Literatur als Fetisch: Sind Bücher und Lesen neuerdings hot?


Menschen, die mit Büchern arbeiten, die also, nimmt man zumindest an, einigermaßen viel lesen, tun das gern betont desinteressiert: Ach, Bücher! Mehr Last als Liebe. Kürzlich gestand der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in seiner Biographie „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“, dass er im Grunde nicht gern lese, ja kaum ein Buch je beendet habe. Ganz egal können solchen Leuten Bücher aber nicht sein, lassen doch auch sie sich lieber vor ihrer Bibliothek interviewen als am Küchentisch.

Offen zur Schau getragene Leidenschaft für das Objekt Buch sieht man heute hingegen bei Leuten, denen es viele nicht zutrauen: hippen, hotten und berühmten Angehörigen der GenZ. „Der Aufstieg der ‚hot literati‘: Wie Lesen sexy wurde“ war erst vor einigen Tagen im „Guardian“ zu lesen. Es ging um Buchclubs von Stars wie der Sängerin Dua Lipa oder dem Model Kaia Gerber, um Buchaccessoires wie die „Ulysses“-Tasche von Dior oder Buchanhänger der Taschenmarke Coach. „Geliebte literarische Werke“, so heißt es auf der Website des Penguin-Verlags, mit dem Coach kooperierte, werden „in einen tragbaren Ausdruck der eigenen Individualität verwandelt“. Im dazugehörigen Werbespot sieht man unter anderem die Schauspielerin Elle Fanning, die in einer Bibliothek aus ledergebundenen Büchern völlig in Jane Austens „Sense and Sensibility“ versinkt.

Dürfen Bücher Accessoire sein?

Lesen ist nun also nicht mehr nur auf Booktok in. Das gefällt, trotz all der Klagen über den kulturellen Niedergang, auch wieder nicht allen. Ein Buch als Accessoire? Pfui! Und: Muss man denn hot sein, um Lesen sexy zu machen? Schon vor zehn Jahren fragte der ABC-Journalist Dan Harris angesichts des immer noch erfolgreichen und sehr lustigen Instagram-Accounts „Hot Dudes Reading“: „Sollte uns das in Hinblick auf den Zustand unserer Kultur Mut machen – oder ist das ein Zeichen der bevorstehenden Apokalypse?“

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Etwas übertrieben ist die Debatte ja angesichts der Tatsache, dass Bücher schon immer auch Accessoire waren. Anfang der 1940er-Jahre schrieb der Schriftsteller Flann OʼBrien in einer Kolumne in der „Irish Times“, es brauche eine „Book Handling Agency“, die Bücher für diejenigen mit Gebrauchsspuren versehe, die nur mit ihnen angeben, sie aber gar nicht lesen wollten. Solch eine Agentur eröffneten, in ironischer Anlehnung an O’Brien, kürzlich ein paar Buchmenschen um die Zeitschrift „Cabinet“ an einem Abend in einem Neuköllner Hinterzimmer. Hier konnte man, gegen kleines Geld, ungelesene Bücher mit Weinflecken, Leserillen oder klugen Anmerkungen versehen lassen.

Ein bisschen lustig war das deshalb, weil offensichtliche Lesespuren bei einer anderen Gruppe von Lesern, bei Booktokern, ja momentan eher verpönt sind. Die KI, erzählte eine 14-Jährige kürzlich, habe sie zuletzt genutzt, um herauszufinden, wie man die Leserillen im Buchrücken eben wieder wegbekomme. (Bügeln, sagte die KI, was die 14-Jährige sich dann aber doch nicht traute.) Während die einen Bücher also als eine Art Heiligtum behandeln, dem man die Spuren des Lesens ja nicht ansehen soll, folgt die Kaffeeflecken-Fraktion einem anderen Ansatz, irgendwo zwischen betont lässigem „Ist doch nur ein Buch“ und der gleichzeitigen Demonstration, dass Bücher so Teil des Alltags sind wie die Spuren, die sich in ihnen finden.

Vielleicht ist die Frage, ob das Lesen nur performativ ist oder nicht, ob die Schlauberger ihren Joyce tatsächlich kennen, die hippen Leserinnen es wirklich ernst meinen, auch gar nicht so relevant. Auf der Internetseite „Hot Literati“, einer Community im Netz und jenseits davon, ist zu lesen: „Nutz diese Seite, um hotter, klüger, interessanter und interessierter zu werden.“ Das kann man als Mittel zum Datingzweck sehen. Aber wenn man bedenkt, was viele Menschen sonst so tun, um hot zu sein (Botox ab 20, Kiefer zertrümmern), ist ein zur Schau getragenes Buch als Sexsymbol wirklich nicht das Allerschlimmste.