Forschung: Experten warnen vor katastrophalen Folgen von Datenabfluss
Forschung: Experten warnen vor katastrophalen Folgen von Datenabfluss
Die TU München scheut nicht die Nähe zu militärnahen Forschungseinrichtungen in China und Russland. Experten warnen Firmen vor einer Zusammenarbeit ohne vorherige Sicherheitsprüfung.
Eingang der TUM: Kooperationen gerade im Rüstungsbereich können zum Sicherheitsproblem werden. Foto: IMAGO/Zoonar
Berlin. Angesichts kritischer Verbindungen der Technischen Universität München zu militärnahen Universitäten in China sowie nach Russland, warnen Experten Unternehmen davor, ohne sorgfältige Risikoprüfung mit der Hochschule zusammenzuarbeiten.
Es bestünde „eine nachrichtendienstliche Schwachstelle, deren sich Partner aus dem Verteidigungssektor bewusst sein müssen“, sagte Jennifer Hanley-Giersch, Managing Partner der Beratung Berlin-Risk, dem Handelsblatt.
Auf generelle Spionagerisiken für Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Bayern weist auch der Verfassungsschutz hin. Die Aktivitäten insbesondere chinesischer Nachrichtendienste konzentrieren sich demnach auf Forschungsfelder mit hohem strategischem, wirtschaftlichem oder sicherheitspolitischem Wert, darunter Luft- und Raumfahrt. „In vielen Fällen handelt es sich um sogenannte Dual-Use-Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch einsetzbar sind“, teilte das zuständige Landesamt dem Handelsblatt mit.
Wissenschaftsminister äußert sich nicht
Die TU München sieht kein Problem. „Bei solchen Konferenzen wird eine Reihe von verschiedenen Themen behandelt“, sagte ein Sprecher dem Handelsblatt. Die Beiträge der TU seien „nicht-militärischer Natur“ gewesen.
Die Uni arbeitet seit vielen Jahren mit der SJTU zusammen. Im April haben beide eine Drohnenkooperation verkündet. Auch die, hieß es von der Uni, habe zivilen Charakter. Doch die Technologie kann auch militärisch eingesetzt werden – Dual Use.
Im Februar hatte die TU zudem eine „Security and Defense Alliance“ ins Leben gerufen. Unterzeichnet haben diese Allianz neben TU-Präsident Thomas Hofmann und Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) auch 15 Unternehmen, vor allem aus der Rüstungsindustrie.

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Die Berater von Berlin Risk sehen Klärungsbedarf. Das Unternehmen unterstützt Kunden, gesetzliche Anforderungen und Compliance-Regeln einzuhalten. „Unternehmen, die an diesen sensiblen Verteidigungsprojekten arbeiten, müssen darauf vertrauen können, dass ihre Forschungspartner verlässlich sind“, sagte Hanley-Giersch. „Ein Datenabfluss könnte sowohl für die Reputation als auch rechtlich katastrophale Folgen haben.“
Laut Henley-Giersch würden manche Forschungsprojekte in Unternehmen ausgegründet, anschließend mit Wagniskapital finanziert und zu größeren Unternehmen aufgebaut, die für die europäische Souveränität von Bedeutung seien: „Es geht hier also nicht nur um akademische Forschung, sondern häufig um die Grundlage technologischer Innovationen, die später in die Industrie überführt werden.“
Für Hanley-Giersch lautet die zentrale Frage, ob die Uni „beide Bereiche wirksam und sicher voneinander abschotten kann“. Zum einen die Kooperation mit China, zum anderen die Kooperation mit der Industrie. Ebenso sei denkbar, dass russische Vertreter über die Verbindung zur Shanghai-Uni – ohne Wissen der TU – Zugang zu den relevanten Projektarbeiten erhalten haben, sagte Hanley-Giersch.
Wissenschaftsminister Blume wollte sich nicht äußern. Er ließ ausrichten, Fragen dazu beträfen „Angelegenheiten der Technischen Universität München und fallen in deren Zuständigkeit“.
Unternehmen reagieren reserviert
Die beteiligten Unternehmen reagierten reserviert. Eine Sprecherin von Rhode und Schwarz verwies darauf, dass es noch keine konkreten Forschungsvorhaben gebe. „Grundsätzlich gilt: Wir sind fortlaufend im engen Austausch mit allen relevanten deutschen Sicherheitsbehörden, berücksichtigen alle entsprechenden Empfehlungen vollumfänglich und passen unsere Maßnahmen fortlaufend an.“
Andere Unternehmen wie Helsing wollten sich nicht äußern. Das Unternehmen wirbt mit dem Slogan: „Aus Europa für Europa.“

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Beim Triebwerkshersteller MTU hieß es, Forschungskooperationen und strategische Partnerschaften mit wissenschaftlichen Einrichtungen seien „ein etablierter Bestandteil“ der Technologie- und Innovationsstrategie. Die dazu getroffenen Vereinbarungen verpflichteten „alle Beteiligten dazu, stets im Einklang mit den geltenden gesetzlichen, regulatorischen und unternehmensinternen Vorgaben zu handeln“. Dies gelte für die bisherige Zusammenarbeit mit der TU München wie auch bei der Beteiligung an der neuen Allianz.
MTU betonte, es habe keine Zusammenarbeit mit Professor Holzapfel stattgefunden und finde auch nicht statt, „da sein Fachgebiet außerhalb unseres Themenspektrums liegt“.
Der Professor und seine Unternehmensverbindungen
Holzapfel ist indes durchaus mit der Industrie verbunden, auch mit Partnern der Security and Defense Alliance. So war er einst bei der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH (IABG), ein Hightech-Dienstleistungsunternehmen mit Sitz in Ottobrunn bei München. Es bietet Analysen, Tests und Simulationen unter anderem für die Branchen Luft- und Raumfahrt sowie die Verteidigung an.

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Holzapfel ist laut Firmendatenbank Openregister ebenfalls an der Aerolus GmbH beteiligt. Sie entwickelt innovative Flugsysteme und wird von der Bundesagentur für Sprunginnovationen gefördert.
Das Allianz-Partnerunternehmen Airbus verwies an die Universität, ebenso SAP. Dort hieß es: „SAP hält sich vollumfänglich an sämtliche anwendbaren Sanktions-, Exportkontroll- und außenwirtschaftsrechtlichen Vorschriften sowie alle weiteren relevanten gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen in den Ländern, in denen das Unternehmen tätig ist.“
Unternehmen haben Angst, in Schwierigkeiten zu geraten
Aus Sicht von Berlin Risk bestehen „erhebliche Zweifel“, ob eine organisatorische Abschottung tatsächlich funktioniert. Es sei zu hinterfragen, wie sich etwa Personen, die im deutschen und europäischen Verteidigungssektor tätig sind, mit denjenigen abstimmen, die an der Zusammenarbeit mit der SJTU beteiligt sind. „Und wie kommunizieren sie miteinander?“, lautet eine Frage der Berater, die bei sicherheitsrelevanten Posten auch als Background-Checker agieren.
Der Uni-Sprecher erklärte, Holzapfel habe „keinerlei Funktion oder laufende Projekte“ in der Allianz.
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AirbusDie vielen Unklarheiten beunruhigen Unternehmen. Bereits 2024 gaben zwei von drei Mitgliedsunternehmen des Verbands der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in einer Befragung an, dass die öffentlich finanzierte Wissenschaft zu freizügig mit in Deutschland generiertem Wissen umgehe. „Dieser Anteil dürfte sich seitdem erhöht haben“, sagte Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands, dem Handelsblatt.
Die anwendungsnahe Forschung sei für Europas technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit von existenzieller Bedeutung. Daher forderte Rauen: „Wir brauchen jetzt dringend allgemeine und verbindliche Leitplanken für Forschende und Wissenschaftseinrichtungen.“

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