Sonnencreme-Video von Weltmeister Llorente: Dermatologen warnen vor falschen Botschaften
Publiziert2. September 2026, 18:36
«Absolut irreführend»Fussball-Weltmeister entsetzt Ärzte mit Sonnencreme-Video
Spaniens Weltmeister Marcos Llorente stellt den Nutzen von Sonnencreme infrage. Dermatologen warnen gegenüber 20 Minuten vor seiner Botschaft an Millionen Fans.

Darum gehts
- Spaniens Weltmeister Marcos Llorente sorgt mit einem viralen Instagram-Video gegen Sonnencreme für Aufsehen.
- Zwei Schweizer Dermatologen bezeichnen seine Aussagen als «absolut irreführend» und warnen vor dem Einfluss des Fussballstars auf seine Fans.
- Llorente fiel zuvor auch mit Aussagen zur Chemtrail-Verschwörungstheorie auf.
Ein halbnackter Mann schaut in die Kamera. Er ist durchtrainiert, man sieht seine muskulösen Oberarme und sein Sixpack. Er sitzt in der Sonne, sein langes, blondes Haar trägt er offen.
«Wenn sie mir sagen, ich soll mich vor der Sonne schützen …», heisst es im Video, bevor eine schnelle Abfolge von antiken Bildern erscheint, auf denen zu sehen ist, wie Menschen die Sonne vergöttern – dazu die Worte: «300’000 Jahre Sonnenverehrung.»
Es folgen unter dem Schriftzug «50 Jahre unnatürliche Lebensweise und Sonnencreme» mehrere Bilder von rauchenden und fettleibigen Menschen, Fast Food, Büros und Tattoos. Am Ende sieht man Menschen mit knallrotem Sonnenbrand. Dann erscheint der halbnackte Mann wieder mit dem Wort: «Sicher.»

Es ist das neueste Video des spanischen Weltmeisters Marcos Llorente. Fast zwei Millionen Aufrufe hat der kurze Clip bereits. Es ist das neueste Werk eines Fussballstars, der auf dem Feld mit Genialität und Arbeitseifer auffällt, neben dem Platz jedoch immer wieder mit wilden Theorien irritiert.

Spaniens Weltmeister glaubt an Chemtrails
Es ist nämlich nicht das erste Mal, dass er den Nutzen von Sonnencreme infrage stellt. Zuletzt verkleidete sich Llorente auch als Sonnencreme-Flasche. «Sonnencreme 650+. Blockiert Vitamin D seit 1985», stand auf seiner Verkleidung. Der Mann, der einen Marktwert von rund 20 Millionen Franken hat, zweifelt aber nicht nur am Sonnenschutz.
So hat er 2025 öffentlich seine Zweifel an der herkömmlichen Erklärung für die weissen Streifen am Himmel geäussert, die von Flugzeugen hinterlassen werden. In einem Gespräch in der Radiosendung «Partidazo de Cope»: «Ich sage nicht, dass sie absichtlich irgendeinen Scheiss auf uns herabsprühen. Ich sage, dass ich diese Spuren früher nicht stundenlang am Himmel gesehen habe. Ich wüsste gerne, was das ist. Es heisst ja, dass da etwas versprüht wird, um das Klima zu verändern.»

Er deutete damit an, dass diese Spuren möglicherweise für klimaverändernde Zwecke genutzt werden könnten, eine Aussage, die stark an die Chemtrail-Verschwörungstheorie erinnert. Diese besagt, dass Kondensstreifen chemische Substanzen enthalten, die zur Wetterkontrolle eingesetzt werden.
Marcos Llorente erhält viel Zuspruch – auch von seiner Partnerin
Der Aufschrei war riesig. In Spanien wurde wegen dieser Aussagen extrem kontrovers über Llorente diskutiert. Die Reaktionen reichten von vereinzelter Zustimmung über Interesse bis hin zu Stirnrunzeln und dem Vorwurf, dass der Nationalspieler Verschwörungstheorien verbreite. Jetzt ist es ähnlich.

Unter dem aktuellen Video hagelt es Kritik. «Unsinn», schreibt ein User. Ein anderer: «Was ist mit dir falsch?» Aber: Es gibt auch viel Zuspruch. Beinahe noch mehr als Kritik. «Endlich sagt jemand die Wahrheit», heisst es etwa – oder: «Je mehr Sonne, desto mehr Leben, so einfach ist das.» Auch von seiner Partnerin Patricia Noarbe, mit der Llorente ein Kind hat, erhält er viel Zuspruch.

Doch was sagt die Wissenschaft? Dermatologen sind auf Anfrage von 20 Minuten entsetzt.
«Diese Aussagen sind absolut irreführend»
Für die Dermatologin Marianne Meli sind Llorentes Aussagen «absolut irreführend». Der Vergleich mit früher greife zu kurz: Menschen würden heute älter, reisten öfter in sonnenreiche Länder und verbrächten mehr Freizeit draussen. Damit steige die UV-Belastung über das Leben hinweg deutlich. Zudem sei Hautkrebs früher seltener erfasst worden, während Kleidung die Haut oft besser geschützt habe.

Zwar könne die Haut auf UV-Strahlung reagieren: Bräunung und eine Verdickung der Hornschicht böten einen gewissen Eigenschutz. Doch dieser sei «bei weitem nicht ausreichend, um auf Sonnencreme zu verzichten», sagt Meli. Wer ohne Sonnenbrand aus der Sonne komme, könne daraus ebenfalls keine Entwarnung ableiten. UV-Strahlung schädige Hautzellen und ihre DNA, lange bevor sich die Haut sichtbar rötet.

Diese zunächst unsichtbaren Schäden können sich laut Meli über Jahre ansammeln. Möglich seien vorzeitige Hautalterung, Pigmentflecken, Hautkrebsvorstufen und Hautkrebs. Besonders problematisch sei es deshalb, wenn bekannte Sportler solche Botschaften verbreiteten: Fans könnten ihrem Vorbild folgen, auf ausreichenden Sonnenschutz verzichten und sich dadurch einem erhöhten Risiko für UV-bedingte Hautschäden aussetzen. «Solche Aussagen sind gar nicht harmlos», warnt Meli.
«Sportliche Höchstleistung ist kein Beleg für gesunden Menschenverstand»
Auch für Lukas Krähenbühl, Chefarzt a. i. Dermatologie und Allergologie am Kantonsspital Aarau, sind die Aussagen von Llorente «ein klassischer Fehlschluss». Er erklärt: «Erstens gab es Hautkrebs auch früher, er wurde nur seltener diagnostiziert, und die Lebenserwartung war niedriger, sodass er weniger Zeit hatte, aufzutreten.»

«Zweitens hat sich das Expositionsverhalten grundlegend geändert: gezieltes Sonnenbaden, Freizeit- und Strandkultur, kurze, intensive UV-Spitzen im Urlaub, weniger bedeckende Kleidung», so Krähenbühl. Drittens seien die Melanom- und generell Hautkrebszahlen in den letzten Jahrzehnten in hellhäutigen Bevölkerungen stark gestiegen.
So kommt es zum Sonnenbrand
«‹Früher› schützten sich Menschen faktisch anders – über Kleidung, Schatten, Kopfbedeckung und Meidung der Mittagssonne. Das Argument romantisiert eine Vergangenheit, in der Sonnenschäden real waren, aber nur weniger erkannt wurden», erklärt er und kritisiert vor allem, dass Llorente die Meinung öffentlich vertritt.
Das sei der besorgniserregendste Aspekt, sagt Krähenbühl. «Reichweite und Vorbildwirkung sind hier das Problem: Ein Spitzensportler mit Millionenpublikum verbreitet eine falsche Botschaft als vermeintliche Gesundheitsinformation, die sie nicht ist. Sportliche Höchstleistung ist kein Beleg für gesunden Menschenverstand – und schon gar nicht dermatologische Kompetenz.»

Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredakteur und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.