„Es fehlte etwas“: Teils hohe Einbußen wegen Rewe-Aus – Neuer Markt steuert nach


Stand: 15.08.2026, 17:00 Uhr

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Rewe-Kaufmann Patrick Schmidt von Rewe Familie Schmidt, Bockum-Hövel

Neu eröffnet: Mehr als eineinhalb Jahre musste Bockum ohne Nahversorger auskommen. © Jürgen Menke

Der Einzelhandel im Ort hat in Teilen bluten müssen. Jetzt aber hat der Hammer Stadtteil Bockum endlich wieder einen Vollsortimenter. Geschäftsinhaber äußern sich.

Hamm – Rewe hat eröffnet – und ein ganzer Stadtteil atmet auf. Darunter auch Geschäftstreibende. Sie hatten, als das Angebot fehlte, teils erhebliche Einbußen, wie eine Umfrage von wa.de zeigt. Derweil will sich der neue Vollsortimenter noch mehr auf die Bedürfnisse seiner Kundinnen und Kunden einstellen – und das Parken erleichtern.

Aus Dörholt wird „Familie Schmidt“

Rewe Dörholt ist Geschichte, Rewe Familie Schmidt seit dem 7. Juli 2026 Gegenwart und Zukunft an der Hammer Straße 9 im Hammer Stadtteil Bockum. Mehr als eineinhalb Jahre sind zwischen Schließung und Abriss sowie Neueröffnung im Neubau vergangen. Ein Leben ohne Supermarkt im Ort und mit weiten Wegen zur Nahversorgung: Das war für alle eine Durststrecke – und für einige eine besonders intensive.

Buchhandlung Leseliebe in Bockum, Inhaberin Claudia Hellmann

Claudia Hellmann, Buchhandlung Leseliebe. © Jürgen Menke

„Uns ging ein Viertel des Umsatzes verloren“, schildert Claudia Hellmann von der Buchhandlung Leseliebe. Viel länger als die 19 Monate hätte die Zeit ohne Frequenzbringer vor der Haustür nicht sein dürfen, betont sie. „Das war hier manchmal wie ausgestorben, gefühlt wie in einem Western, in dem man vertrocknete Büschel über die Straße wehen sieht.“ Mit dem Tag der Neueröffnung sei die Kundenzahl dann „raketenhaft“ angestiegen und nun auf gleichem Niveau wie vor dem Dörholt-Ende.

Dietmar und Andreas Löcke vom Schuhhaus Löcke, Bockum-Hövel

Andrea und Dietmar Löcke, Schuhhaus Löcke. © Jürgen Menke

Ähnlich äußert sich das Inhaber-Ehepaar Löcke vom gleichnamigen Schuhhaus schräg gegenüber. „Bei uns waren’s wohl noch mehr als ein Viertel“, sagt Dietmar Löcke. Dass sich das Ladenlokal im Eigentum befinde, sei für das wirtschaftliche Auskommen sehr hilfreich gewesen, ergänzt Andrea Löcke. Ohne Laufkundschaft gehe es in ihrer Branche nicht.

Statt Menschen, die am Schaufenster vorbeischlendern und sich inspirieren lassen: „tote Hose“: Die Zeit ohne Rewe sei „ein wenig deprimierend“ gewesen, schildert Andrea Löcke. Und auch sie bemüht das Bild vom Wilden Westen in Bockum.

Nun aber habe sich alles zum Besseren entwickelt. „So einen starken Juli haben wir schon lange nicht mehr“, berichtet Dietmar Löcke. In Rewe-Sichtweite gelegen, hatte das Schuhhaus Aktionsschilder mit Reduzierungen platziert – das brachte den erwünschten Erfolg. „Der Markt ist ein großer Gewinn für das Dorf, es fehlte etwas“, betont Andrea Löcke.

Sanda Möller, Filialleiterin von Lotto-Tabak Thiele, Bockum-Hövel

Sandra Möller, Lotto-Tabak Thiele. © Jürgen Menke

Rückläufige Umsätze verzeichnete auch Lotto-Tabak Thiele. „Aber nur in einem sehr geringen Umfang“, sagt Filialleiterin Sandra Möller. Wobei: „Wir hatten die Befürchtung, dass es deutlicher zurückgeht.“ Dass es nicht so kam, sei den vielen Stammkunden zu verdanken. „Wir sind total begeistert, dass sie uns so stark die Treue gehalten haben“, berichtet Möller.

Zwar seien die Bockumer zum Einkaufen nach Hövel oder anderswohin gefahren. „Zeitungen gekauft, Zigaretten geholt und Lotto gespielt haben sie aber weiterhin bei uns“, erläutert Möller. Nach der Rewe-Eröffnung habe man sich bei den Kunden mit einem kleinen Geschenk bedankt, einem Hufeisen und einem Glückskleeblatt als Anstecker. Die Überschneidungen im Sortiment von Rewe und Thiele haben laut Möller keine nennenswerten Auswirkungen.

Dirk Scheidl, Inhaber von DSmoker, Bockum-Hövel

Dirk Scheidl, DSmoker. © Jürgen Menke

Auf eine große Zahl von festen Kunden verweist auch Dirk Scheidl, Inhaber von DSmoker. Diese würden ihn unabhängig vom örtlichen Lebensmittelangebot aufsuchen. „Sie kommen aus ganz Hamm, Werne oder auch Ahlen“, schildert er. Doch auch Scheidl kann bestätigen, dass wieder mehr Leben in Bockums Ortsmitte eingekehrt ist. Für sein Ladenlokal gilt das ohnehin: Seit Ende Juli ist hier auch eine Postfiliale integriert. „Zuvor hatten wir nur einen DHL-Paketshop.“

Claudia Köck, Inhaberin von Beverly Hills Mode & Mehr, Bockum-Hövel

Claudia Köck, Beverly Hills Mode & Mehr. © Jürgen Menke

Der gezielte Gang ins Geschäft – davon lebe primär auch Beverly Hills Mode & Mehr, verdeutlicht Inhaberin Claudia Köck. Insofern habe man „null Probleme“ während der Rewe-Schließung gehabt. Das Erfolgsrezept der Boutique: „Wir stellen fast wöchentlich Videos ins Netz, um neue Ware zu präsentieren.“ Das Online-Schaufenster werde intensiv genutzt, die Kundinnen ließen dann vielfach die gewünschten Teile zurücklegen und kämen wenig später zur Anprobe.

„Unser Einzugsgebiet reicht bis Münster, Ahlen, Beckum und Dortmund“, sagt Köck. Insofern sei die Lage des Geschäfts am Rande der Stadt ideal. „Wir profitieren von der Nähe zum Autobahnzubringer.“

Barbara Bittner-Aperdannier, Inhaberin von Blumengeschäft Blütenzauber, Bockum-Hövel

Barbara Bittner-Aperdannier, Blütenzauber. © Jürgen Menke

Beverly Hills liegt an der Hauptstraße, vom Rewe aus gesehen gleich hinter der Kurve an der Stephanus-Kirche. Etwas weiter erreicht man den Blütenzauber. Inhaberin Barbara Bittner-Aperdannier sagt, sie freue sich über das Mehr an Laufkundschaft. Ihr Kerngeschäft bestehe aber aus der floristischen Begleitung etwa von Hochzeiten und Beerdigungen. „Da sind die guten Online-Bewertungen und die Mund-zu-Mund-Propaganda durch Stammkunden entscheidend.“

„Ich empfinde es als bedauerlich, dass Rewe auch Blumen verkauft“, sagt Bittner-Aperdannier. Gleichzeitig habe sie die Neueröffnung regelrecht „abgefeiert“, weil sie das Leben für sie als Verbraucherin leichter mache. Mal kurz in der Mittagspause oder nach Geschäftsschluss Essen zu besorgen, sei endlich wieder möglich.

Rewe-Kaufmann Patrick Schmidt von Rewe Familie Schmidt, Bockum-Hövel

Rewe-Kaufmann Patrick Schmidt: Der 39-Jährige will beim Sortiment auf Kundenwünsche eingehen. © Jürgen Menke

Derweil zieht Rewe-Kaufmann Patrick Schmidt fünf Wochen nach der Neueröffnung eine erste, höchst zufriedenstellende Bilanz. „Wir sind super gestartet und super im Ort aufgenommen worden. Dafür sind wir sehr dankbar“, betont der 39-Jährige. Die Bockumer, so habe er von vielen gehört, seien „maximal froh“, wieder einen Nahversorger an ihrer Seite zu wissen.

Schmidt betont, dass das Rewe-Team mit über 30 Mitarbeitern mehr und mehr zusammenwachse. Wie zu erwarten gewesen sei, hätten anfangs nicht alle Abläufe reibungslos funktioniert, die Prozesse würden aber mit jedem Tag besser.

Sortiment: Die Kunden sollen mitreden

Ein großes Thema sei aktuell die Sortimentsfindung. „Es gibt Artikel, die nicht funktionieren, und Artikel, die wir nicht da haben, aber nachgefragt werden“, verdeutlicht Schmidt. So habe er zum Beispiel schon das Angebot beim Räucherfisch zugunsten von Feinkost-Salaten eines speziellen Anbieters verkleinert. Nach diesen Salaten sei mehrfach explizit gefragt worden, so Schmidt.

Auch bestimmte Bier- und Mineralwassermarken im Getränkebereich, die die Bockumer zuletzt in der Getränkeoase erwerben konnten, will der Geschäftsmann in das Sortiment aufnehmen. Produktwünsche sollen die Kundinnen und Kunden demnächst auch online äußern können. „Wir werden nicht alle Wünsche berücksichtigen können, aber die, die am häufigsten genannt werden.“

Teils über 90 Arbeitsstunden in der Woche

Von montags bis samstags hat Rewe geöffnet. Schmidt sagt, er habe in der ersten Zeit teils über 90 Stunden in der Woche gearbeitet. Als Vater zweier Kinder versuche er aber, auf eine familiengerechte Arbeitszeit zu kommen. „Das wird sich alles noch weiter einspielen.“

Für Schmidt wichtig: dass niemand beim Einkauf in seinem Supermarkt gestresst ist. Auch die nicht, die mit anderen ins Gespräch kommen und sich an der Hosselmann-Theke vielleicht noch einen Kaffee bestellen. „Wir sind daher mit unserem Parkplatz-Manager im Gespräch darüber, ob wir die Höchstparkdauer von eineinhalb auf zwei Stunden erhöhen“, erläutert der Kaufmann. Sollte ein Kunde etwaige Probleme mit dem Abstellen seines Fahrzeugs haben, könne er sich direkt im Markt melden.