EU und die Arktis: Großmachtfantasien ohne Kompass


Island, Grönland, das Nordmeer – die EU will in der Arktis geopolitisch eine größere Rolle spielen. Doch bevor Brüssel die nächste Arktis-Strategie verkündet, sollte es eine viel grundlegendere Frage beantworten: Welche Arktis meint die EU eigentlich?

Genau hier liegt das unbequeme Problem, denn Brüssel vermischt zwei völlig unterschiedliche Räume und läuft damit Gefahr, dort Einfluss zu suchen, wo es kaum welchen hat, während es seine tatsächlichen Möglichkeiten im europäischen Norden nicht nutzt.

Die Arktis ist nicht gleich Arktis

Seit Jahren produziert die EU Arktis-Papiere, die vor allem auflisten, was Europa im Norden bereits tut. Seit 2021 wird das Engagement zudem gerne als „geopolitisch“ bezeichnet. Doch was das konkret heißt, bleibt offen. Denn es gibt die europäische Arktis, zu der Schweden, Finnland, der Nordatlantik und die Barentssee gehören. Dort ist die EU ein zentraler Akteur und ihr Recht gilt direkt oder über den Europäischen Wirtschaftsraum indirekt auch in Norwegen und Island.

Darüber hinaus gibt es die sogenannte zirkumpolare Arktis, vor allem die nördlichste Weltregion im Arktischen Ozean. Die Arktis-Experten Andreas Raspotnik, Adam Stepień und Andreas Osthagen schreiben in einem Fachaufsatz in der Zeitschrift Internationale Politik Quarterly: „Die EU tritt im gesamten Arktisraum nicht als derselbe Akteur auf.“ In der zirkumpolaren Arktis sei die EU allenfalls ein Akteur zweiter Reihe. Daher müsse Brüssel vor allem dort investieren, wo es echte Hebel besitzt.

Die Autoren kritisieren vor allem die geografische Verwirrung in Brüssel. Europas geopolitische Ambitionen in der Arktis beginnen mit einer erstaunlich simplen Aufgabe: eine Karte zeichnen.

Warum die Arktis für Europa wichtig ist

Dass die Arktis für Europa immer wichtiger wird, hat mehrere Gründe. Der Klimawandel verändert die Region, zugleich wachsen ihre strategische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Bedeutung. Neben Schiffsrouten und Militär ist ein zentraler Grund für das gesteigerte Interesse Europas der Zugang zu Rohstoffen.

Europa ist für seine grüne und digitale Transformation auf kritische Mineralien angewiesen und muss sie zu großen Teilen aus anderen Weltregionen beziehen. Ausgerechnet die europäische Arktis verfügt über Vorkommen jener Rohstoffe, um die Brüssel andernorts aufwendig wirbt.

Besonders deutlich wird das in Grönland. Dort gibt es kritische Mineralien, doch daraus entsteht nicht automatisch eine sichere europäische Versorgung. Bergbauprojekte brauchen enorme Investitionen, rechnen sich erst nach vielen Jahren und sind für Anleger riskant. Gleichzeitig können etablierte Produzenten, vor allem China, neue Anbieter über den Preis unter Druck setzen.

Auch sicherheitspolitisch ist der Arktisraum längst Teil Europas. Norwegen ist Nato-Partner, wichtiger Energielieferant und liegt direkt gegenüber der russischen Nordflotte. Island kontrolliert mit seiner Lage an der GIUK-Lücke eine strategische Verbindung zwischen Nordatlantik und Arktis. Unterseekabel und andere kritische Infrastruktur machen die Region zusätzlich relevant.

Was Brüssel jetzt tun muss

Die Antwort der Experten ist deshalb kein weiteres allgemeines Strategiepapier. Brüssel braucht klare Prioritäten und konkrete Angebote. Dabei sollte die EU ihre Politik auf die europäische Arktis konzentrieren – dort, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann.

Ein Ausbau der wirtschaftlichen und militärischen Partnerschaften mit Norwegen, Grönland und Island ist zudem entscheidend. Die EU kann hier mit maritimer Überwachung in der Barentssee, Fischerei-Abkommen sowie einem gemeinsamen Rahmen für den Abbau der Rohstoffe punkten. Vor allem nach dem amerikanischen Säbelgerassel in Grönland spielt Brüssel eine neue Rolle als verlässlicher Partner. Island plant am 29. August ein erstes Referendum über die Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche zur EU.

Die drei Arktis-Experten sind sich einig: Europa braucht keine größere Arktis-Rhetorik, sondern mehr geografische Ehrlichkeit. Wer geopolitisch ernst genommen werden wolle, müsse zuerst wissen, wo er agiere.

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