„Gedankenspiele, wie sich die Kapazität vergrößern ließe“: BWS-Chef über Ausbau von Werders Weserstadions
Stand: 24.09.2026, 19:09 Uhr
BSW-Chef Hans-Jörg Otto spricht im DeichStube-Interview über den 100. Geburtstag von Werder Bremens Weserstadion, mögliche Ausbau-Pläne, die Rückkehr von Konzerten - und Geld.
Bremen – Es ist Sportstätte, Sehnsuchtsort, Wohnzimmer und Wahrzeichen – das Weserstadion gehört zu Bremen wie Roland und Stadtmusikanten. Als Heimat des SV Werder Bremen war das Stadion Schauplatz unzähliger großer Fußballnächte, bis heute produziert es zuverlässig grün-weiße Emotionen – am 17. Oktober wird es nun 100 Jahre alt. In einer mehrteiligen Serie beleuchtet die DeichStube das Weserstadion aus verschiedensten Perspektiven. Den Auftakt macht ein Interview mit Hans-Jörg Otto, dem Geschäftsführer der Bremer Weserstadion GmbH, in dem es um Chancen und Herausforderungen der Arena sowie um Ausbaupläne geht.

Werder Bremen soll alten Weserstadion-Umbau bis 2034 abbezahlt haben - Finanzielle Belastung bleibt auch danach
Herr Otto, als Geschäftsführer der Bremer Weserstadion GmbH, die das Stadion betreibt, sind Sie so etwas wie der oberste Hüter von Werders Wohnzimmer. Was bedeutet das Weserstadion für Sie persönlich?
Ich empfinde es als große Ehre, diesen Job machen zu dürfen. Das Weserstadion ist kein alltäglicher Arbeitsplatz, sondern aus fußballromantischer Sicht ein Tempel, in dem es viele, viele große Momente dieses Sports gab. Das ist mir jederzeit bewusst und zieht mich magisch an. Ich bin zwar nicht in Bremen, sondern in der Nähe von Dresden groß geworden, das Weserstadion war mir aber schon früh ein Begriff. Natürlich hat es als Gebäudekomplex viele Themen, die es in vergleichbarer Form auch in anderen Objekten gibt. Es ist und bleibt aber die mit Abstand emotionalste Immobilie der Stadt Bremen.
Seit 100 Jahren steht das Stadion direkt am Fluss – da, wo die Weser einen großen Bogen macht. Seit 1978 ragen die vier ikonischen Flutlichtmasten in den Bremer Himmel. All das ist durch die Nähe zum Steintorviertel direkt ins urbane Leben integriert. Gibt es in Deutschland einen schöneren Fußballstandort?
Im Gesamtpaket vermutlich nicht. Wir sind ein historisch gewachsener, sehr romantischer Standort mit einer architektonisch einmaligen Silhouette. Das hat für sich einen großen Wert, weil es den Menschen viel bedeutet. Darauf sind wir stolz. Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Stadion kein Neubau mehr ist. Die Photovoltaikhülle vermittelt vielleicht den Eindruck, alles sei hochmodern und schick. Unten drunter haben wir aber ein historisches Puzzle aus verschiedenen Epochen und Gebäudeteilen. Das immer wieder zu lösen, ist eine große Herausforderung.
Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry hat das Stadion mal als „Fluch und Segen“ für den Verein beschrieben. Den Segen haben wir gerade mit der Historie, der Lage und der Romantik hergeleitet. Was genau ist in Ihren Augen der Fluch?
Neben allen positiven Aspekten ist das Stadion eine wirtschaftliche Belastung für Werder. Das muss man klar so sagen. Es müssen wegen des großen Umbaus aus den Jahren 2008 bis 2011 bis heute Kreditraten getilgt werden, jährlich etwa fünf Millionen Euro. Das ist Geld, das Werder aus den Umsatzerlösen, vor allem über das Ticketing, generiert und nach einem festgelegten Schlüssel an die BWS abführt. Die laufenden Kosten für den Unterhalt des Stadions kommen hinzu. Das schmerzt, weil die Mittel an anderer Stelle fehlen, auch wenn wir mittlerweile Licht am Ende des Tunnels sehen.
Was heißt das? Wann ist das Stadion abbezahlt?
Die fünf Millionen setzen sich aus vielen einzelnen Kreditlinien zusammen. Unsere Planungen sehen vor, dass wir im Jahr 2034 alles zurückbezahlt haben. Das schafft dann definitiv Beinfreiheit. Wir müssen aber ehrlich sein: Auch danach werden wir keinen Zustand haben, in dem das Stadion einfach so stillhält. Es wird auch in Zukunft Umbauten geben, etwa wenn die Photovoltaikanlage ihr technisches Ende erreichen sollte, oder wenn weitere Gebäudeteile modernisiert werden müssen.
Hans-Jörg Otto über Ausbau von Werder Bremens Weserstadion: „Es gibt Gedankenspiele, wie sich die Kapazität vergrößern ließe“
Der Hamburger Senat plant eine komplett neue Arena für den Hamburger SV, weil dessen Volksparkstadion laut Vereinsangaben über die 2040er-Jahre hinaus zunehmend sanierungsbedürftig sein und „baulich an seine Grenzen stoßen wird“. Wenn wir das auf Bremen übertragen: Ist Werder mit dem Weserstadion in den kommenden Jahrzehnten noch wettbewerbsfähig in der Bundesliga?
Das ist eine spannende Frage, die ich per se sofort mit Ja beantworten würde. Durch die Umbaumaßnahmen der jüngeren Vergangenheit und die bestehende Substanz können wir im jetzigen Zustand sicher in den kommenden 15 Jahren agieren. Aber natürlich darf man nicht vergessen, dass es eine generelle technische Entwicklung und damit auch immer wieder neue Anforderungen an Spielstätten gibt. Es ist ein laufender Prozess.
Wie schwer wiegt die Tatsache, dass in Bremen nur 42.000 Zuschauer Platz im Stadion finden, die Ticketing- und Hospitality-Einnahmen also zwangsläufig geringer sind als an anderen Standorten?
Wenn wir beim Beispiel HSV bleiben, ist das ohne Frage ein standortbedingter Wettbewerbsnachteil für Werder. Zuschauerseitig sind die Erlöse in Hamburg um ein Vielfaches größer. Das lässt sich mit dem Weserstadion nicht ausgleichen. Andererseits: Es gibt ja nicht nur 50.000er-Stadien in der Bundesliga, im Gegenteil. Da müssen wir nur mal nach Freiburg oder Mainz schauen. Unser Vorteil ist, dass wir eine unheimlich hohe Verbundenheit zwischen Stadtgesellschaft und Verein haben. Die Identifikation ist enorm groß, sodass ich glaube, dass das Weserstadion auch in Zukunft stets gut gefüllt sein wird. Das ist ein großes Pfund. Wenn es aber eine Option geben sollte, dass wir auf 45.000 oder gar 50.000 Zuschauer hochgehen können, sollten wir ernsthaft darüber nachdenken.
Wie realistisch ist das am Standort Weserstadion, wo es bekanntermaßen starke Anwohnerrechte und strikte Hochwasserschutz-Auflagen gibt?
Zur richtigen Einordnung, damit kein falscher Eindruck entsteht: Im Moment ist das kein ultra-konkretes Thema in dem Sinne, dass wir nächste Woche einen Baueintrag einreichen und übernächste die Bagger anrollen. Überhaupt nicht. Aber es gibt Gedankenspiele in verschiedenen Szenarien, wie sich die Kapazität vergrößern ließe. Ich finde, das muss bei einem Stadion, das seinen 100. Geburtstag feiert, auch erlaubt sein.
Welche Szenarien sind das?
Zum einen sind es Überlegungen, in der bestehenden Außenhülle Veränderungen vorzunehmen, zum anderen geht es in die Richtung, ob möglicherweise eine oder zwei Tribünenseiten punktuell erhöht werden, etwa in Wellenform. Bei Manchester City gibt es das, oder auch bei Olympique Marseille. Nochmal: Das sind alles Gedankenspiele. Sich damit zu beschäftigen vor dem Hintergrund der Frage, wie sich weitere Erlöse generieren lassen, gehört für mich schlicht zur Professionalität des Jobs. Wir haben lange Ticket-Wartelisten und könnten an jedem einzelnen Spieltag mehr Karten verkaufen als es Plätze gibt. Da muss es zwingend sein, sich mit der Frage zu befassen, wie sich die Nachfrage der Menschen bedienen und dieses Potenzial nutzen lässt.

BWS-Chef Hans-Jörg Otto im Interview über Werder Bremens Weserstadion: „Umbau der Ostkurve zur reinen Stehplatztribüne sehr komplex“
Sie haben auch Veränderungen innerhalb der derzeitigen Außenhülle angesprochen. Bereits 2018 hat Präsident Hubertus Hess-Grunewald öffentlich die Idee einer Ostkurve als reinen Stehplatztribüne aufgebracht. Gibt es diese Überlegungen noch?
Es ist ein denkbares Szenario, ja. Aber kein einfaches. Durch Stehplätze ließe sich die Anzahl der Fans im Oberrang der Ostkurve in etwa verdoppeln, gleichzeitig haben wir in diesem Bereich aber immens viele Dauerkarteninhaber, die irgendwo hinmüssten und bestimmt nicht alle stehen wollen. Auch die Wirtschaftlichkeit ist ein Thema. Mit zwei Stehplätzen lässt sich eine Sitzplatzkarte nicht auffangen. Wir würden in diesem Punkt also Geld verlieren, hätten durch mehrere Menschen im Stadion aber höhere Erlöse im Catering. Sie sehen also, dass wir uns damit intensiv beschäftigen, inklusive baulicher Prüfungen – bis zu dem Status, dass wir entsprechende Pläne in der Schublade haben.
Das klingt jetzt aber doch sehr konkret.
Wir wollen das Thema zu Ende denken, um dann eine verlässliche Diskussionsgrundlage zu haben. Ein Umbau der Ostkurve zur reinen Stehplatztribüne ist sehr komplex, weil viele Themen mitgedacht werden müssen. Bauliche Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, die verschiedenen Interessensgruppen im Stadion. Das alles detailliert zusammenzutragen, und vor sich auf dem Tisch auszubreiten, halte ich für sehr sinnvoll. Ganz wichtig: Wenn aus den Gedankenspielen mehr werden sollte, ein konkretes Vorhaben, dann frühestens in fünf bis sechs Jahren. Kategorisch ausschließen würde ich das nicht.
Worin sehen Sie in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen für die Bremer Weserstadion GmbH?
Mit Sicherheit darin, im bestehenden Stadionkörper auch in Zukunft den jeweiligen technischen und gesellschaftlichen Fortschritt einbauen und abbilden zu können. Wenn ich vorhin von einem Puzzle gesprochen habe, meine ich damit genau das: notwendige Neuerungen immer wieder sinnvoll und organisch ins Stadion zu integrieren. Die BWS als Gesellschaft ist wirtschaftlich gesund und macht operativen Gewinn, der jeweils mit ins nächste Jahr fließt. Wir sind stolz darauf, dass wir gemeinsam mit Werder und der Stadt sowohl die Corona-Zeit als auch die beiden Jahre nach der Insolvenz von Stadionsponsor Wohninvest geschafft haben. Wir sind gut aufgestellt, was wichtig ist, denn die Anforderungen und Bedürfnisse ändern sich im Laufe der Zeit massiv. Das sieht man zum Beispiel an der Zusammensetzung des Publikums.
Was meinen Sie damit?
Wir haben heute ein ganz anderes Verhältnis, was die Anzahl von Frauen und Männern im Stadion betrifft, als es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Fußball ist schon lange nicht mehr nur reine Männersache, und das ist sehr erfreulich. Ich sehe es deshalb als Aufgabe, dem gerecht zu werden und das Stadion frauenfreundlicher zu gestalten. Als wir den Gästeblock neu gemacht haben, konnten wir die Anzahl der dortigen Damentoiletten verdoppeln. In anderen Stadionteilen stellt sich noch die Frage nach den nötigen Flächen für solche Vorhaben. Das Thema ist aber sehr wichtig, weil die Gruppe der weiblichen Fans immer größer wird und sich im Weserstadion wohlfühlen muss.
Konzerte ab 2028 in Werder Bremens Weserstadion? Laut Hans-Jörg Otto „nicht mehr kategorisch ausgeschlossen“
Es ist möglich, im Weserstadion Konferenzräume anzumieten, Feiern auszurichten, zu heiraten und große Empfänge durchzuführen, was abseits der Spieltage Geld in die Kasse der BWS spült. Eine weitere, große Einnahmequelle wären Konzerte, die früher regelmäßig am Osterdeich stattfanden. Am bevorstehenden Tag der Deutschen Einheit wäre es nach langer Zeit fast wieder zu einem Konzert im Stadion gekommen, ehe die Pläne verworfen wurden. Warum?
Die Stadt wollte das Stadion mit dem Tag der Deutschen Einheit musikalisch wieder aktivieren, was eine schöne Idee war. Es ging dabei aber nur um einen Teil, nicht um die gesamte Arena. Der Eintritt wäre frei gewesen, eine Refinanzierung also schwierig. Zudem wäre der Wiederaufbau des eingestürzten Tribünenteils zwischen Ost- und Südtribüne zeitlich mit den Aufbauarbeiten für das Konzert zusammengefallen, was logistisch schwierig geworden wäre. Am Ende wurde die Entscheidung getroffen, mit dem Konzert aus dem Stadion herauszugehen. Das halte ich für sinnvoll.
Die grundsätzliche Konzert-Diskussion begleitet Stadt, Verein und BWS seit vielen Jahren. Eines der Haupt-Gegenargumente von Werder ist der teure Hybridrasen, der Schaden nehmen würde. Sie selbst sind Befürworter einer Konzert-Rückkehr. Kämpfen Sie noch dafür?
Es gibt inzwischen das Signal aus der BWS und auch von Werder, dass es machbar ist, wenn die wirtschaftlichen und logistischen Rahmenbedingungen für alle Seiten passen. Das ist in meinen Augen ein guter Schritt in die richtige Richtung. Es bedarf natürlich eines gewissen Planungsvorlaufs. Wir werden im Jahr 2027 noch kein Konzert im Weserstadion erleben. Für 2028 oder 2029 ist es aber nicht mehr derart kategorisch ausgeschlossen, wie es noch in der Vergangenheit war. Das werte ich als Erfolg. Die Sehnsucht in der Stadtgesellschaft nach Konzerten im Stadion ist groß. Das höre ich immer wieder, in unterschiedlichsten Gesprächen. Viele Menschen haben das früher erlebt und genossen – entweder als Besucher in der Arena oder als Zuhörer auf dem Osterdeich.
In den vergangenen Jahren wurde der Gästeblock verlegt, eine neue Lichtanlage installiert und Logenbereiche umgebaut. Was ist das nächste größere Vorhaben?
Es gibt genug zu tun, die Liste ist nie zu Ende. Eines der nächsten Projekte wird sicherlich die Südtribüne sein. Die Presseplätze dort, die Stadionregie, die Stadionsicherheit – dieser Komplex ist das mit Abstand älteste Gebäude des Stadions. Auch die Leichtathletikhalle unter der Tribüne, die vormittags von acht Bremer Schulen für den Schulsport genutzt wird, könnte irgendwann ein Thema werden. Das ist aber alles Zukunftsmusik. Grundsätzlich wird der Bedarf nach Flächen und Raum immer größer. Da stößt man irgendwann an Grenzen und muss kreative Lösungen finden.
Herr Otto, zum Abschluss: Wie wird es dem Weserstadion im Jahr 2051 gehen, wenn es seinen 125. Geburtstag feiert?
Ich hoffe, dass es dann immer noch ein Sammelpunkt sein wird, an dem alle Menschen gemeinsam Emotionen erleben können. Im Stadion kommen die unterschiedlichsten Facetten der Gesellschaft zusammen – von jung bis alt, von arm bis reich, aus verschiedensten Ländern und Kulturen. Wo haben wir das heute noch? Wir erleben ja eher das Gegenteil, dass sich Menschen aus dem gesellschaftlichen Raum zurückziehen und sich vieles ins Digitale verlagert. Stadien sind für mich ganz wichtige Kulturstätten, sie sorgen für gesellschaftlichen Kitt. Ich wünsche mir, dass wir uns das in Bremen noch lange bewahren können. (dco)