Gotthard-Stau: Zuger Manager wertete 19'000 Verkehrsmeldungen aus


Publiziert2. Oktober 2026, 07:45

Fabrizio (57)«Freunde halten mich für Gotthard-süchtig»

Der Zuger hat sich den Verkehr an der Südachse zum Hobby gemacht. Sein Umfeld nennt ihn schon «König des Gotthardtunnels», er will nie mehr in der Kolonne stehen.

Thomas Sennhauser

Darum gehts

Wenn andere Feierabend machen, beschäftigt sich Fabrizio Bacchin mit dem Gotthard. Der 57-jährige Manager aus Zug fährt jobbedingt vier- bis fünfmal pro Monat durch den Tunnel – und will deshalb genau wissen, wann sich die Durchfahrt lohnt. Was als praktische Notwendigkeit begann, entwickelte sich mit der Zeit zu einer regelrechten Faszination.

19’000 Verkehrsmeldungen ausgewertet

Seit Anfang Juli wertete Bacchin rund 19’000 offizielle Verkehrsmeldungen aus. Alle fünf Minuten speichert sein System für beide Fahrtrichtungen die vom ASTRA gemeldete Wartezeit in Minuten und die Staulänge in Kilometern ab. Dazu kommen offizielle Verkehrsmeldungen, etwa zu Unfällen, Sperrungen oder Dosierungen.

Das Resultat: Seit dem 11.Juli staute es an 82 von 83 Tagen vor dem Tunnel. Der Höhepunkt fiel auf Samstag, 18. Juli. Richtung Süden erreichte die Kolonne 20 Kilometer, die Wartezeit betrug 200 Minuten. Doch auch abseits der Ferienwochen zeigt seine Auswertung ein klares Bild: Im September bildete sich an jedem Werktag Stau.

Die Auswertung von Fabrizio fürs Nordportal zeigt den Juli in Farben: Je röter ein Tag, desto länger mussten Reisende Richtung Süden warten.

Die Auswertung von Fabrizio fürs Nordportal zeigt den Juli in Farben: Je röter ein Tag, desto länger mussten Reisende Richtung Süden warten.Gottardo Live

Zwischen 11 und 18 Uhr sei der Verkehr praktisch immer gestockt. «Am besten kommt man meistens am frühen Morgen oder späten Nachmittag durch», sagt Bacchin. Das hänge aber vom Wochentag ab: «Ich schaue auf die Grafik und sehe, wann die Kolonne kürzer wird.»

Fabrizio Bacchin wertete 19’000 Verkehrsmeldungen aus. Seine Erkenntnis: Zwischen 11 und 18 Uhr stockt der Verkehr vor dem Tunnel fast immer.

Fabrizio Bacchin wertete 19’000 Verkehrsmeldungen aus. Seine Erkenntnis: Zwischen 11 und 18 Uhr stockt der Verkehr vor dem Tunnel fast immer.Privat

«Freunde halten mich für Gotthard-süchtig»

«Die Daten machen sichtbar, was jeder ahnt, aber niemand genau weiss», sagt Bacchin. Ihn faszinieren vor allem die wiederkehrenden Muster: die Zeiten, in denen sich fast sicher Kolonnen bilden – und jene Fenster, in denen die Fahrt meist frei bleibt

«Ich verbringe fast jede freie Stunde damit, den Gotthard zu analysieren und jage der staufreien Fahrt hinterher», sagt der gebürtige Italiener. Freunde und Bekannte nehmen es mit Humor: «Sie halten mich für Gotthard-süchtig.» Einer habe sogar vorgeschlagen, ihn zum «König des Gotthardtunnels» zu krönen und seinen Wohnsitz kurzerhand in die Tunnelmitte zu verlegen.

Eigene App entwickelt

Der Blick auf die aktuelle Wartezeit in beiden Richtungen entscheidet für Fabrizio Bacchin: Jetzt losfahren – oder die Reise noch verschieben?

Der Blick auf die aktuelle Wartezeit in beiden Richtungen entscheidet für Fabrizio Bacchin: Jetzt losfahren – oder die Reise noch verschieben?Screenshot/Gottardo Live App

Aus seiner Beschäftigung entstand die Gratis-App «Gottardo Live». Sie nutzt offizielle Daten und meldet, wenn sich ein Stau bildet, verlängert oder auflöst. «Es gibt zwar schon eine, aber sie war voller Werbung, und den Stau musste man darin erst suchen», sagt Bacchin.

«Verglich einzelne Tage und suchte nach Mustern»

Für seine Faszination investierte er  zu Beginn manchmal bis zu fünf Stunden pro Tag. «Zuerst musste ich meine App so programmieren, dass sie die Daten alle fünf Minuten zuverlässig abholt». Er verglich sie mit den Webcams und der tatsächlichen Verkehrslage, suchte Fehler und stellte die Push-Mitteilungen so ein, dass sie zum richtigen Zeitpunkt kommen – «nicht zu früh, nicht zu oft».

Daneben verglich Bacchin einzelne Tage miteinander und suchte nach Mustern: «Wann bildet sich der Stau? Wann löst er sich wieder auf?» Inzwischen sei das System stabiler. Heute kontrolliere er die Zahlen täglich, ausser bei starken Staus brauche er dafür aber noch mindestens eine halbe Stunde.

Bacchin hat jedenfalls seine eigene persönliche Schmerzgrenze klar definiert: «Zehn bis 20 Minuten Stau sind akzeptabel, mehr ist für mich zu viel. Dann fahre ich über den Pass.»

Wie gehst du mit dem Stau am Gotthard um?

Ich plane meine Fahrt genau und fahre nur zu ruhigen Zeiten.

Ich nehme längere Wartezeiten in Kauf, wenn es nicht anders geht.

Wenn es zu voll ist, weiche ich auf den Pass oder eine andere Route aus.

Ich meide den Gotthard, wenn möglich, ganz.

Ich fahre einfach los und schaue vor Ort, wie schlimm es wird.

Thomas Sennhauser

Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.

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