„Wie in einer Sekte“: Wie Erdoğans Macht über die Türkei funktioniert – und was auf ihn folgen könnte


„Wie in einer Sekte“: Wie Erdoğans Macht über die Türkei funktioniert – und warum sie so gefährlich ist

Stand: 14.07.2026, 17:56 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Recep Tayyip Erdoğan hält die Macht in der Türkei fest in Händen. Protest gibt es – wie groß die Chancen auf einen Wechsel noch sind, ist die Frage.

Zehn Jahre ist es am Mittwoch her, dass Panzer durch Istanbul rollten: Teile des türkischen Militärs versuchten den Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Das erschreckte damals auch die Menschen im Land – „der Putschversuch konnte auch dank des Widerstandes der Bevölkerung vereitelt werden“, sagt Experte Yaşar Aydın im Gespräch mit unserer Redaktion. Aktuell wollten breite Bevölkerungsschichten aber auch einen Regierungswechsel an der Wahlurne. Doch diese Hoffnung scheint in weite Ferne gerückt. Aydın sieht den 15. Juli 2016 als „Wendepunkt“, der bis heute nachwirkt.

Menschen am 16. Juli 2016 auf einem Panzer in Istanbul, im Vordergrund ein verfremdetes Foto von Recep Tayyip Erdogan.

Stunden nach dem Putschversuch „eroberten“ Menschen in Istanbul die Panzer der Armee – Recep Tayyip Erdoğan hält zehn Jahre später die Macht fester in Händen denn je. (Montage/mit KI-Filter nachbearbeitet) © Montage: Tolga Bozoglu/Mustafa Kaya/picture alliance/dpa/Xinhua/KI/fn

Einen bemerkenswerten Vergleich zog vor einem Jahr Özgür Özel: Sozialdemokraten hätten schon einmal die Chance verpasst, einen Autokraten aufzuhalten, sagte der Chef der türkischen Oppositionspartei CHP im Beisein deutscher Journalisten (darunter auch die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media). Eine Anspielung auf das Ende der Weimarer Republik in Deutschland. „Wenn wir jetzt nicht reagieren, wird es in der Türkei vielleicht bald keine freien Wahlen mehr geben“, warnte Özel.

Die Wirtschaft lahmt, die Lira stürzt ab – doch Erdoğan hält Unterstützer und schüchtert Kontrahenten ein

Ein Jahr später ist Özel als Parteichef abgesetzt. Ein Gericht hat ihn des Amtes enthoben, wegen angeblicher Korruption. Ein Scheinurteil, sagen Kritiker – auch aus Deutschland. Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) nannte den Richterspruch einen „weiteren Rückschlag für die Demokratie“ in der Türkei. Erdoğans Regierung wolle Opposition und Mehrparteiensystem nicht in Gänze abschaffen, sagt Aydın. Sie wolle aber die Opposition so einschüchtern, dass sie es nicht wage, Erdoğan einen aussichtsreichen Kandidaten entgegenzustellen. Flankiert werde das von Rufmord-Kampagnen in regierungsnahen Medien.

Große Teile des Staatsapparats hat Erdoğan ohnehin unter die Kontrolle seiner Partei AKP gebracht. „Das ist wie in einer Sekte“, sagte vor einiger Zeit der SPD-Bundestagsabgeordnete und Türkeikenner Macit Karaahmetoglu im Gespräch mit unserer Redaktion. An die 30 Prozent der Türkinnen und Türken sind fest davon überzeugt, dass ihr Präsident das Land nach vorn bringt. „Erdoğan könnte vor laufender Kamera Leute erschießen, die würden sagen: Er wird schon einen guten Grund gehabt haben“, meint Karaahmetoglu.

Aber das Bild bröckelt. Die Wirtschaft der Türkei lahmt, die Lira fällt ins Bodenlose – während die Lebensmittelpreise auch wegen der Inflation durch die Decke gehen. Die Unzufriedenheit mit Erdoğan wächst. Teils kann man das sehen. Und hören, als rhythmisches Klopfen und Klappern, Metall auf Metall. Jeden Abend um Punkt 20 Uhr geht es los, pünktlich wie die „Tagesschau“. Es ist ein Ritual in mehreren Stadtteilen Istanbuls: Die Bewohner treten auf ihre Balkone und schlagen fest mit Löffeln und Gabeln auf Töpfe und Pfannen.

Sie setzen damit ein Zeichen gegen die Inhaftierung des ehemaligen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu im März 2025. Dem CHP-Politiker wird unter anderem Korruption vorgeworfen. Seitdem läuft nach Ansicht von Kritikern ein Schauprozess gegen den einstmals ärgsten Rivalen und möglichen Herausforderer Erdoğans. „Es ist ein Skandal, dass er in Haft ist. Die Demokratie in der Türkei ist in Gefahr wegen der AKP“, sagte etwa Hamza vor einiger Zeit im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Familienvater wohnt in Kadiköy, einem Stadtteil im asiatischen Teil von Istanbul. Die Gegend ist eine Hochburg der Sozialdemokraten und Regierungskritiker. Sein vollständiger Name ist hier nicht zu lesen, weil Hamza Angst vor Repressionen hat. Er spricht den Parteinamen mit drei Buchstaben aus, ein Signal unter Regierungskritikern. Anhänger nennen die Partei „AK-Parti“, also AK-Partei – ein Wortspiel, das übersetzt so viel wie „Reine Partei“ bedeutet.

„Irgendwann wird Erdoğan nicht mehr die Kraft haben, das Amt auszuüben“

Noch deutlicher ist der Protest der Studentinnen und Studenten. Hunderttausende gingen nach der Verhaftung İmamoğlus auf die Straße. Drei von ihnen, Sahin, Murat und Özlem, berichteten vor einiger Zeit im Gespräch mit unserer Redaktion von der Situation im Land. Auch sie heißen eigentlich anders. Dass er an den Protesten teilnimmt, habe er seiner Familie nicht erzählt, sagte Sahin damals. „Sie hätten zu viel Angst um mich.“ Die Polizei ging wieder einmal mit Wasserwerfern und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor, Sahin zeigte Bilder einer verletzten Kommilitonin. Für die Studierenden sind die Proteste auch eine sehr persönliche Angelegenheit. Denn die Istanbul-Universität hatte İmamoğlu nach der Verhaftung sein Diplom aberkannt, was seine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl unmöglich macht. „Ein Studienabschluss bedeutet für uns die Zukunft“, sagte Technik-Student Murat. „Wenn der Staat ihn dir einfach so wegnehmen kann, weil du ihm nicht passt, was ist das alles dann noch wert?“ 

Ein weiterer Baustein der Machtausweitung Erdoğans, sagen Experten. Auch nach der Absetzung von CHP-Chef Özel gab es Proteste, wieder ging die Polizei rabiat dagegen vor. Freie Presseberichte in der Türkei gibt es darüber nicht mehr viele, denn die AKP hat Schritt für Schritt einen Großteil der traditionellen Medien und Presseorgane unter ihre Kontrolle gebracht. Man müsse als Journalistin „sehr, sehr vorsichtig sein“, sagt eine Mitarbeiterin eines Satireblatts, das vor allem noch über Social Media veröffentlicht, im Gespräch mit unserer Redaktion.

All das könnte Anlass für internationale Kritik sein. Doch unter anderem der NATO-Gipfel unlängst in Ankara zeigte ein anderes Bild. Die Türkei gilt als wichtiger Faktor im NATO-Bündnis, als Wächter des Schwarzen Meeres und Brückenkopf zum Nahen Osten. „Der Westen – Europa und die USA – ist mit Russland und Iran beschäftigt, braucht in dieser Konstellation die Türkei und fasst Erdoğan daher mit Samthandschuhen an“, sagt Aydın. Kurz vor dem Gipfel wurden hunderte Wissenschaftler, Journalisten und Oppositionelle in der Türkei festgenommen. Öffentliche Kritik daran gab es beim Gipfel nicht.

In dieser Gesamtlage hoffen einige vielleicht auf den Faktor Zeit. „Das physische Ende wird kommen“, sagt Aydın. Irgendwann werde Erdoğan nicht mehr die Kraft haben, das Amt auszuüben. Dann drohten „Turbulenzen“ – vielleicht gar eine Machtübergabe in der Familie, meint der Experte. Bis dahin werde Erdoğan aber wohl darauf bestehen, selbst zu kandidieren. Einstweilen sei selbst unklar, ob Erdoğan im Falle einer Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2028 das Amt abgeben würde. 2019 in Istanbul etwa seien die Bürgermeisterwahlen wiederholt worden. Und unterdessen arbeite die Partei daran, „dass eine Post-Erdoğan-Ära nicht zu einer Post-AKP-Ära wird“. (Quellen: Yaşar Aydın, Özgür Özel, Macit Karaahmentoglu, eigene Recherchen)