Fußball-WM: Gianni und die Zirkuspferde


Am Sonntag ist es also so weit, dann steigt in New York das 104. Spiel der größten und an Gigantomanie nicht zu übertreffenden Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Im wichtigsten Match des Weltfußballs lautet einmal noch das Motto: Brot und Spiele

Imperator Gianni Infantino wird dann von oben auf seine Zirkuspferde herabblicken und milde und selbstzufrieden lächeln. Der FIFA-Präsident fühlt sich und seine Idee mit 48 Teilnehmern bestätigt, fantasiert jetzt schon von einer Aufstockung auf 64 Nationen in absehbarer Zeit. Sein Daumen wird allein über die Umsetzung entscheiden – und er wird unter Garantie nach oben zeigen.

Mehr Länder ergeben mehr Spiele, mehr Matches sind mehr Werbung, mehr Werbung ist schlicht und einfach mehr Geld. Viel mehr Geld. Die einzige Währung, die für Infantino zählt. 

Gepfiffen wird auf jegliche Moral, Raum gibt es maximal für Scheinheiligkeit. Das Ergebnis gibt dem Präsidenten leider recht. Alle tanzen nach seiner Pfeife und bewegen sich virtuos in abgesteckten Manegen wie die Pferde der Spanischen Hofreitschule.

Es handelt sich aber nicht um ein plötzlich auftretendes Phänomen, dass der Fußball zur perfekt funktionierenden Geldmaschine geworden ist. Denn spätestens um die Jahrtausendwende hat sich dieser Sport zu einer wahren Goldader entwickelt. 

Dem Beispiel der englischen Premier League folgte der europäische Verband UEFA mit dem neuen Format der Champions League, da darf sich dann auch die FIFA nicht lumpen lassen. Der Kuchen kann nicht groß genug sein, jeder darf davon abbeißen, denn mit vollem Mund lässt sich nur schwer Kritik äußern.

Das Modell funktioniert, weil die TV-Sender Unsummen bezahlen, weil der Fußball für die Allgemeinheit im Grunde einfach zu verstehen ist und trotz aller Taktik und Verwissenschaftlichung vor allem von den Emotionen lebt.

Man leidet mit, wenn England traditionell scheitert. Man bekommt fast einen Herzinfarkt, wenn Österreich gegen Algerien in der 93. Minute in Rückstand gerät. Man wird „deppert“, wenn Österreich in der 96. Minute ausgleicht. Man jubelt mit, wenn der 39-jährige Lionel Messi am Ende wieder den Unterschied ausmacht und im hohen Alter seine beste WM spielt. Man staunt, wenn Spanien Frankreich ins Abseits stellt.

Fußball berührt und bietet damit ausreichend Gesprächsstoff für die Stammtische dieser Welt. Das sind die Zwischenräume, in denen die Fußballromantik noch stattfindet. 

Diese WM hat davon genügend geboten, weil sie zu einem Turnier der aufgeigenden Stars wurde. Die Zirkuspferde Messi, Kane, Mbappé etc. haben das Publikum bestens unterhalten. Und ist die Plebs zufriedengestellt, darf auch der Imperator gönnerhaft den Daumen nach oben recken.

kurier.at  |  16.07.2026, 18:00