Frankfurter Buchmesse warnt vor sinkender Lesekompetenz und gefährlichem KI-Einfluss


Service Navigation

Auftakt in Frankfurt Buchmesse warnt vor sinkender Lesekompetenz und gefährlichem KI-Einfluss

Wie wirkt sich schwindende Lesekompetenz auf unsere Gesellschaft aus? Welche Rolle spielt dabei die KI? Und wie hilft die Politik - oder auch nicht? Diese Fragen wurden zum Auftakt der größten Buchmesse der Welt gestellt - und stehen während der gesamten 78. Frankfurter Buchmesse im Mittelpunkt.

Juergen Boos (Direktor der Frankfurter Buchmesse), Jill Lepore (amerikanische Historikerin und Autorin)  und Sebastian Guggolz (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) bei der Pressekonferenz zur 78. Frankfurter Buchmesse.

Juergen Boos (Direktor der Frankfurter Buchmesse), Jill Lepore (amerikanische Historikerin und Autorin) und Sebastian Guggolz (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) bei der Pressekonferenz zur 78. Frankfurter Buchmesse. Bild © picture alliance/dpa

Audiobeitrag

Audio

01:04 Min. |Ida Hermes

Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite

Ende des Audiobeitrags

Die weiter abnehmende Lesekompetenz bei Kindern und Jugendlichen und deren Folgen sowie die nach wie vor fehlende Regulierung von KI bereiten Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, große Sorge. Auf der Pressekonferenz am Dienstag nannte er diese beiden Themen als Schwerpunkte der diesjährigen 78. Frankfurter Buchmesse.

Alarmierende Verschlechterung der Lesekompetenz

"Es gibt nach wie vor eine große Begeisterung für das Buch", sagte Sebastian Guggolz zu Beginn der Pressekonferenz. Und trotzdem bereite ihm eine Entwicklung große Sorge: Gerade bei Kindern und Jugendlichen würde sich die Lernkompetenz stetig verschlechtern.

Guggolz verwies auf Zahlen zum Buchmarkt 2025, wonach vor allem bei der Altersgruppe 10 bis 15 Jahre ein Rückgang von 30,6 Prozent beim Buchkauf verzeichnet wurde. Und laut der jüngsten Pisa-Studie fehlte jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Kompetenz beim Lesen.

Aus einer Leseschwäche könne eine allgemeine Lernschwäche und schließlich auch eine Meinungsbildungsschwäche resultieren, so Guggolz. Letzteres stelle eine Gefahr für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie dar.

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels appellierte an die Politik, die er klar in der Verantwortung sieht. Lese- und Medienkompetenz sollten nach Guggolz als bildungspolitische Priorität verankert werden. Ein mögliches Werkzeug des Gegensteuerns könne beispielsweise "Medienkompetenz" als Pflichtfach in der Schule sein.

KI als zusätzliche Bedrohung

Das immer größer werdende Problem der sinkenden Lesekompetenz werde durch KI noch mehr befeuert. Ohne Lesekompetenz sei schließlich keine wirkliche Überprüfung von gelieferten KI-Antworten mehr möglich, sagte Guggolz zum Auftakt der Buchmesse.

"Eine ganze Generation lernt gerade, konfektionierte Antworten als Wahrheiten zu konsumieren, anstatt auch mal offene Fragen zu stellen, sich selbst infrage zu stellen und sich auf eigene Wege nach eigenen Antworten zu machen", warnte Guggolz.

Das solle nicht nur die Buchbranche alarmieren, sondern die ganze Gesellschaft und vor allem die politische Sphäre aufrütteln, forderte Guggolz in seiner Rede. "Denn wir sind dabei, unsere Selbstbestimmung zu verlieren."

Weitere Informationen

“Frankfurter Appell” fordert Regulierung von KI

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels einen Aufruf zur Regulierung von KI veröffentlicht. Bereits 120 Verlage hätten den “Frankfurter Appell” bisher unterzeichnet, teilte der Börsenverein mit.

Die Erklärung richtet sich an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung. Die Unterzeichner fordern Transparenz über die für KI-Trainings genutzten Werke, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts.

Ende der weiteren Informationen

Schärfere Gesetze zur Regulierung von KI gefordert

Zugleich mahnte Guggolz klare gesetzliche Regelungen zur Offenlegung von KI-Trainingsdaten an, um die Position der Verlage im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen zu stärken.

Bereits im letzten Jahr war die Gefahr unzureichender Regulierung durch KI einer der Themenschwerpunkte auf der Messe. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) habe in der letzten Ausgabe der Frankfurter Buchmesse "sehr engagiert" Lösungsvorschläge und ein gesetzliches Vorgehen in europäischer Abstimmung angekündigt, sagte Guggolz.

Passiert sei aber seitdem nichts, "wir sind praktisch auf dem gleichen Stand wie im vergangenen Jahr". Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels appellierte: "Wenn die Politik jetzt nicht handelt, beraubt uns die KI nicht nur weiterhin millionenfach urheberrechtlich geschützter Werke, sondern langfristig auch unseres Denkens."

Weitere Informationen

Mitdiskutieren auf der Frankfurter Buchmesse

Auf der Frankfurter Buchmesse greift der Börsenverein die Themen Lesekompetenz und KI in der Verlagsbranche in eigenen Veranstaltungen auf - auch zum Mitdiskutieren. Hier eine Auswahl:

Ende der weiteren Informationen

Der Ton der Pressekonferenz war am Dienstag auch bei den beiden anderen Rednern ernst. Neben Guggolz sprach Juergen Boos, scheidender Direktor der Frankfurter Buchmesse. Er legte den Fokus auf die Freiheit des Publizierens: "Publikationsfreiheit entscheidet darüber, welche Geschichten heute noch erscheinen können. Welche Perspektiven Menschen erreichen und welche Gespräche eine Gesellschaft führt."

Auch die amerikanische Historikerin und Trägerin des Pulitzer-Preises, Jill Lepore, sieht die Freiheit immer mehr gefährdet. Sie verbindet die Freiheit des Lesens und Schreibens mit politischer Selbstbestimmung: "Unsere Gedanken und unsere Worte - und unsere Bücher - gehören uns. Und die Zustimmung zu jedem Regierungssystem oder ihre Verweigerung muss von uns kommen."

Sie warnte davor, das Lesen, Denken und Debattieren der KI zu überlassen - und sieht die Menschheit "auf des Messers Schneide der Geschichte".

Feierliche Eröffnung der 78. Frankfurter Buchmesse

Offiziell eröffnet wird die Buchmesse am Abend. Dann wird die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková sprechen. Die Politik ist unter anderem mit Kulturstaatsminister Weimer vertreten. 

Bis Sonntag werden mehr als eine Viertelmillion Besucher auf dem Frankfurter Messegelände erwartet. Ehrengastland ist in diesem Jahr Tschechien.