Der kommende Winter könnte den Euroraum härter treffen als Dürre und Hitze
Als Ende Februar die Vereinigten Staaten und Israel Iran angriffen und die Energiepreise in die Höhe schossen, schrillten in Deutschland und in Europa die Alarmglocken. Wie so oft in den vergangenen Jahren schien eine unerwartete Krise die Hoffnung auf eine moderate wirtschaftliche Erholung zunichtezumachen. Parallelen zur Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 wurden gezogen. Doch stiegen die Energiepreise nie so stark wie Ende Februar befürchtet. Im Abstand von einigen Monaten zeigt sich nun: Deutschland und der Euroraum haben die Folgen der seit Februar weitgehend gesperrten Straße von Hormus recht gut verkraftet.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum stieg im Zeitraum von April bis Juni um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Rechnet man die oft sehr stark schwankenden Daten zur irischen Wirtschaftsleistung heraus, betrug der Anstieg des BIP im Euroraum – wie im ersten Quartal des Jahres – 0,3 Prozent. Das ist für europäische Verhältnisse eine solide Entwicklung.
In Deutschland verlief das erste Halbjahr nicht ganz so gut. Für das zweite Quartal meldet das Statistische Bundesamt vorläufig einen Anstieg des BIP um 0,2 Prozent. Die konjunkturelle Geschwindigkeit hat sich im Vergleich zum ersten Quartal halbiert. Die Schreckens- und Rezessionsszenarien, die Ende Februar noch in Umlauf waren, sind aber hierzulande nicht eingetreten. Stimmungsindikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima oder die Einkaufsmanagerumfragen für Deutschland und für Europa deuten darauf hin, dass vor allem im verarbeitenden Gewerbe die Aussichten zunehmend positiv eingeschätzt werden.
Details zu den Wachstumskräften im zweiten Quartal gibt es bislang nur in Andeutungen. In Deutschland ging es danach mit den Investitionen abwärts, der Konsum legte verhalten zu, und der Export erwies sich als treibende Kraft. Vor allem die Ausfuhr in den Euroraum, der für hiesige Unternehmen wichtiger ist als der Export nach Amerika oder nach China, legte in den vergangenen Monaten zu.
Dieser Befund passt zu der relativ robusten konjunkturellen Entwicklung im Euroraum. Nationale Daten der Eurostaaten deuten nach Einschätzung der Volkswirte von Capital Economics darauf hin, dass die Verbraucher im Euroraum im zweiten Quartal ihre Sparleistung senkten, um die höheren Energiepreise auszugleichen. Die Produktion in der Industrie und im Baugewerbe stiegen im Euroraum zuletzt stark. Das liegt in der Industrie zum Teil wohl daran, dass Unternehmen Produktion vorzogen, um später erwarteten höheren Energiepreisen auszuweichen.
Vor allem die energieintensive Industrie hielt dem Sturm stand. Ein Grund dafür war, dass die Preise für stark nachgefragte verarbeitete Ölprodukte stärker zulegten als die Rohölpreise; das bietet Anreize für mehr Produktion. Ein anderer Grund für die eher robuste Entwicklung dürfte nach Einschätzung von Oliver Rakau vom Analyseunternehmen Oxford Economics auch sein, dass der niederländische Hersteller von Maschinen für die Halbleiterfertigung, ASML, seine Produktion im Zuge des Aufschwungs der Künstlichen Intelligenz stark ausgeweitet habe.
Abhängig von der Entwicklung des Irankriegs und der Rohöl- und Gaspreise kann die Euro-Wirtschaft noch stärker getroffen werden als im ersten Halbjahr. Vorerst aber richtet sich das Interesse auf neue Konjunkturrisiken.
Die Schlagzeilen beherrscht die Dürre, die den Rhein fast unpassierbar macht und die vor allem in Spanien, Frankreich und Griechenland Waldbrände begünstigt. Doch Volkswirte erklären, dass – trotz aller persönlicher Härten für Brandgeschädigte – die volkswirtschaftlichen Auswirkungen eher gering sind.
Das liegt in Sachen Brandschäden vor allem daran, dass die bislang betroffenen Gebiete klein sowie regional begrenzt sind und keine Industrieregion betreffen, wie Rakau von Oxford Economics analysiert. Touristen, die die Brandregionen meiden, machen anderswo Urlaub, so dass gesamtwirtschaftlich keine Nachfrage entfällt. Ökonomen wie Rakau verweisen auch darauf, dass der Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur die Konjunktur in den kommenden Monaten stützen werde.
Die größten Risiken der Dürreschäden liegen im niedrigen Wasserstand im Rhein, der die Belieferung mit Energie und Rohstoffen für Anrainerunternehmen sowie den Transport von Gütern zu den Nordseehäfen erschwert und verteuert. Nach jetzigen Prognosen dürfte das Niedrigwasser bis Ende August andauern. Oxford Economics setzt für Deutschland einen BIP-Schaden von 0,2 Prozentpunkten im dritten Quartal an, andere Ökonom bis zu 0,4 Prozentpunkte. Die Fehlermargen solcher Schätzungen sind hoch.
Für den Euroraum insgesamt sieht Oxford Economics nur geringe Wachstumsschäden als Folge der Dürre und prognostiziert einen BIP-Zuwachs von 0,3 Prozent im dritten Quartal. Das wäre nur eine Delle und gefährdete die Prognose von 0,8 Prozent für das Gesamtjahr nicht ernsthaft. Das liegt auch daran, dass die Unternehmen üblicherweise einen Teil der Produktionsausfälle recht schnell aufholen.
Als größeres Konjunkturrisiko als die Dürre werten Ökonomen die Energieversorgung oder besser hohe Energiepreise. Der kommende Winter könne für die Europäische Union der härteste werden seit dem Winter 2021/2022, heißt es in einer Studie von Oxford Economics. Die Straße von Hormus bleibe faktisch geschlossen, es gebe größere Ausfälle norwegischer Gasfelder und als Folge der Dürre weniger Wasserkraft und Nuklearstrom. Die Gasvorräte in der EU lägen auf einem historisch niedrigen Stand. Die jetzigen Gaspreise liegen in etwa auf dem Niveau der für den Winter erwarteten Preise, sodass sich eine Einlagerung nicht lohnt. Alles zusammen könne das die Inflation im Euroraum gegen Jahresende auf mehr als 3,5 Prozent treiben, analysiert Oxford Economics.