erwachsener in ihre Welt. Mit kleinen Bemerkungen. Mit Unsicherheiten. Mit dem Vergleichen, Abschätzen und Vermessen von Menschen.

Pisa-Studie
Fack ju, Göthe!
Es war einmal eine Bildungsrepublik. Davon ist nicht mal mehr der Anspruch übrig – ein Armutszeugnis. Ein Kommentar.
Kommentar von Max HaerderIn der Kita fängt es schon an. Manche Brotdosen sind voll mit frischem Obst, kleinen Snacks und Bio-Joghurt. Andere enthalten Toastbrot mit Ketchup oder manchmal gar nichts.
Dann kommt die Grundschule. Die Grundausstattung eines Kindes kostet mehrere hundert Euro. Mäppchen, Bleistifte, Anspitzer, Schere, Materialien für den Kunstunterricht, Sportsachen. Wir haben für all das 205,43 Euro ausgegeben, sind inklusive Ranzen, Turnbeutel und Sportschuhen bei 530,85 Euro gelandet.
Und wehe, man kann nicht mithalten. Dann trägt das Kind eben das Lidl-Modell oder einen gebrauchten Tornister. Was vollkommen vernünftig wäre. Kinder wachsen schließlich aus allem schnell raus. Aber vernünftig verkauft sich schlechter als Status – und bereichert einen nicht mit guten Elterngefühlen.
Hersteller machen mit Verunsicherung der Eltern Kasse
Die Industrie lebt von elterlicher Panik. Die Hersteller kennen das Spiel. Sie verkaufen keine Schulranzen. Sondern Sicherheit. Zugehörigkeit. Erfolg. Das gute Gefühl, Top-Mutter, Top-Vater zu sein. „Ergonomisch geprüft.“ „Rückenschonend.“„Mit Reflektoren.“ „Testsieger.“
So hebelt man den Preis eines Alltagsproduktes. So wertet man Egos auf.

Pisa-Studie
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Natürlich soll ein Schulranzen bequem und sicher sein. Aber irgendwann kippt sinnvolle Qualität in grotesken Luxus. Ein sechsjähriges Kind braucht keinen Premium-Ranzen für fast 400 Euro. Es transportiert Brotdose, Trinkflasche, Arbeitshefte. Keine Goldbarren.
Und dann dieser Wahnsinn mit den Designs. Heute liebt das Kind Einhörner. Morgen Pokémon. Übermorgen schwarz, weil alles „cringe“ ist. Trotzdem kaufen Erwachsene ihnen Produkte, als müssten sie zehn Jahre emotional überstehen.
Wenn Chancengleichheit am Schulranzen scheitert
Am traurigsten aber ist etwas anderes: Wir reden ständig über Chancengleichheit. Aber schon der erste Schultag zeigt vielen Kindern ziemlich deutlich, wo sie gesellschaftlich stehen. Der eine kommt mit Premium-Ranzen, Smartwatch und Marken-Sneakern. Der andere mit Second-Hand-Tasche und zu großen Schuhen vom Flohmarkt. Bildung soll ein großer Gleichmacher sein? Wir bauen schon zur Einschulung kleine Statusparaden auf.
Irgendwo unterwegs haben wir vergessen, worum es eigentlich gehen sollte: dass Kinder neugierig bleiben. Dass sie lernen dürfen. Dass sie Freunde finden. Dass Schule kein sozialer Laufsteg ist.
Und trotzdem kaufen wir den verdammten Ranzen. Natürlich habe auch ich am Ende einen gekauft. Nicht für 379 Euro. Ich bin Vater, kein Investmentfonds. Aber trotzdem teurer, als ich gedacht hätte.
Nicht weil ich diesen Wahnsinn gut finde, sondern weil kein Kind am ersten Schultag das Gefühl haben sollte, weniger wert zu sein. Und genau das ist eigentlich das Traurige daran. Man kauft nicht nur, weil man seinem Kind etwas Schönes geben will. Sondern vor allem, weil man nicht möchte, dass es sich ausgeschlossen fühlt. Man lässt sich zwischen Vernunft und schlechtem Gewissen zerreiben. Es ist ein Geschäftsmodell, das erschreckend zuverlässig funktioniert.

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