Fast 100 Jahre lang falsch bestimmt: CT-Scan enthüllt neue Krokodilart aus dem alten Ägypten


Stand: 07.10.2026, 19:45 Uhr

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Fast 100 Jahre wurde der fossile Schädel einer bekannten Krokodilgattung zugerechnet. Neue CT-Aufnahmen und Analysen zeigen nun: Er gehört zu einer bislang unbekannten Gattung.

Stockholm – Vor 45 Millionen Jahren schwammen vor der Küste des heutigen Ägypten Krokodil-Verwandte mit langen, schmalen Schnauzen. Einer ihrer Schädel überdauerte bis heute – und wurde fast 100 Jahre lang der falschen Gattung zugerechnet. Erst moderne Untersuchungen offenbarten Merkmale, die nicht zu dieser alten Einordnung passen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Wissensmagazin SMART UP NEWS

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Der Fund bekommt deshalb einen neuen wissenschaftlichen Namen: Herugavialis cairensis. Besonders ungewöhnlich ist der Fundort: Das Fossil stammt aus derselben Gesteinsformation, aus deren Kalkstein später auch die Große Sphinx von Gizeh herausgearbeitet wurde.

So könnte Herugavialis cairensis vor rund 45 Millionen Jahren ausgesehen haben

So könnte Herugavialis cairensis vor rund 45 Millionen Jahren ausgesehen haben. Im Hintergrund sind die Große Sphinx und die Pyramiden von Gizeh dargestellt. © Karim Zanaty

Wissenschaftler um Paul Burke vom Swedish Museum of Natural History untersuchten den bereits 1927 beschriebenen Schädel und weitere Fossilien neu. Mithilfe von Computertomografie machten sie auch Strukturen im Inneren des Schädels sichtbar.

Anatomische Unterschiede und eine neue Analyse der Verwandtschaftsverhältnisse sprechen dafür, dass das Tier nicht zur Gattung Tomistoma gehört, wie lange angenommen. Die Forscher ordnen es nun einer eigenen Gattung namens Herugavialis zu.

CT-Aufnahmen enthüllen ungewöhnlichen Schädel

Herugavialis cairensis gehörte zu den Gavialen, deren auffälligstes Merkmal eine lange und schmale Schnauze ist. Bei dem ägyptischen Tier machte sie schätzungsweise 64 Prozent der gesamten Schädellänge aus. Hinzu kamen besondere, nach oben gewölbte Ränder der Augenhöhlen. Auch im Inneren des Schädels fanden sich Merkmale, die Herugavialis von anderen Gavialen unterscheiden.

Für die neue Einordnung wurden zahlreiche anatomische Merkmale miteinander verglichen. Besonders aussagekräftig waren:

Vor 45 Millionen Jahren bedeckte ein warmes Meer Teile des heutigen Ägypten

Die Fossilien stammen vom Gebel Mokattam östlich von Kairo. Dort tritt die Mokattam-Formation zutage, ein mariner Kalkstein aus dem mittleren Eozän. Die Landschaft hatte damals wenig mit dem heutigen trockenen Ägypten gemeinsam. Flache Meeresgebiete erstreckten sich über große Teile der Region.

In diesen Gewässern lebten mehrere Gavial-Arten. Anders als ihre heute lebenden Verwandten waren die ausgestorbenen Formen nicht auf Süßwasser beschränkt. Viele bewohnten Küsten und flache Meeresgebiete. Fossilien und frühere Untersuchungen sprechen dafür, dass manche von ihnen auch im offenen Meer größere Distanzen überwinden konnten.

Gaviale breiteten sich rund ums Mittelmeer aus

Die Vielfalt war beträchtlich. Für das Paläogen sind im Mittelmeerraum mindestens sechs Gavial-Arten bekannt. Ihre Überreste wurden unter anderem in Ägypten, Marokko und Italien gefunden. Auch Herugavialis cairensis gehörte zu dieser vielfältigen Krokodilfauna.

Millionen Jahre später lebten erneut mindestens sechs Gavial-Arten in der Mittelmeerregion. Ihre Fossilien stammen aus Nordafrika und mehreren Teilen Europas. Eine Art ist sogar aus dem Gebiet des heutigen Österreich bekannt.

Abkühlung ließ Lebensräume verschwinden

Zwischen diesen beiden Phasen klafft eine auffällige Lücke. Aus einem Großteil oder möglicherweise dem gesamten Oligozän sind bislang keine Gaviale aus dem Mittelmeerraum bekannt. In dieser Zeit kühlte sich das globale Klima ab, zugleich sank der Meeresspiegel. Warme Küsten- und Flachwassergebiete wurden dadurch kleiner.

Ob dieser Wandel die Gaviale tatsächlich aus dem Mittelmeer verdrängte, lässt sich nicht eindeutig belegen. Auch Lücken im Fossilbericht könnten eine Rolle spielen. Die zeitliche Übereinstimmung spricht jedoch dafür, dass der Verlust geeigneter Lebensräume zu ihrem Rückgang beigetragen haben könnte. Als Temperaturen und Meeresspiegel später wieder stiegen, erreichten Gaviale im Miozän erneut eine größere Vielfalt.

Salinitätskrise setzte Krokodilen später stark zu

Doch auch diese zweite Blütezeit endete. Gegen Ende des Miozäns ging die Vielfalt der Krokodile im Mittelmeerraum zurück. Noch vor Beginn des Pliozäns waren sie aus der Region verschwunden. Als mögliche Ursache gilt die Messinische Salinitätskrise vor rund sechs Millionen Jahren.

Damals wurde der Wasseraustausch zwischen Atlantik und Mittelmeer stark eingeschränkt. Der Meeresspiegel sank, Salz lagerte sich in gewaltigen Mengen ab und die Lebensräume veränderten sich. Ob die Salinitätskrise unmittelbar für das Verschwinden der Krokodile verantwortlich war, bleibt offen. Sie fällt jedoch in jene Zeit, in der ihre Spuren aus dem Mittelmeerraum verschwinden.

Große Sphinx und Krokodil teilen dasselbe Gestein

Die Verbindung zur Großen Sphinx reicht dagegen viel weiter zurück als das Monument selbst. Die berühmte Figur von Gizeh wurde aus Kalkstein der Mokattam-Formation herausgearbeitet. Aus derselben geologischen Formation stammen auch die Fossilien von Herugavialis cairensis. Das Gestein entstand Millionen Jahre, bevor Menschen in Ägypten die ersten Pyramiden errichteten.

Auch der Name Herugavialis nimmt Bezug auf die Sphinx. „Heru“ ist eine Bezeichnung für den ägyptischen Gott Horus. Er wird mit der Großen Sphinx in Verbindung gebracht und könnte nach Angaben der Wissenschaftler eine Inspiration für das Monument gewesen sein.

Hinzu kommt eine auffällige Gemeinsamkeit. Dem untersuchten Holotyp fehlt der vordere Teil seiner Schnauze. Die Große Sphinx wiederum hat ihre Nasenspitze verloren. Diese Parallele griffen die Wissenschaftler bei der Wahl des Gattungsnamens ausdrücklich auf.

Kurz zusammengefasst: