E-Sports World Cup: Magnus Carlsen triumphiert in Paris


Trommelwirbel, Fangesänge, der Name des gerade herausragenden Akteurs – selten haben Schach-Großmeister bei solch einer Geräuschkulisse ihre Denkarbeit verrichtet. Sie störte es nicht, sie trugen Kopfhörer mit Schallschutz. Dabei galt der permanente Lärm gar nicht ihnen. Er kam in Paris von der Rocket-League-Bühne nebenan, auf der Rennautos einen gigantischen Ball jagten, um ihn ins gegnerische Tor zu bugsieren. Was ziemlich oft gelang, jede Minute brachte Anlass zu feiern. Für jedes Team jubelte eine eigene Horde. Beim Schach dagegen gab es nur alle zwanzig Minuten, wenn eine Partie zu Ende war, braven Applaus.

Was hat ein 1500 Jahre altes Brettspiel überhaupt neben fast zwei Dutzend Videospielen verloren, deren erste Ausführungen entwickelt wurden, als ihre heutigen Protagonisten Kinder waren?

Der Esports World Cup ist der wichtigste Wettbewerb der elektronischen Sportarten: 75 Millionen amerikanische Dollar werden insgesamt ausgeschüttet. Erfunden hat ihn der Kölner Veranstalter ESL, der von der Savvy Games Group gekauft wurde, einer Tochtergesellschaft des saudischen Staatsfonds PIF. Daraufhin wurde der sieben Wochen dauernde Turniermarathon vor zwei Jahren in der saudischen Hauptstadt Riad lanciert.

Unterstützung von Frankreichs Präsident Macron

Wegen des Kriegs am Persischen Golf und damit einhergehender Reisebeschränkungen wurde nun ein sicherer Austragungsort gesucht. Deutschland bot sich an. Zum Zug kam aber die französische Hauptstadt, nicht nur wegen des größeren E-Sport-Interesses, sondern auch weil Präsident Emmanuel Macron schnell Unterstützung versprach.

Die Messehallen an der Porte de Versailles wirkten ideal für die effektreichen Spielwelten und lockten Zehntausende Fans an. Doch beim Schach rächte sich, dass die Wahl nicht auf Köln oder Berlin, sondern auf Paris fiel. Trotz der Verlegung fand das Schachturnier in der vorgesehenen sechsten Woche statt – und überschnitt sich so mit den französischen Meisterschaften.

Organisatorische Defizite

Während nahezu die komplette lokale Schachszene im vier Autostunden entfernten Vichy antrat, waren zudem beide Spitzenspieler Frankreichs bei der laufenden Grand Chess Tour im amerikanischen St. Louis am Start. Maxime Vachier-Lagrave misst sich dort momentan unter anderem mit Vincent Keymer. Alireza Firouzja dagegen stieg zur Verärgerung der amerikanischen Veranstalter aus und blieb in Paris. Wahrscheinlich hatte das saudische Esports-Team Falcons, für das der eingebürgerte Perser beim Esports World Cup antrat, ihm seine Entscheidung finanziell versüßt.

Dann wurde auch noch vergessen, den Streamer Kevin Bordi einzuladen, der in Paris regelmäßig ausverkaufte E-Sport-Schachturniere organisiert, die das Publikum begeistern. Stattdessen wurden die Partien ausschließlich von eingeflogenen Kommentatoren auf Englisch erläutert, während das Saalpublikum bei anderen Spielen stets auf Französisch angesprochen wurde. Gewöhnlich sind die Videospielverleger die Veranstaltungspartner beim Esports World Cup. Beim Schach übernahm Chess.com die Rolle, weil es keine Copyrights gab.

Auch Ronaldo ist ein Werbeträger

Der ESL-Gründer und heutige Chef der Esports World Cup Foundation, Ralf Reichert, sagte im Gespräch mit der F.A.Z., er habe Schach schon „länger auf dem Radar gehabt“. Als Durchbruch beschreibt er den Auftritt von Magnus Carlsen auf einer Sportkonferenz in Riad vor zwei Jahren. Der weltbeste Spieler argumentierte dabei nicht nur erfolgreich, dass am Bildschirm und mit Maus praktiziertes Schach E-Sport sei, sondern hat sich auch als „Botschafter“ verpflichten lassen.

Esports-Pionier Ralf Reichert hat Schach für seine Branche schon „länger auf dem Radar gehabt“.
Esports-Pionier Ralf Reichert hat Schach für seine Branche schon „länger auf dem Radar gehabt“.EWC

Zusammen mit Cristiano Ronaldo, der seine aktive Fußballkarriere in Saudi-Arabien ausklingen lässt, und dem südkoreanischen League-of-Legends-Spezialisten „Faker“, bürgerlich: Lee Sang-hyeok, ist der Norweger einer der zentralen Werbeträger der Veranstaltung. Ihre Gesichter prangten meterhoch auf Pariser Bahnhöfen und insbesondere in der Metrostation an der Messe.

Ob Schach erfolgreich sei, wollte Reichert nicht an Zahlen festmachen, sondern an starken Momenten und der Zufriedenheit der Spieler und Fans. Mit bis zu 177.000 gleichzeitigen Onlinezuschauern übertraf der Esports World Cup zwar das Kandidatenturnier knapp, aber die Schacholympiade und das WM-Finale stehen noch aus, und bei der Premiere voriges Jahr in Riad lag die Reichweite um fast ein Drittel höher.

Überraschung durch einen Neunzehnjährigen

Die größte Aufregung bescherte das Match um Platz drei, weil die Züge von Alireza Firouzja und Hikaru Nakamura mehrmals nicht erfasst wurden. Firouzja brach nach einem 1:3-Rückstand entnervt ab. Im Siegerinterview schob Nakamura die technischen Fehler irrtümlich auf die Plattform, weil er nicht wusste, dass auch andere Spiele Serverprobleme hatten.

Der zweite Platz von Denis Lazavik überraschte, da der 19 Jahre alte Minsker im klassischen Schach noch nicht unter den ersten Hundert aufscheint, doch im Onlineblitz etablierte er sich durch sein fehlerarmes Spiel unter den Besten. Gewonnen hat wie üblich Magnus Carlsen, obwohl er einen Tag gesundheitlich angeschlagen angetreten war, nachdem er morgens mit Fieber aufgewacht war. Je länger der Wettbewerb dauerte, umso mehr Partien waren pro Match vorgesehen – und je mehr Partien ein Match hatte, umso geringer waren die Chancen seiner Gegner.

Nicht nur das räumte der Fünfunddreißigjährige ein, sondern auch, dass er bewusst auf bessere Endspiele und Bedenkzeit-Vorteile spielte. Weil es, anders als etwa bei den Weltmeisterschaften im Schnell- und Blitzschach, keine zusätzlichen Sekunden nach jedem Zug gab, gaben Lazavik und andere Gegner Remisstellungen oft noch aus der Hand: unspektakulär, aber effektiv. Werbung für Schach ist das eher nicht.