Sturzflut in Nepal: 13-jähriger Sushant wurde mitgerissen und überlebte knapp
Aktualisiert2. September 2026, 08:59
Im KatastrophengebietFlut riss Sushant (13) mit, nun sucht er im Dreck nach Wertsachen
Die Flut hat Mina Lama Tamang und ihrer Familie alles genommen. Ihr Adoptivsohn Sushant überlebte nur knapp – und durchkämmt jetzt den Schlamm in der zerstörten Stadt Bidur.


Darum gehts
- Der 13-jährige Sushant Tamang überlebte die Sturzflut in der nepalesischen Stadt Bidur nur knapp – er war auf dem Schulweg, als er mitgerissen wurde.
- Seine Adoptivmutter Mina Lama Tamang (41) wartete zwei Tage auf ein Lebenszeichen. Von Sushants Schulfreund fehle bis heute jede Spur.
- Die Familie hat alles verloren und erhält laut eigenen Angaben kaum Hilfe.
In der Stadt Bidur trifft 20 Minuten Mina Lama Tamang (41). Ihr Neffe Sushant Tamang, um den sie sich seit dem Tod von dessen Mutter kümmert, spielt gerade mit einem der vielen Streuner im Schlamm, der einen grossen Teil der Ortschaft bedeckt. Die Frage, ob er denn keine Angst habe, einzusinken, verneint er mit einem Lächeln im Gesicht. «Ich suche im Schlamm nach Wertsachen», erklärt der 13-Jährige. Gefunden habe er bisher nicht viel – aber einen menschlichen Fuss habe er gesehen, berichtet er.
«Als die Flutwelle kam, war er auf dem Schulweg und wurde mitgespült», erzählt Mina. Zwei Tage lang habe sie auf ein Lebenszeichen von ihm warten müssen. «Ich dachte, ich hätte mein Kind verloren.» Von einem Schulfreund, mit dem Sushant unterwegs war, fehle bis heute jede Spur. Dass er sich jetzt trotz dieses Erlebnisses in die Schlammmassen traue, sei seine Art, mit dem Trauma umzugehen, so seine Tante und Adoptivmutter.

«Ging nicht davon aus, dass Flutwelle so gross wird»
Mina selber war zum Zeitpunkt der Katastrophe am Kochen. «Auf der Strasse über dem Haus hörte ich, wie Beamte vor einer Flutwelle warnten. Aber da wir uns hier an regelmässige Fluten gewöhnt sind, ging ich davon aus, dass sie nicht so gross sein wird.» Dann habe die Erde angefangen zu beben. «Ich dachte erst, es sei ein Erdbeben, dann sah ich eine riesige Welle das Tal herunterkommen.»
Schnell habe sie ihren Mann geweckt und sei gemeinsam mit den restlichen Familienmitgliedern, die ebenfalls in dem Haus leben, die Böschung hoch geflohen. «Das Untergeschoss, in dem mein Mann schlief, wurde vollständig von der Flutwelle erwischt.» Sechs Tage nach der Katastrophe ist der unterste Stock noch immer mit Schlamm vollgestopft, die Türen hängen schief, gerade noch so in den Angeln. Mina habe mitansehen müssen, wie nur einige der Bauarbeiter das ehemalige Gefängnis nebenan rechtzeitig hätten verlassen können. Sie hätten das Gebäude gerade renoviert. «Bis auf wenige Mauern wurde es komplett weggeschwemmt – und mit ihm die restlichen Arbeiter.»

«Wir müssen betteln, damit wir genug bekommen»
Die Flutwelle habe viele ihrer Besitztümer weggespült. «Wir haben alles verloren.» Im Moment versuchten sie, einige ihrer Wertgegenstände aus dem überschwemmten Untergeschoss zu bergen. Die Gebrauchsgegenstände, die sie wiedergefunden haben, liegen nun völlig verdreckt im Garten. «Niemand hilft uns dabei. Wir sind komplett auf uns allein gestellt», klagt Mina. Auch die Suche nach Hilfsgütern funktioniere noch nicht gut. Beim Verteilzentrum in ihrem Distrikt erhielten sie nur etwas Nudeln und Trinkwasser. «Wir müssen betteln, damit wir genug bekommen.»
Freiwillige Helfer in Bidur

Während Mina über die Organisation der Hilfe durch die lokalen Beamten enttäuscht sei, sagt sie, dass Freiwillige, Studenten und andere Gruppen immerhin Hilfe anbieten würden. Das wollen auch Santos Bk (35) aus Nawalparasi und sein Priesterkollege Nabin Baniya (35) aus Kathmandu sowie ihr Begleiter Amon Baniya (19). «Unsere Brüder haben eine schwere Zeit, wir wollen helfen», sagt Nabin in Bidur gegenüber 20 Minuten. «Wir haben für die Opfer gebetet und Spenden gesammelt.» Jetzt wollten sie die Ortschaft besuchen, um einen Plan zu machen, wie sie den Menschen Hilfsgüter bringen könnten. «Eigentlich wollen wir morgen mit den Lieferungen anfangen, aber wir warten noch immer auf die Bewilligung durch die örtlichen Behörden.»
Auf der Suche nach Reis und etwas Geld habe sie es im Nachbarsdistrikt versucht – erfolglos. «Sie wiesen mich ab.» Sie verstehe nicht, wie man so mit ihnen umgehen könne, nach allem, was sie durchmachen mussten. «Ich wäre lieber gestorben, als so zu leben.» Dann steigen ihr die Tränen in die Augen. «Wenn es schon für uns so schlimm ist, wie muss es dann für die Menschen sein, die noch immer ihre Nächsten vermissen? Wieso muss unser Land so getroffen werden?»

Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.

Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.