Friedrich Pollock: Wie der Holocaust die marxistische Theorie sprengte


„Mit unseren Kategorien stimmt etwas nicht“, mutmaßte Friedrich Pollock gegenüber Max Horkheimer, als er Ende 1941 von den Massenmorden an den Juden in Europa erfuhr. Mit den aus der Marx’schen Theorie stammenden Instrumentarien ließen sich diese Vorgänge und auch die ihr zugrundeliegende Gesellschaftsformation nicht mehr fassen.

Die „Vernichtung der jüdischen Rasse“, so Hitlers Androhung vom Januar 1939, mit der nun tatsächlich Ernst gemacht wurde, sprengte den Rahmen einer materialistischen Gesellschaftsanalyse. Die antisemitische Mission der Nationalsozialisten war an die Stelle selbst der unsozialsten kapitalistischen Rationalität getreten und wichtiger sogar als der Selbsterhaltungstrieb der deutschen Imperialisten.

Die graue Eminenz der Frankfurter Schule

Horkheimer fragte weiter: Müsse man nun nicht eher die Gesellschaft mit dem Antisemitismus erklären als umgekehrt? So weit ging Pollock nicht, aber er veränderte seine Theorie und wies Politik und Ideologie einen wirkmächtigeren Platz in der materialistischen Gesellschaftstheorie zu. Dieser „political turn“ trieb ihn immer weiter weg vom Marxismus. Ohnehin war er vom „demokratischen Staatskapitalismus“ des Roosevelt’schen New Deal sehr beeindruckt, der die materiellen Bedürfnisse der Massen sicherstellte, ohne einen zentralistischen bis totalitären Staat zu etablieren. Die stalinistische Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland demonstrierten es mit Nachdruck. Im sozialen Wohlfahrtsstaat, so glaubte Pollock, würde zudem der Antisemitismus nicht so gedeihen.

Friedrich Pollock: „Schriften zu Nationalsozialismus und Antisemitismus“ ça ira-Verlag
Friedrich Pollock: „Schriften zu Nationalsozialismus und Antisemitismus“ ça ira-Verlag

Philipp Lenhard, der 2019 die längst fällige Biographie über „die graue Eminenz der Frankfurter Schule“ verfasst hat, findet, Pollock stehe zu Unrecht im Schatten der großen Namen der Kritischen Theorie. Er ist der Herausgeber der „Gesammelten Schriften“ Pollocks. Sechs Bände sollen es werden, dieser hier ist der dritte. Der große „Staatskapitalismus“-Aufsatz steht im Mittelpunkt, der in der New Yorker Institutszeit kontrovers diskutiert wurde, mit Horkheimer an Pollocks Seite, während Franz L. Neumann und Herbert Marcuse daran festhielten, dass die nationalsozialistische Ordnung weiter als kapitalistische Formation zu begreifen sei (Adorno nahm eine eigenständige Position ein).

Diesen Streit um das „Primat des Politischen“ greift seitdem jede Generation der Linken in Deutschland seit den Siebzigern wieder auf, in wechselnden Kontexten. Inmitten der hier versammelten anderen Texte und Textfragmente, zum Teil unveröffentlichte, wird der Suchmodus viel deutlicher, in dem sich der geschockte Pollock befand, und das fördert insofern das historische Verstehen. Man kann in Pollocks Texten nachlesen, wie der Holocaust hineinregiert und Pollock nach neuen Kategorien suchen lässt.

Antijüdische Paranoia

Für die Ideengeschichte der Frankfurter beziehungsweise New Yorker Kritischen Theorie interessant: Lenhard beobachtet, dass die Unterschiede zwischen den NS-Analysen Pollocks und Neumanns eher gradueller als grundsätzlicher Natur sind. Die Intensität der Debatte am Institut spricht eigentlich dagegen. Aber die Beschäftigung mit dem Antisemitismus war in beiden Fällen tatsächlich noch sehr von den konventionellen Faschismustheorien der Arbeiterbewegung geprägt. Der weltanschauliche Charakter der antijüdischen Paranoia wurde noch immer mit etwas anderem begründet, für das es nur der Ausdruck gewesen sein soll. Allerdings verdanken wir diesen Diskussionen die ersten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen des Antisemitismus überhaupt.

Eine Randnotiz: Lenhard entnimmt einem bisher unveröffentlichten Vortrag, dass Pollock Hannah Arendt als Mitarbeiterin ans Institut holen wollte. Wenn man bedenkt, dass die politische Philosophin den Kreis um Horkheimer für eine „Schweinebande“ hielt („Der Adorno kommt mir nicht ins Haus!“), wäre das ein sensationeller Fund. Man darf auf weitere Ausführungen gespannt sein.

Als Pollock feststellte, dass mit den Marx’schen Begriffen etwas nicht stimme, fügte er hinzu: „Man muss herausfinden, was das ist. Das soll aber nicht heißen, dass man die Brücken hinter sich abbricht. Es handelt sich darum, die vorhandene Theorie auszubauen.“ Pollock war ein pragmatischer Theoretiker mit Augenmaß, der das emanzipatorische Potential des Marxismus auch im Angesicht der totalitären Bedrohungen hochhielt, aber doch spürte, dass mit dem antisemitischen Vernichtungskrieg etwas Ungeheuerliches geschah.

Friedrich Pollock: „Schriften zu Nationalsozialismus und Antisemitismus“. Gesammelte Schriften, Band 3. Hrsg. von Philipp Lenhard. ça ira-Verlag, Freiburg 2026. 238 S., geb., 31,– €.