Friseure müssen nach Zeven: BBS Rotenburg verliert Klassen wegen Azubimangel


Stand: 15.09.2026, 19:00 Uhr

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BBS Rotenburg

Keiner mehr da? An der BBS Rotenburg verschwinden einige Klassen aus dem Lehrplan, weil es nicht genug Azubis gibt. © Lucia Gefken

Die Berufsbildenden Schulen Rotenburg können Friseur- und Malerklassen nicht mehr vor Ort halten. Dabei ist das nicht das einzige Problem, das die Lehrkräfte an der BBS Rotenburg umtreibt.

Rotenburg – Auch in diesem Jahr werden einige Ausbildungsplätze in Rotenburg unbesetzt bleiben. Im Juli gab es 15 Prozent weniger Bewerber für einen Ausbildungsplatz als im Vorjahr. Auch wenn sich im August noch einige spontan für eine Ausbildung entschieden haben, könnte es für die 1.087 offenen Ausbildungsstellen, die die Bundesagentur für Arbeit im Juli erfasste, knapp werden. Die fehlenden Azubis sind nicht nur ein Problem für die regionalen Betriebe, auch die Berufsbildenden Schulen Rotenburg (BBS) müssen improvisieren, um den Unterricht zu gewährleisten. Teilweise reichen die Bemühungen nicht: Einige Klassen können vor Ort nicht weiter angeboten werden.

Immer weniger Schüler wollen Maler oder Friseur werden.

Helge Lüdemann, verantwortlich für den Bereich Technik und Wirtschaft, und Norbert Kaufmann, verantwortlich für die gewerblichen Berufsschulen, sehen die Entwicklung ihrer Bereiche sehr kritisch. „Immer mehr Klassen müssen zusammengelegt werden“, fassen sie die Situation zusammen. „Immer weniger Schüler wollen Maler oder Friseur werden“, blickt Lüdemann auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre zurück. Dadurch können die Klassen vor Ort nicht gefüllt werden. Der Schülermangel sorge dafür, dass den Lehrkräften für diese Zweige weniger Lehrstunden zur Verfügung stünden. „Die müssen wir dann woanders abziehen.“

An der BBS Rotenburg findet Schulleiterin Martina Niebuhr gemeinsam mit ihrem Team kreative Lösungen. So werden Maurer und Zimmerer im ersten Lehrjahr zusammen unterrichtet. Obwohl bei den Zimmerern generell ein Rückgang zu beobachten ist, sind sie prinzipiell gut aufgestellt. Bei den Maurern zeige sich hingegen, wie es um die Konjunktur bestellt sei. „Die Zahlen gehen direkt auf die Einstellungen zurück“, beobachtet Kaufmann. „Wir haben schon seit Jahren keine eigene Maurerklasse.“ Während die Maurer aber noch mit den Zimmerleuten zusammenrücken, sieht es für Friseure nicht so gut aus. „Die müssen jetzt nach Zeven, um da beschult zu werden“, erklärt Niebuhr. „Die Maler ebenfalls.“ Vorher gab es einen Versuch, Friseure und Maler zusammen zu unterrichten, doch letztlich konnte die BBS diese Klassen am Standort Rotenburg nicht halten.

„Wir versuchen, die Lehrgänge aufrechtzuerhalten, damit sie auch zukünftig vor Ort angeboten werden können“, fasst die Schulleitung die Bemühungen zusammen. Für die betroffenen Maler und Friseure, die nun nach Zeven fahren müssen, ergeben sich unnötige Probleme. Denn nicht alle Auszubildenden haben einen Führerschein und die öffentlichen Verkehrsanbindungen sind nicht immer optimal. „Dadurch wird eine Ausbildung nicht attraktiver für Jugendliche“, fasst auch Marina Morasch, verantwortlich für die Fachoberschule Wirtschaft, das Dilemma zusammen.

Die Ursachen für den Rückgang an Azubis sehen die vier Lehrkräfte nicht nur in der fehlenden Mobilität. „Die gesellschaftliche Anerkennung für Ausbildungsberufe ist gesunken“, ist Niebuhr überzeugt. Dabei sei das Gehalt nicht unbedingt der Schwachpunkt. „Teilweise verdient ein Meister mehr als ein Bachelor“, erklärt Morasch. Die Bezahlung im Handwerk würde steigen und einige Berufe profitieren davon. So werden die sogenannten Blaumannberufe wie Kfz-Mechaniker wieder attraktiver – besonders bei jungen Männern. Die Lehrkräfte benennen auch das Wegfallen des dreigliedrigen Schulsystems – also geteilt nach Haupt-, Realschule und Gymnasium – und die „Unbeliebtheit körperlicher Arbeit“ als mögliche Indikatoren für den Rückgang an Azubis.

Doch auch wenn sich ein junger Mensch für eine Ausbildung entscheidet, ist kein Erfolg garantiert. „Die Schere zwischen richtig gut und richtig schlecht wird immer größer“, meint Kaufmann. „Das Mittelfeld ist weggebrochen.“ Den Schülern fehle es teils an Grundlagen, etwa Mathe oder Deutsch. „Im letzten Jahr hatten wir eine hohe Abbruchquote im ersten Ausbildungsjahr.“ Die Qualität der Azubis sei gesunken, während die Anforderungen an die Ausbildung steigen würden. „Das Ausbildungsniveau bei einigen Berufen liegt zum Beispiel auf Realschulniveau, aber die Betriebe setzen auf Hauptschüler, weil die Bewerber schlichtweg ausbleiben“, beobachtet Niebuhr.

Die Lehrkräfte wollen auch zukünftig vor Ort den Auszubildenden eine vernünftige Schulbildung ermöglichen. Dafür bräuchte es aus ihrer Sicht eine Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel – „die kommen teils nicht mal vom Bahnhof weg“ – und weitere ausbildungsbegleitende, verpflichtende Sprachkurse. Und natürlich eine entsprechende Anerkennung in der Gesellschaft, damit nicht noch mehr Gewerke aus der BBS verschwinden. Aber sie haben auch Hoffnung: „Einige Ausbildungen werden langsam wieder attraktiver, weil sich der Jobmarkt für Studenten verändert und sie nach dem Abschluss Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben.“ Die Chancen im Handwerk sind groß, sind sich alle sicher.