Putschversuch in der Türkei 2016: „Geschenk Gottes“ für den Präsidenten, Albtraum für Tausende
FR-üh dran: Putschversuch in der Türkei 2016 – Erdoğans Triumph, Albtraum für Tausende
Stand: 15.07.2026, 06:17 Uhr
Kommentare

Heute jährt sich der Putschversuch in der Türkei zum zehnten Mal. Lesen Sie im FR-üh dran, warum die Folgen das Land noch immer prägen.
FRüh-Radar – das steht heute an: Heute vor zehn Jahren putschen Teile des türkischen Militärs gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan. In Istanbul und Ankara kam es zu schweren Gefechten, Panzer rollten über Brücken, Kampfjets donnerten über Städte. Der Aufstand scheiterte. Doch der Putschversuch hat die Türkei erschüttert und die Gesellschaft verändert. Die Folgen prägen das Land bis heute. Eine vollständige Aufklärung der Ereignisse steht aber bis heute aus.
Was bedeutet dieser Jahrestag zehn Jahre nach der Putschnacht für die Türkei wirklich? Wer feiert, wer trauert – und wer kämpft noch immer um Gerechtigkeit? Wir ordnen ein, was damals passierte, was daraus wurde und warum das alles auch uns etwas angeht.
Die Ausgangslage
Wir fassen zusammen, wie es dazu kam: Als Erdoğan mit seiner AKP ab 2002 regierte, verbündete er sich zunächst mit dem islamischen Prediger Fethullah Gülen und dessen weitverzweigtem Netzwerk, das tief in Justiz, Polizei und Militär verwurzelt war. Diese Allianz zerbrach 2013, als Gülen-nahe Staatsanwälte Korruptionsermittlungen gegen Erdoğans Umfeld einleiteten. Was folgte, war ein erbitterter Machtkampf hinter den Kulissen des türkischen Staates.
In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 eskalierte dieser Konflikt dramatisch: Teile des Militärs versuchten, die Regierung zu stürzen. Erdoğan, der gerade in Marmaris Urlaub machte, entkam nur knapp einem Attentat. Er rief die Bevölkerung über eine Videoverbindung auf, auf die Straße zu gehen – und Tausende folgten dem Aufruf, stellten sich buchstäblich vor Panzer. Etwa 250 Menschen starben in dieser Nacht, mehr als 2000 wurden verletzt. Der Aufstand wurde schließlich niedergeschlagen.
Die Crux
Hier erfahren Sie, worum es geht, worauf es ankommt und woran es hängt: Was danach kam, hat die Türkei mindestens ebenso tief verändert wie der Putschversuch selbst. Erdoğan sprach noch in derselben Nacht von einem „Geschenk Gottes“. Er machte Gülen und seine Anhänger für den Umsturzversuch verantwortlich und rief den Ausnahmezustand aus, der erst im Juli 2018 endete – also zwei volle Jahre lang galt. In dieser Zeit wurden per Präsidialdekret mehr als 100.000 Staatsbedienstete entlassen. Zehntausende Menschen wurden verhaftet, zahlreiche Medien und Verlage geschlossen. Wer auf einer der Namenslisten im Staatsanzeiger stand, verlor automatisch seinen Job – ohne Anhörung, ohne rechtsstaatliches Verfahren.
Vollständig aufgeklärt wurde die Putschnacht bis heute nicht. Eine parlamentarische Untersuchungskommission wurde zwar eingerichtet, aber Schlüsselfiguren wie Generalstabschef Hulusi Akar und der damalige Geheimdienstchef Hakan Fidan schwiegen. Was klar ist: Erdoğan nutzte den Ausnahmezustand, um das umzusetzen, was er schon lange geplant hatte. 2017 ließ er noch während des Ausnahmezustands ein Referendum über ein Präsidialsystem abhalten – das 2018 in Kraft trat und ihm seither Vollmachten gibt wie kein türkischer Staatschef vor ihm.
FR‑üh dran – die Lage am Morgen
In unserer Kolumne informieren wir Sie täglich über den wichtigsten Termin des Tages und bereiten Sie als FR-Leser:in auf die politische Debatte in der Kaffeeküche und am Mittagstisch vor, indem wir die passenden Argumente direkt mitliefern. Lesen Sie hier genau, warum „FR-üh dran“ zu Ihrem täglichen Morgenritual werden sollte.
Sie sind anderer Meinung, Ihnen fehlen Argumente oder Sie haben ein Thema, dem wir uns in der Kolumne annehmen sollen? Dann schreiben Sie uns oder diskutieren Sie mit in der Kommentarspalte unter diesem Artikel.
Espresso-Argumente für die Kaffeeküche
Mit diesen Argumenten punkten Sie bei der politischen Debatte in der Kaffeeküche: „Der Putsch war real – Erdoğan hatte gar keine Wahl, hart durchzugreifen.“ Ja, der Putschversuch war real, und ja, eine Regierung hat das Recht, sich zu verteidigen. Aber zwischen Verteidigung und dem, was danach geschah, liegen Welten. Unter dem Ausnahmezustand, der erst im Juli 2018 endete, ging die Regierung gegen mutmaßliche Putschisten, aber auch gegen Oppositionelle vor. Erdoğan nutzte die Gelegenheit, um alle loszuwerden, die schon vorher gestört hatten.
„Erdoğan hat die Demokratie gerettet – das Volk stand hinter ihm.“ Das Volk stand in jener Nacht tatsächlich auf der Straße – das ist unbestreitbar. Aber eine Demokratie rettet man nicht, indem man sie anschließend aushöhlt. Das Präsidialsystem, das Erdoğan nach dem Putsch durchsetzte, hat die Gewaltenteilung massiv geschwächt. Erdoğan hat großen Einfluss auf die Justiz. Wer heute als „Gülenist“ bezeichnet wird, ist gesellschaftlich erledigt – ohne Prozess, ohne Urteil. Das ist nicht Demokratie, das ist Willkür mit demokratischer Verpackung.
„Das ist innertürkische Politik – uns geht das nichts an.“ Doch, es geht uns etwas an. Die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Beitrittskandidat. Tausende Betroffene haben Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Und: In Deutschland lebt eine große türkeistämmige Community, die diese Ereignisse hautnah miterlebt hat und erlebt. Was in Ankara entschieden wird, wirkt bis in deutsche Wohnzimmer.
Blick nach vorn
Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Die türkische Regierung plant für den 15. Juli landesweite Gedenkfeiern unter dem Motto „Unser Wille – unser Sieg“. Erdoğan wird dabei im Mittelpunkt stehen. Parallel dazu laufen die Festnahmen im Rahmen der angekündigten Säuberungsaktion gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger weiter. So ordneten die Behörden kurz vor dem Jahrestag die Festnahme von 968 Menschen an. Justizminister Akın Gürlek und Innenminister Mustafa Çiftçi bezeichneten das Vorgehen laut AFP als Teil einer „großen Säuberungsaktion“. Der Kampf gegen das „verräterische Netzwerk“ werde „mit derselben Entschlossenheit wie am ersten Tag“ fortgesetzt, erklärten sie.
Auch für die Betroffenen der Massenentlassungen bleibt die Lage unverändert schwierig. Auf europäischer Ebene werden die Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiterverhandelt. Ob und wann dort Urteile fallen, die die Türkei zu Konsequenzen zwingen, bleibt offen.
Echt jetzt?!
Zehn Jahre nach dem Putschversuch feiert die türkische Regierung den 15. Juli als nationalen Feiertag – und ordnet gleichzeitig fast 1000 neue Festnahmen an. Das klingt absurd, ist aber Methode: In der Augsburger Allgemeinen erklärte Türkei-Experte Hüseyin Cicek von der Universität Wien, dass Erdoğan die „Erzählung einer permanenten Bedrohung durch innere und äußere Feinde“ zum zentralen Legitimationsmuster seines Regierens gemacht habe. Ein Jahrestag, der eigentlich Abschluss und Aufarbeitung sein könnte, wird so zum Startschuss für die nächste Säuberungsrunde. (Quellen: dpa, AFP, Augsburger Allgemeine, Wikipedia) (cs)