„Es kann nicht konfliktlos sein“ – Warum eine Gruppe Frauen in Dortmund ganz ohne Männer wohnt
Stand: 14.10.2026, 07:18 Uhr
Kommentare
In Dortmund leben 30 Frauen gemeinschaftlich in einem Haus. Männer sind hier unerwünscht – jedenfalls als Mitbewohner. Was das Projekt ausmacht.
Dortmund – Nicht allein zu wohnen, besonders im Alter, wünschen sich die meisten Menschen. Für eine Gruppe von Frauen aus Dortmund ist dabei klar: Sie wollen unter sich bleiben. Männer sind hier als Mitbewohner unerwünscht. Dafür haben sich die Frauen im Beginenhof in der Nordstadt eine enge Gemeinschaft aufgebaut.

Die 30 Bewohnerinnen leben in Einzel- oder Zweierwohnungen zusammen. Sie teilen sich Wohnräume und vor allem den großen Garten, der eine Besonderheit ist unter den Beginenhöfen in Deutschland, wie Bewohnerin Ulrike Janz im Gespräch mit wa.de erzählt. „Kein anderes der Projekte hat so einen großen Garten“, sagt sie. Beginenhöfe gibt es 18 mal in ganz Deutschland, 11 davon in NRW. Die Beginenkultur hat laut Website des Dachverbandes eine 900 Jahre alte Geschichte in Deutschland. Im Zentrum steht heutzutage demnach, Frauen zu ermutigen, „eigenständige Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsformen zu entwickeln“.
Beginenhof Dortmund: 30 Bewohnerinnen – und ausdrücklich keine Männer
Männer sind im Wohnprojekt ausgeschlossen, als Besucher aber herzlich willkommen. „Es darf nur nicht zu Störungen oder Problematiken kommen“, sagt Ulrike Janz im Gespräch. „Das hatten wir in all den Jahren nur einmal.“ Damals habe sich ein Mann fehlverhalten. Der daraus entstandene Prozess in der Gemeinschaft über das weitere Umgehen mit diesem Mann habe für ein „ziemliches Problem“ gesorgt. Nicht alle Bewohnerinnen waren sich einig. Solche und andere Entscheidungen treffen die Beginen in ihrer Vollversammlung. Zwar haben die Mitbewohnerinnen als Verein auch eine Vorsitzende, doch die Vereinsbefugnisse seien rein formal.
Dieses gemeinschaftliche Miteinander präge auch das Zusammenwohnen, sagt Ulrike Janz. Die Frauen helfen sich untereinander, „zum Beispiel kaufen wir für andere ein, fahren einander zu Ärztinnen und besuchen uns, das gehört zum nachbarschaftlichen Miteinander“, erzählt sie. Nicht alle Frauen wollten das gleichermaßen, manche involvierten sich mehr, andere lebten „eher so am Rande“. Dennoch bilde dieses Gemeinschaftsdenken die Zentrale. Das unterstützen auch Feste und Veranstaltungen, zu denen auch an der Beginengemeinschaft Interessierte geladen werden. Zurzeit suchen die Bewohnerinnen sogar eine weitere Frau in ihrer Runde. Mütter mit Kindern dürfen im Projekt wohnen.
Die Beginen
Schon im Mittelalter gab es die Beginen. Sie waren laut Website des Dachverbands „selbstständige Frauen, die [...] in großen oder kleinen Zusammenschlüssen, in Beginenkonventen oder Beginenhöfen, lebten“. Durch Stiftungen, eigene Besitztümer und Fähigkeiten sowie ihre Arbeit waren sie wirtschaftlich unabhängig, heißt es.
Die modernen Beginen fühlen sich nach eigenen Worten „der Gleichstellung von Frauen, der Gewaltfreiheit, dem behutsamen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen verpflichtet“. Sie unterstützten sich und entwickelten sich als Gemeinschaft und individuell durch ihre eigene Unterschiedlichkeit weiter.
Die Anfänge des Beginentums waren zwar religiös geprägt – erste Gemeinschaften entstanden in Klöstern –, doch davon ist heute nicht mehr viel zu bemerken. Ulrike Janz sagt, „Religiosität und Spiritualität spielen eine geringe Rolle“. Es gebe zwar Frauen, die religiös oder spirituell ausgerichtet seien, „aber das kennzeichnet unseren Hof nicht“.
Ulrike Janz ist schon seit 20 Jahren im Projekt. Damals gründete sich die Dortmunder Gemeinschaft neu, nach dem Vorbild der ersten Beginengruppe in Bremen. Dass keine Männer dabei sind, berühre die Frauen im Projekt nicht. „Das ist nichts, was uns hier täglich beschäftigt“, sagt Ulrike Janz. Der Faktor würde eher von außen angesprochen. Sie wundert sich, dass das immer noch Thema sei. Für sie war und ist die Zugehörigkeit zum Projekt eine logische Schlussfolgerung: „Für mich war es fast schon eine Selbstverständlichkeit, nach vielen Jahren des feministisch Aktiv-Seins, in so einem Projekt zu wohnen, sobald es das hier im Ruhrgebiet geben würde“, erzählt sie.

Viele der Frauen hätten gleiche oder ähnliche Beweggründe. Andere seien eher herkömmlich am gemeinschaftlichen Wohnen interessiert. „Manche hoffen, dass es nur mit Frauen konfliktlos sei“, sagt Ulrike Janz, „aber das ist natürlich utopisch, mit so vielen kann es nicht konfliktlos sein“. Sich immer wieder aufs Neue auszuloten und abzustimmen, gehört in Wohnprojekten dazu, auch bei den Beginen.
Das Café Orchidee im Botanischen Garten in Dortmund ist aktuell geschlossen. Für viele Gäste fehlt damit ein fester Halt beim Besuch im Rombergpark. Die Pause soll aber nicht dauerhaft sein.