Experten warnen die NATO eindringlich: So lange braucht Russland, um für einen Angriff bereit zu sein


Experten warnen eindringlich: Der NATO bleiben im Ernstfall wenige Jahre, um sich für einen Angriff zu rüsten

Stand: 30.07.2026, 12:56 Uhr

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Russland rüstet auf und die Uhr tickt. Ein NATO-General sieht das Bündnis gerüstet, doch ob das schnell genug geschieht, ist unter Sicherheitsexperten hoch umstritten.

Einer der ranghöchsten Generäle der NATO gibt sich optimistisch: Das Bündnis sei auf ein modernes Schlachtfeld vorbereitet, wie es derzeit in der Ukraine zu beobachten ist. US-Luftwaffengeneral Alexus Grynkewich, Oberbefehlshaber der NATO-Operationen in Europa, erklärte am Rande der Farnborough International Airshow in England gegenüber Business Insider, die Allianz lerne täglich von den ukrainischen Streitkräften. Drohnenkriegsführung, elektronische Kampfführung und lückenlose Geländeüberwachung – die NATO trainiere bereits heute unter Bedingungen, die dem osteuropäischen Kriegsgeschehen nachempfunden sind.

Commander of Supreme Allied Command Europe (SACEUR) General Alexus G. Grynkewich

Supreme Allied Commander Alexus Grynkewich sieht die NATO auf einem guten Weg. © IMAGO / Anadolu Agency

Es ist eine Botschaft, die Zuversicht vermitteln soll. Doch hinter der offiziellen Lagebeschreibung zeichnen Sicherheitsanalysten und militärische Denkfabriken ein differenzierteres Bild. Taktische Lernfähigkeit auf dem Übungsplatz ist das eine – strategische und industrielle Einsatzbereitschaft das andere. Wer beide Dimensionen zusammenführt, erkennt eine Allianz, die auf operativer Ebene bemerkenswerte Fortschritte erzielt, auf struktureller Ebene aber mit Defiziten kämpft, die sich nicht durch Entschlossenheit allein beheben lassen.

Ukrainische Soldaten als Gegner: Die NATO und das „Drone Edge“-Programm

Auf dem US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern trainieren mehr als 16.000 US-Soldaten unter Bedingungen, die dem Kriegsgeschehen an der ukrainischen Ostflanke nachempfunden sind. Spezialisierte Einheiten, sogenannte Opposing Forces, werten fortlaufend Frontberichte und Daten aus sozialen Medien aus, um russische Gefechtsmuster und Grabenkriegstaktiken möglichst authentisch zu simulieren. Ukrainische Soldaten nehmen dabei inzwischen regelmäßig an NATO-Manövern teil – und übernehmen die Rolle des Gegners.

Die Ergebnisse dieser Übungen sind aufschlussreich. Bei einem Seedrohnen-Manöver vor der Küste Portugals entschied ein von ukrainischen Kräften geführtes gegnerisches Team sämtliche simulierten Szenarien gegen die Bündnispartner für sich. Bei Heeresübungen in Schweden überwältigten ukrainische FPV-Piloten die Abwehrreihen der Allianz zeitweise so nachhaltig, dass Manöver unterbrochen werden mussten, um gegnerische Gegenmaßnahmen neu zu strukturieren.

Erst nach mehrtägigem Lernprozess gelang es NATO-Verbänden, wirksame Abwehrtaktiken zu entwickeln. General Grynkewich wertet genau dies als Beleg für die Anpassungsfähigkeit des Bündnisses: „Am ersten Tag sieht die Leistung vielleicht bisher nicht besonders gut aus. Aber am sechsten oder siebten Tag haben die Soldaten der Allianz aufgeholt.“

Flankiert wird diese Ausbildungsoffensive durch das Programm „Drone Edge“, mit dem die NATO die Zahl qualifizierter Drohnenpiloten in den Mitgliedsstaaten bis Ende 2027 verfünffachen will. Standards wie mindestens 60 Stunden Intensivschulung für FPV-Piloten (der Pilot sieht durch eine Kamera in der Drohne) sind dabei verbindlich vorgesehen. Parallel fließen über Mehrjahrespläne mehr als 40 Milliarden US-Dollar in Drohnenabwehrsysteme und in beschleunigte Beschaffungsverfahren für unbemannte Systeme.

NATO Force Model: Ehrgeizige Struktur trifft auf personelle Realität

Mit dem NATO Force Model, das im Juli 2024 die bisherige NATO Response Force ablöste, vollzog die Allianz den Paradigmenwechsel zur Verteidigung jedes Zentimeters des Bündnisgebiets ab der ersten Minute. Das Modell sieht gestaffelte Bereitschaftsstufen vor:

Doch Militäranalysten verweisen auf erhebliche Umsetzungsdefizite: Die Truppenmeldungen der Mitgliedsländer decken sich häufig nicht mit den Anforderungsprofilen der NATO-Planer. Exemplarisch zeigt sich dies an der deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen, die internen Unterlagen zufolge unter erheblichem Material- und Personalmangel leidet.

Munitionslücke und das Zeitfenster für die Abschreckung Russlands

Die verletzlichste Stelle der NATO-Einsatzfähigkeit liegt in der industriellen Basis. Russland produziert schätzungsweise 4,2 Millionen Artilleriegeschosse jährlich, die NATO-Staaten und die Europäische Union zusammen kommen auf 1,2 bis 2 Millionen Schuss. Ein Großteil der neu angekurbelten europäischen Rüstungsproduktion dient dabei lediglich dazu, die an die Ukraine abgegebenen Bestände nationaler Streitkräfte aufzufüllen. Echte strategische Reserven für den NATO-Eigenverteidigungsfall werden so nicht aufgebaut.

Admiral Pierre Vandier, oberster alliierter Befehlshaber Transformation der NATO, fordert daher einen radikalen Kulturwandel: Statt bei Stau lediglich Autobahnen zu verbreitern, brauche es eine militärische Schnellspur, die Innovationen aus dem zivilen und kommerziellen Technologiesektor auf direktem Weg an die Truppe bringt.

Admiral Pierre Vandier, Supreme Allied Commander Transformation (SACT), während einer Pressekonferenz in Brüssel.

Admiral Pierre Vandier will die NATO mit Reformen zurück auf die Überholspur bringen. © IMAGO / ANP

Die zeitliche Dimension dieser Herausforderung ist unter Experten umstritten – der Trend jedoch eindeutig. Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer nannte in einer Analyse des Belfer Center der Harvard University 2029 als frühestmöglichen Zeitpunkt, zu dem Russland einen Angriff auf NATO-Territorium ernsthaft kalkulieren könnte. Baltische Geheimdienstkreise gehen laut demselben Bericht von sieben bis zehn Jahren aus.

Der Russland-Analyst Michael Kofman warnte in einer 2026 in „Foreign Affairs“ veröffentlichten Analyse, Moskau könnte seine Streitkräfte schneller rekonstituieren als unmittelbar nach Kriegsbeginn erwartet – er schätzt den Zeitraum auf fünf bis sieben Jahre nach Kriegsende. Die Bandbreite der Einschätzungen ist erheblich, die Schlussfolgerung jedoch konsistent: Das Zeitfenster für eine glaubwürdige NATO-Abschreckung ist begrenzt und läuft.

Die NATO-Gipfelbeschlüsse von Den Haag sehen entsprechend erhöhte Verteidigungsausgaben von bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2035 vor – aufgeteilt in 3,5 Prozent für klassische Kernverteidigungsausgaben wie Personal, Rüstung und Manöver sowie 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Infrastruktur wie Straßen, Brücken und Häfen. Während die Mobilisierungsstruktur der NATO im Force-Modell verankert ist, bedient sich Russland derzeit einer erheblichen moralischen Grauzone, um seine Rekrutierungszahlen stabil zu halten.