Frauen sind bei Kommunalwahlen unterrepräsentiert


Stand: 23.07.2026, 06:01 Uhr

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Ein Wahlzettel.

Auf dem Wahlzettel sind Frauen statistisch seltener zu finden. Grund ist unter anderem die Mehrfachbelastung durch Care-Arbeit. © Sebastian Gollnow/dpa

In Niedersachsen sind 31 Prozent aller Mandate in Kommunalvertretungen von Frauen besetzt. So sieht es aktuell auf den Wahllisten der Parteien aus.

Landkreis Göttingen – Mit einem landesweiten Durchschnitt von 31 Prozent aller Mandate sind statistisch weniger Frauen in Kommunalvertretungen als Männer. Für die im Kreis antretende Wählergemeinschaft Landkreis Göttingen (WLG) schildert Sprecherin Ingrid Rüngeling, dass es nicht nur schwer sei, Frauen für eine Kandidatur zu gewinnen, sondern allgemein Kandidaten zu überzeugen, anzutreten. Auch bei Wählergruppen in den Kommunen des Altkreises zeigt sich, dass tendenziell weniger Frauen antreten.Mehr als 330.943 Einwohner haben Ende 2025 nach Angaben des Landesamtes für Statistik Niedersachsen im Landkreis Göttingen gelebt, davon 168.528 Frauen, also eine knappe Mehrheit von 50,9 Prozent der Bevölkerung. Aufgabe der Abgeordneten in kommunalen Parlamenten ist es, diese zu vertreten. Ein Blick auf die Wahllisten zeigt allerdings, dass hier Männer deutlich überrepräsentiert sind. Exemplarisch zeigt sich das zum Beispiel bei den Kandidaten für den Kreistag.

„38 Frauen, 70 Männer sowie eine Person mit dem Geschlechtseintrag ‚divers‘ kandidieren für die SPD“, erklärt Unterbezirksvorsitzender Andreas Philippi auf Anfrage. Insgesamt stehen somit 109 Personen auf den SPD-Listen für den Kreistag. Wie Philippi erklärt, sei im Organisationsstatut der Sozialdemokraten die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern festgeschrieben, die Umsetzung aber sei auch von den tatsächlichen Bewerbungen abhängig. Die SPD habe deshalb vor allem die aussichtsreichen Listenplätze ausgewogen besetzt – acht der 13 Wahlbereiche führen Frauen an.

Die bei den Grünen festgeschriebene Mindestquote von 50 Prozent Frauen übertrifft der Kreisverband knapp, wie Sprecher Dirk-Claas Ulrich erklärt: „Der Frauenanteil beträgt hier mit 52 Bewerberinnen 51 Prozent.“ Ähnliche Beschlusslage hat auch die Linkspartei, nach der die Listen mit mindestens 50 Prozent Frauenanteil gewählt werden: 32 Bewerberinnen stehen auf den insgesamt 64 Plätzen.

Bei der CDU gibt es eine komplexe Soll-Regelung zur Quotierung, die niedersachsenweit einheitlich ist: Unter drei aufeinanderfolgenden Listenplätzen soll mindestens eine Frau vertreten sein, ferner sollen auf Platz eins bis sechs jeder Liste mindestens zwei Frauen stehen, erklärt der Landesverband mit Verweis auf eine parteiinterne Verfahrensordnung. Die Anfrage nach einer genauen Zahl beim Kreisverband blieb bis Redaktionsschluss offen.

Die Liste der Kandidaten der AfD ist derweil komplett männlich besetzt, über alle 13 Wahlbereiche für den Kreistag findet sich dort keine Frau. Anfragen unserer Zeitung an BSW und FDP blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Fünf von 36 Kandidaten auf den Listen der Wählergemeinschaft Landkreis Göttingen (WLG) sind Frauen. Eine feste Quotierung gebe es nicht, erklärt Sprecherin Ingrid Rüngeling auf Anfrage. „Wir bedauern sehr, dass wir nicht mehr Frauen zum Kandidieren bewegen konnten“, sagt si. Die WLG verfügt über keine feste Struktur, wie Parteien und tritt als Wählergruppe an. Hier sei allgemein die Hürde hoch, geschlechtsunabhängig Kandidaten für die eigenen Listen zu finden. Ähnliche Schilderungen gibt es auch von Wählergruppen, die nicht für den Kreistag, sondern in den Kommunen des Altkreises antreten.In der Samtgemeinde Dransfeld ist das die Freie Wählergemeinschaft Dransfeld. Dort sind drei Frauen auf der Wahlliste vertreten – eine Quote von 37,5 Prozent, wie unsere Zeitung auf Anfrage erfährt. Eine feste Quote gebe es dabei nicht, erklärt Sprecher Karsten Beuermann: „Für uns zählen Engagement, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, sich für die Menschen in der Samtgemeinde Dransfeld einzusetzen.“ Die Wählergruppe versuche, unterschiedliche Perspektiven einzubinden: „In der Kommunalpolitik profitieren Entscheidungen davon, wenn Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung übernehmen“, sagt Beuermann.

Auch eine Anfrage bei der Liste Münden aktiv (MÜNA) zeigt, dass dort vier Frauen und sechs Männer auf der Liste stehen. „Wir haben das Thema Parität allerdings positiv diskutiert“, erklärt Anja Fehrensen für die MÜNA. Entsprechend sind die ersten vier Plätze mit zwei Frauen und zwei Männern besetzt. Insgesamt habe die Wählergruppe mehr Frauen als Männer als Mitglieder, sagt Fehrensen: Von den acht Frauen hätten sich allerdings aus verschiedenen Gründen nur vier aufstellen lassen.

Als häufiges Hindernis für den Einstieg von Frauen in die Kommunalpolitik nennt das niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung auf seiner Webseite die schlechte Vereinbarkeit von Familie, Beruf und ehrenamtlicher Politik. Um dem politisch entgegenzuwirken, hat das Ministerium das Programm „Frau. Macht. Demokratie.“ vor der Kommunalwahl zum siebten Mal über zwei Jahre neu aufgelegt: 290 Interessentinnen aus ganz Niedersachsen haben daran teilgenommen. Damit sollte das Programm vor allem Frauen, die bisher kein Mandat inne hatten, den Start in die Kommunalpolitik erleichtern.

Beim Rennen um das Amt des Landrats als Verwaltungschef des Landkreises werden voraussichtlich auch mehr Männer als Frauen auf dem Wahlzettel stehen: Amtsinhaber Marcel Riethig tritt für die Bürgergemeinschaft Landkreis Göttingen an, Mündens Ex-Bürgermeister Harald Wegener für die WLG, Harm Adam für die CDU und André Nebel für Die Partei. Mit der Landtagsabgeordneten Pippa Schneider (Grüne), Ulrike Witt (SPD) und Nina Lauterbach (Die Linke) stehen auch drei Frauen zur Wahl. Sie haben dabei die Chance, in eine bisher überwiegend männlich besetzte Sphäre vorzudringen: Aktuell haben nur fünf der 37 Landkreise in Niedersachsen eine Landrätin, während der überwiegende Teil männliche Amtsinhaber gewählt hat. Auch der Landkreis Göttingen hatte in der Vergangenheit ausschließlich Männer als Landrat.