Ex-Bildungsminister Blanquer zu Schulprotesten: „Frankreich steht am Scheideweg“
Stand: 06.10.2026, 14:10 Uhr
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Ex-Bildungsminister Blanquer zu den Schulprotesten im Land und der Rolle der Linken.
Die Analysen des 61-jährigen Mittepolitikers Jean-Michel Blanquer haben in Frankreich Gewicht.
Herr Blanquer, überrascht Sie die Heftigkeit der Proteste?
Nicht unbedingt. In unseren Gesellschaften herrscht unbestreitbar eine große Nervosität. Frankreich ist aber nicht das einzige europäische Land, das am Rande einer Nervenkrise steht. Die Gründe sind nicht nur hausgemacht. Die geopolitischen Spannungen und Kriege nehmen zu und die Klimaerwärmung wird immer spürbarer. Das bewirkt gewaltige Zukunftsängste. Die Gymnasiasten reagieren darauf sehr empfindlich.
Sie verlangen mehr Mittel für Schulsanierungen und mehr Lehrkräfte. Zu Recht?
In einzelnen Gymnasien schon. Andere Schulgebäude sind allerdings frisch renoviert – und die werden trotzdem blockiert. Das zu verstehen, fällt schwer. Normal ist hingegen, dass die Schüler sich beklagen, dass sie bei über 30 Grad Unterricht haben.
Und der Lehrermangel?
Auch diesbezüglich darf man nicht verallgemeinern. Es gibt Gymnasien, wo kaum ein Lehrer oder eine Lehrerin Unterricht geben will, auch wenn es an diesen „schwierigen“ Schulen Jahresprämien von bis zu 3000 Euro gibt.
Zum Beispiel im Banlieue-Departement Seine-Saint-Denis?
Ja, wie auch im ganzen Vorstadtgürtel um Paris, aber zum Beispiel auch im desindustrialisierten Norden des Landes. Die französischen Verwaltungsregionen, die zuständig sind für die Gymnasien, haben oft keine Mittel.
Viele Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hassen auch die Plattform Parcoursup, die nach dem Abitur die Weichen für die Berufsbildung stellt.
Jedes Auswahlsystem schafft Frustrationen. Die neue Onlineplattform Parcoursup, die Abiturienten aufgrund rationaler Kriterien zuteilt, ist der Sündenbock. Dabei war es früher nicht besser: Die Schulabgänger mussten in den Universitäten stundenlang Schlange stehen, um sich einzuschreiben. Später versuchte man es per Losentscheid. Damit verglichen ist das neue Parcoursup-System bedeutend egalitärer.
Verspricht Frankreich nicht zu vielen Schülerinnen und Schülern einen Abiturabschluss? Sollte man nicht eher die Berufslehre aufwerten?
Als ich Bildungsminister war, haben wir uns die Modelle in Deutschland und Österreich sehr genau angesehen. Sie haben klare Vorteile, sind aber nicht auf jeden Fall übertragbar. In Frankreich haben die Firmen Mühe, die Berufslehre einzuführen, weil sie als wenig prestigereich gilt, was auch viele Schulabgänger abhält. Immerhin gibt es in Frankreich heute drei Abiturarten, von denen zwei in die Lehre münden. Das sollten wir weiter fördern.
Frankreich versteht sich als Kulturnation, verliert aber in der Pisa-Studie an Boden. Warum?
Das ist in den meisten entwickelten Nationen so. Die Smartphones und Videospiele sind ein globales Zivilisationsphänomen, gegen das wir kämpfen müssen. Wir müssen wieder mehr Wert auf das Allgemeinwissen legen, auf die Förderung der intellektuellen Fähigkeiten und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie schlecht es darum bestellt ist, zeigt sich auch in den aktuellen Protesten, wo es keine Hemmschwelle mehr für Gewalt gibt. Unser Thinktank „Labor der Republik“ hat deshalb ein Projekt gestartet, das darauf abzielt, abgelegene oder Randregionen zu beleben. Wir versuchen, die Jugendlichen wieder der realen Welt zuzuführen und sie mit der Natur und der Kultur in Verbindung zu bringen.
Werden die Schülerproteste politisch vereinnahmt?
Ja, massiv. Vom Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon bis zu den Aktivisten des Blackblock versuchen Linksextreme, die Spannungen zu schüren und die Gesellschaft zu polarisieren. Sie wollen Chaos anrichten, und oft gelingt es ihnen, obwohl sie unter den friedlich eingestellten Gymnasiasten eine klare Minderheit sind. Aber sie wissen, sie mitzureißen.
Wie schaffen sie das?
In den Vorstädten ist die Mélenchon-Partei „Unbeugsames Frankreich“ (LFI) immer stärker verwurzelt. Wichtiger ist allerdings etwas anderes: Die Linksradikalen mobilisieren über die sozialen Medien, die alle Kategorien der Bevölkerung und der Gymnasiasten erreichen. Über die Bildschirme sprechen sie die Ängste und Sorgen der Jugendlichen sehr direkt an. Mit Hilfe von KI erzielen sie zudem einen Schneeballeffekt mit einer massiven Breitenwirkung.
Was kann die Regierung in Paris tun? Macht es die horrende Staatsschuld von 3600 Milliarden Euro nicht unmöglich, die Forderungen der Schülerinnen und Schüler zu erfüllen?
Der Staat bleibt nicht untätig. In den letzten Jahren hat er die Priorität darauf gelegt, die Grundschulen zu sanieren. Rund um Paris profitierten davon 400.000 Primarschüler. Aber eben nicht die Mittelschüler, die jetzt auf die Straße gehen. Das alles braucht Jahre. Was jetzt am Dringendsten ist: Wir müssen mit Blick auf die aktuellen Sozialproteste erkennen, dass unsere Demokratie wirklich in Gefahr ist. Denn die aktuelle politische Konstellation gab es noch nie: Bei den französischen Präsidentschaftswahlen liegen rechte und linke Extremisten vorne! Sie dürften sich den Wahlsieg streitig machen, und sie spielen sich sogar in die Hände.
Wie denn?
Jean-Luc Mélenchon weiß, dass er gegen Marine Le Pen keine großen Wahlchancen hat. Also legt er es darauf an, ein Schlamassel anzurichten, damit Le Pen gewählt wird, weil sie die Ordnung verkörpert. Doch ihre Wahl würde, wie Mélenchon kalkuliert, so massive Widerstände und Proteste auslösen, dass sie ihn schließlich doch ins Elysée bringen könnten. Dieses Spiel ist brandgefährlich. Ich glaube, Frankreich steht am Scheideweg. Diese Wahlen werden darüber befinden, ob die französische Demokratie gegen ihre Gegner bestehen kann oder nicht.

Jean-Michel Blanquer war 2017 bis 2022 Bildungsminister unter Macron. Er leitet die Denkfabrik „Labor der Republik“ und gilt als einer der prominentesten Intellektuellen Frankreichs. brä/Bild: afp