Historiker Götz Aly: „Das klingt ein bisschen nach Nürnberger Rassegesetzen“
Herr Aly, Ihr jüngstes Buch über den Nationalsozialismus erregt noch immer viel Aufsehen, und viele Menschen wollen gerade wissen, ob ihre Vorfahren in der NSDAP waren. Weil sie fürchten, wir könnten so etwas erleben wie ein neues 1933?
Mit Putin, Trump und dem Vormarsch politischer Heilsversprechen schwindet die Gewissheit, dass wir ein für alle Mal in der besten aller Regierungsformen leben. Zudem ist es fraglich geworden, ob es unseren Enkeln noch so gut gehen wird wie uns. Was die NSDAP-Vergangenheit betrifft, lasse ich meinen Mitläufer-Vater durch das Buch spazieren. Auch das spricht viele an, ich bekomme die erstaunlichsten Mails.
Inwiefern?
Da fragen mich Leute: „Huch, mein Opa steht in der NS-Kartei. Ich gehöre einer Täterfamilie an. Was soll ich tun?“ Meine Antwort: Insoweit gar nichts. Fast alle Deutschen, die hier seit mehr als vier Generationen leben, haben Nazis unter ihren Vorfahren. Wobei eine NSDAP-Mitgliedschaft wenig aussagt. Nehmen Sie die riesigen Kolonnen sowjetischer Kriegsgefangener, die bei glühender Hitze buchstäblich in den Tod getrieben wurden. Daneben radelten ältere deutsche Soldaten und erschossen alle, die zusammenbrachen, im Straßengraben. Dafür musste man nicht in der NSDAP sein. Das gilt auch für die meisten Deutschen, die von der Enteignung der Juden und der Ausplünderung besetzter Länder profitiert haben.
Sie betonen die ökonomischen Aspekte der NS-Diktatur, von der viele Deutsche zumindest eine Zeit lang profitierten. Da gab es anfangs viel Widerspruch, nach dem Motto: Der böse Kapitalismus war doch schuld!

Dieser Widerspruch ist geschwunden. Die herrschende Lehre lautete jahrelang: Das lag alles an „der“ Nazi-Ideologie. Aber dieser Begriff vernebelt die konkreten Herrschaftstechniken. Der Ökonom Wilhelm Röpke hat die wirtschaftliche Dynamik früh durchschaut, ihm war klar: Hitler muss Krieg führen, um seine Rekordschulden zu refinanzieren. Gern wird übersehen, wie auch die Wohlhabenden publikumswirksam zur Kasse gebeten wurden: Ein erheblicher Teil der Dividenden musste seit 1934 in zehnjährige Staatsanleihen angelegt werden, die Körperschaftsteuer wurde verdoppelt, Kriegssteuern hatten die oberen 15 Prozent zu entrichten, alle anderen blieben verschont.
Das war populär?
Natürlich! Früher hat man mir „Primitiv-Materialismus“ vorgeworfen und sich mit der Behauptung vom angeblich charismatischen Führer solide sozialgeschichtliche Analysen erspart. Hitler hat sich mit sozialen Wohltaten beliebt gemacht. Viele dieser Gesetze sind heute noch in Kraft: Erst seit 1941 sind Rentner krankenversichert, seit 1942 sind alle Arbeitnehmer unfallversichert, nicht nur die, die in besonders gefährlichen Berufen arbeiten, einschließlich des Arbeitswegs. Warum hört man das nicht in den Lobeshymnen über den deutschen Sozialstaat? Um davon abzulenken, dass die Nationalsozialisten auch nur mit Wasser gekocht haben – mit einem politischen Wasser, das heute noch funktioniert.
Sie zitieren Wilhelm Röpke sehr ausführlich. Hatte man als Ökonom bessere Voraussetzungen, das System zu durchschauen?
Als liberaler Ökonom durchaus. Die marxistische Theorie, der Nationalsozialismus sei im Wesentlichen eine Diktatur des Finanzkapitals gewesen, ist Unsinn. Dagegen dokumentieren die sozialdemokratischen Berichte über die Stimmungslage im Hitlerreich die ambivalente Haltung der Arbeiterschaft realistisch: Wir sind keine überzeugten Nationalsozialisten, hegen aber Hoffnungen auf sozialen Ausgleich, eine bessere Zukunft und Nivellierung der Klassenschranken.
Kamen die Nationalsozialisten durch die Ausschaltung der Marktkräfte auf eine schiefe Ebene, auf der immer schärfere Eingriffe nötig wurden?
Es handelte sich um ein staatsinterventionistisches System, das vorschrieb, welche Unternehmen zusammengelegt werden mussten und was sie zu produzieren hatten, welche Rohstoffe und Devisen ihnen zugeteilt wurden oder nicht. Der Schwerpunkt lag seit 1935 auf der Produktion von Waffen, devisenschonender Autarkie und Ersatzrohstoffen.
Auch heute wollen wir Europa von Ländern wie China oder den USA unabhängiger machen, was kritische Rohstoffe und Produkte betrifft.
Anders als heute wäre Hitler nicht dazu gezwungen gewesen. Er hätte sagen können, wir wollen eine offene Handelspolitik – er aber wollte Krieg.
Autarkiepolitik kostet Wohlstand, egal aus welchen Motiven?
Man muss den Gürtel enger schnallen. Heute aus besseren Gründen als damals. Vielen Deutschen scheint noch nicht klar zu sein, dass sie nicht alles gleichzeitig haben können: China zum Systemrivalen erklären, Putin in Schach halten, auf sein Gas verzichten, und dennoch sämtliche Sozialleistungen und Subventionen zu hüten wie das Goldene Vlies.
Hitler, sagen Sie, konnte seine Staatsausgaben nur durch Krieg refinanzieren. Wie werden wir unsere heutigen Rekordschulden wieder los?
Selbst der prinzipienfeste Liberale Wilhelm Röpke forderte von der Regierung Brüning 1931 eindringlich, Schulden aufzunehmen, um das politische und soziale Gehäuse der Republik zu retten. Roosevelt hat solche Empfehlungen damals in die Tat umgesetzt, um die Arbeitslosen von der Straße zu holen und die Abwärtsspirale der Krise in einen Aufwärtstrend umzukehren. Aber die Schuldenaufnahme blieb im Rahmen, blieb refinanzierbar. In Deutschland lavierte Hitler sehr bald am Staatsbankrott entlang. 1934 erklärte er den Reichshaushalt zur Geheimsache. In den folgenden elf Jahren sprach öffentlich niemand über Haushaltslöcher. Das empfanden die Leute als höchst angenehm. Die Inflation wurde mit Lohn- und Preiskontrollen und harten Strafen gegen Verstöße zurückgestaut und die Geldentwertung im Krieg räuberisch ins besetzte Ausland verlagert.
Die Schulden, die wir jetzt für die Aufrüstung machen, sind eher mit den Anleihen zu vergleichen, mit denen Großbritannien und die USA den Krieg gegen Hitlerdeutschland finanziert haben?
Wenn es denn Anleihen wären! Wenn die Deutschen denn bereit wären, dem Staat für die Zukunft des Landes und für die Verteidigung längerfristig Geld zu günstigen Bedingungen zu leihen! Das ist klassenübergreifend nicht der Fall. Im Zweiten Weltkrieg haben Amerikaner und Briten, auch ärmere Kreise, ihr Geld dem Staat langfristig geliehen, um den Sieg gegen den Aggressor Hitlerdeutschland zu unterstützen. Dagegen haben sich Hitler und Mussolini nicht getraut, Kriegsanleihen aufzulegen.
Sie sprachen von Hitlers Wohltaten. Müssen Demokratien das auch machen, um Zustimmung zu erhalten?
Heute sind wir in einer ganz anderen Situation: Wir müssen den Sozialstaat verschlanken, der an allen Ecken und Enden Fett angesetzt hat, ebenso die riesenhaften, sich gegenseitig blockierenden Verwaltungsapparate. Unsere Regierungen stehen vor der Schwierigkeit, das Prinzip „Weniger verhilft uns allen zu einer besseren Zukunft“ gegen ein verwöhntes Volk und gegen eine in manchen Teilen nurmehr habgierige Oberschicht durchzusetzen. Das war bei Hitler ganz anders. 80 Prozent der Bevölkerung litten 1932 extreme Existenznot. Darauf reagierte er mit simplen und für ihn politisch zielführenden Maßnahmen: Er stoppte Zwangsräumungen und Pfändungen, halbierte die Zuzahlung beim Arzt und für Arzneimittel. Dann senkte er noch den Bierpreis um zehn Prozent. Das wirkte zuverlässiger als der heutige Gastro-Steuerrabatt, den die Wirte für sich einbehalten. Aber für das Schicksal der Demokratie war ein anderer Punkt entscheidend.
Und zwar?
Die Parteien der demokratischen Mitte, also SPD, Zentrum und die beiden liberalen Parteien, die die Weimarer Republik durch schwere Zeiten gelotst hatten, zerlegten sich pünktlich mit Beginn der Weltwirtschaftskrise.
Sie meinen den Bruch der Großen Koalition 1930?
Ja. Allerdings gab es schon vorher ein paar Merkwürdigkeiten, insbesondere die Reichspräsidentenwahl 1925. Damals stimmten die KPD und die CSU-Vorgängerin Bayerische Volkspartei in objektiver und bewusster Kooperation gegen den konservativ-liberalen Zentrumspolitiker Wilhelm Marx und ermöglichten so den äußerst knappen Sieg Hindenburgs. Markus Söder warnt nicht selten vor einem neuen 1933, er sollte sich stattdessen gründlich mit der Reichspräsidentenwahl von 1925 beschäftigen. Dennoch halte ich es für falsch, alle Schuld auf Hindenburg zu schieben. Das ist ein fauler Trick, um von der Verantwortung der Wählerschaft abzulenken: Bei den beiden Reichstagswahlen von 1932 stimmten knapp 60 Prozent der Deutschen gegen die Republik – die Wählerinnen und Wähler der NSDAP, der KPD und der Deutschnationalen Volkspartei.
Was sollten die Parteien der Mitte denn machen?
Sie müssen sich offen und klar gegen das allgemein verbreitete Besitzstandsdenken stellen. Egal was die Regierung an notwendigen Reformen ins Werk setzen möchte, immer maulen Ärztefunktionäre, Pharmaunternehmen, Gewerkschaften, Sozialverbände, Kulturschaffende und Subventionsempfänger aller Art. Alle zusammen behaupten sie in schriller Kakophonie: Morgen breche alles zusammen, sofern die eine oder andere dieser Lobbygroßgruppen auch nur drei Prozent weniger vom großen Kuchen abbekommen sollte. Auf diese Weise befördert nicht „die Politik“, sondern befördern wir Deutsche das Land in den Ruin. Würden Sie uns regieren wollen?
Vielleicht sollte die Regierung nicht so schnell nervös werden.
Gesundheitsministerin Nina Warken hat ihre Reform immerhin recht cool durchgezogen. Diese Adenauers, Schmidts und Schröders, die an bestimmten Punkten einfach gesagt haben: Das mach ich jetzt, da könnt ihr protestieren, solange ihr wollt! Es muss sein! Solche Leute brauchen wir.
Der heutigen Regierung sitzt aber eine AfD im Nacken, die ein Rentenniveau von 70 Prozent verspricht.
Hitler verdanken wir das Kindergeld, den gesetzlichen Anspruch auf Urlaub und bezahlte Feiertage, steuer- und sozialabgabenfreie Feiertagsarbeit – auch mithilfe solcher Gesetze und eben nicht nur mit Terror ermöglichte er seine Politik des Verbrechens. Heute fordert die AfD nicht nur phantastische Rentenerhöhungen. In Sachsen-Anhalt verspricht sie, dass das Schulessen kostenlos sein wird, ebenso der Kindergarten. Wer soll das alles bezahlen? Ferner soll es noch ein Begrüßungsgeld für Neugeborene geben, sofern mindestens ein Elternteil deutscher Staatsbürger ist. Das klingt ein bisschen nach Nürnberger Rassegesetzen. Diese identitär-nationalistischen Obsessionen und gekünstelte Deutschtümelei führen ins Nichts.
Es gab die AfD-Veranstaltung mit dem Kabarettisten Uwe Steimle …
…, der darüber schwadronierte, Angela Merkel „an die Wand zu stellen“, und bezogen auf Bundeskanzler Merz locker-flockig in die Versammlung hinein fragte: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht.“ Besonders interessant erscheint mir, wie das Parteivolk im überfüllten Saal daraufhin gewaltfreudig johlte und wie einige AfD-Anführer hämisch grinsten, insbesondere Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat von Sachsen-Anhalt. Statt sich nur auf den ehemals linken Kabarettisten Steimle einzuschießen, sollte vor allem die frenetischen Beifallsreaktionen des Publikums, das Schweigen und die nonchalanten Ausflüchte der AfD-Spitzen in Berlin und in den Landesverbänden systematisch dokumentiert werden. Zwar lassen sich diese Reaktionen nicht per Strafgesetzbuch ahnden, aber in der Summe festigen sie die juristischen Grundlagen für ein AfD-Verbot – ganz ohne Verfassungsschutz.
Sind Sie für ein solches Verfahren?
Dieses interaktive Spektakel zwischen Redner und Publikum, dieses verächtliche halb witzig, halb zynische Herabwürdigen des politischen Gegners, kombiniert mit dem Wachkitzeln von Gewalt- und Mordphantasien, das beherrschten Hitler und Goebbels aus dem Effeff. Bisher habe ich ein AfD-Verbot abgelehnt. Seit besagter AfD-Wahlveranstaltung, die am 14. Juli im Congresscenter Dessau-Roßlau über die Bühne ging und den Saal in orgiastischen Beifallstaumel versetzte, beginnt sich meine Meinung merklich zu ändern.