„Können es eh nicht“: Erziehungsirrglaube bei der Sprachentwicklung verfolgt Kinder jahrelang
Stand: 15.07.2026, 06:16 Uhr
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Eltern können mit dem Lehren einer Fähigkeit bereits bei Babys beginnen – Fachleute erklären, wieso.
Hamburg – Viele Menschen können sich bis heute an die Lieblingsbücher, Geschichten und manchmal auch Gedichte aus ihrer Kindheit erinnern. Meist stammen die Erinnerungen dabei aus der Kindergarten- und Grundschulzeit. „Babys vorzulesen bringt gar nichts, denn die können es eh noch nicht verstehen? Das stimmt nicht“, heißt es in einem Beitrag der Stiftung Lesen auf Instagram. Mit dem Vorlesen könne gar nicht früh genug angefangen werden.
„Schon für die Allerkleinsten ist es wichtig, weil es ihre Sprachentwicklung fördert und wichtig für die Bindung zwischen Eltern und Kindern ist“, heißt es weiter. Besonders wertvoll sei es, wenn das Vorlesen regelmäßig stattfinde – am besten in Form eines Rituals wie der abendlichen Gute-Nacht-Geschichte. Schon kleine Kinder würden Reime und Lieder gut annehmen.

Auch, wenn Babys und Kleinkinder noch nicht verstehen, was ihnen vorgelesen wird, trägt es zur Sprachentwicklung und zur späteren Lesekompetenz bei. Diese befindet sich in Deutschland momentan auf einem historischen Tiefstand. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die seit 2001 alle fünf Jahre erhoben wird, zeigt, dass die Lesekompetenz seitdem kontinuierlich gesunken ist. Ein Viertel der geprüften Viertklässler erreicht derzeit nicht den Mindeststandard – das heißt, die Kinder können nicht flüssig genug lesen, um sich Wissen selbstständig zu erschließen.
Laut dem Vorlesemonitor 2024 wird knapp einem Drittel der ein- bis achtjährigen Kinder in Deutschland selten vorgelesen – 18 Prozent bekommen von ihren Eltern oder Bezugspersonen sogar nie ein Buch zu hören. Für die jährliche Bildungsstudie, die von der Zeit, der Stiftung Lesen und der Deutschen Bahn Stiftung herausgegeben wird, wurden 815 Eltern befragt. 17 Prozent der Eltern, die kaum oder nie vorlesen, können die Lesekompetenz ihres Kindes gar nicht einschätzen.
Sprachexpertin: Entscheidend am Vorlesen ist die Interaktion
Besonders im jungen Alter der Kinder ist das Vorlesen wichtig: „Das Vorlesen ist einer der allerwichtigsten Einflüsse, über die Kinder in der Vorschulzeit und in der Grundschulzeit mit Schriftsprache in Kontakt kommen, bevor sie selber aktiv zu Lesenden werden“, sagt Uta Quasthoff, Sprachwissenschaftlerin und langjährige Professorin an der TU Dortmund, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Durch das Vorlesen würden Kinder nicht nur ihren Wortschatz erweitern und Grammatik lernen, sondern auch verschiedene Gattungen wie Erzählungen und Beschreibungen, Geschichten und Reime kennenlernen.
Ein entscheidender Aspekt beim Vorlesen sei die Interaktion. „Als Vorlesende ist man ansprechbar für das Kind, sieht, was es interessiert, wie lange die Aufmerksamkeitsspanne hält, welche Arten von Büchern es mag“, erklärt Quasthoff. Auch Hörbücher könnten den Spracherwerb sinnvoll ergänzen – durch die wortgleiche Wiederholung entstehe eine Vertrautheit mit schriftsprachlichen Ausdrucksformen.
Logopädin: Wiederholungen helfen Kindern beim Spracherwerb
„Kinder lieben Wiederholungen“, betont auch die Logopädin Nathalie Frey gegenüber der FR. Für Kinder seien solche Wiederholungen ein Lernprozess: „In der Logopädie arbeiten wir viel mit Wiederholungen, um den Worterwerb zu fördern.“ Der Spracherwerb startet früher, als vielen Eltern bewusst ist. Kinder kommunizierten von Anfang an. „Babys können schon mit zwei bis drei Monaten in Kommunikation treten, auch wenn sie noch nicht sprechen“, sagt Frey.
Die Entwicklung von sprachlicher Kompetenz zieht sich durch die gesamte Kindheit. Viele Kinder würden heutzutage weniger Fähigkeiten mit in die Grundschule bringen. Besonders kurz vor der Einschulung gebe es einen entscheidenden Punkt, die Kinder vorzubereiten: „Deutschland verschenkt im letzten Kita-Jahr viel Potenzial, weil dort zu wenig gezielt vorbereitet wird“, sagt Marcus Hasselhorn der FR. Er ist Professor für Psychologie am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF). Dabei sei genau diese Phase entscheidend: Etwa 80 Prozent der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten entstünden durch Defizite in der Klangverarbeitung. Besonders trainiert werden sollten Laute, Silben und Reime, „kombiniert mit Liedern, sodass Kinder schon vor der Schule ein Gefühl für Sprachrhythmus und -aufbau entwickeln“, so Hasselhorn. Wer seinem Kind regelmäßig vorliest, mit ihm singt und Sprachspiele macht, legt somit eine Grundlage. (Quellen: Instagram, IGLU, Vorlesemonitor, eigene Recherche)